Bildungs- und Berufsbiografie
von Valerie Eichmann, Stefanie Fischer und Geza Georg Adasz
Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)
Assoziationen: Kinder- & Jugendtheater

„Das war alles in meinem Lebensweg vorher gar nicht vorgezeichnet, weil ich aus einem kleinbürgerlichen Haushalt kam, in dem Theater keine Rolle gespielt hat, und erst über das Studium ist dieses Interesse entstanden.“ (Interviewperson A)
„Also Kinder als Publikum sind super ehrlich einfach. Die spüren sofort, wenn die Spannung im Raum irgendwie weggeht. Die bleiben nicht dabeisitzen, nur weil es jetzt vielleicht angemessen wäre, noch zuzuhören.“ (Interviewperson D)
Die Theaterakteur*innen, die im Rahmen dieser Studie interviewt wurden, weisen höchst heterogene biografische Hintergründe auf. Dies betrifft sowohl die familiäre Herkunft als auch den spezifischen Bildungsverlauf und die – oftmals bereits mit dem Prozess der Ausbildung verwobenen – beruflichen Stationen. Im Folgenden werden die biografischen und beruflichen Hintergründe der Interviewpersonen näher beleuchtet, wobei insbesondere auch die Motivation für die Berufswahl des*der Theaterakteur*in und die Fokussierung auf die Darstellenden Künste für junges Publikum betrachtet werden.
Familiäre Herkunft und erste Berührungspunkte mit Theater
Die Theaterakteur*innen lassen sich, wird der Blick auf die familiäre Herkunft und die ersten Berührungspunkte mit den Darstellenden Künsten gerichtet, grob in zwei Gruppen einteilen. Die Theaterakteur*innen der ersten Gruppe sind überwiegend in akademischen Elternhäusern im städtischen Raum aufgewachsen und kamen bereits früh mit künstlerischen Inhalten in Kontakt. Dies beinhaltete die alltägliche Wahrnehmung von Kunst- und Kulturangeboten, wozu auch regelmäßige Theaterbesuche zählten (Interviewperson B, C, I). Teils wurde auf künstlerisch tätige Familienmitglieder und die dadurch entstandene Vertrautheit mit dem Theatermilieu hingewiesen: „Also mein Opa war Regisseur, von daher hatte ich da schon irgendwie früh eine Begegnung mit“ (Interviewperson D). Dennoch steht bei dieser Gruppe weniger die künstlerische Tätigkeit einzelner Familienmitglieder als allgemein der akademische Bildungshintergrund und die damit einhergehende Selbstverständlichkeit des Theaterbesuchs im Vordergrund: „Meine Eltern haben uns zu künstlerisch offenen Menschen erzogen. Wir sind in das Theater, sowie in Museen gegangen und haben Instrumente gelernt. Aber das war jetzt keine Theaterfamilie, gar keiner aus meiner Verwandtschaft hatte mit Theater zu tun“ (Interviewperson C). Der Besitz eines Theaterabonnements gehörte in diesem sozialen Milieu jedoch „zum guten Ton“ (Interviewperson I), und sorgte für eine Bindung an Kunst- und Kulturinstitutionen. Im Zusammenhang mit den eigenen Sozialisationserfahrungen wurde in den Interviews neben dem Elternhaus auch die Rolle der Schulen hinsichtlich der Förderung des Theaterbesuchs thematisiert. Positiv hervorgehoben wurden Kooperationen zwischen Theatern und Schulen, die Lehrer*innen und (interessierten) Schüler*innen einen Zugang zu vergünstigten Theater-Eintrittskarten ermöglichten. Diese Kooperationen hätten den regelmäßigen Theaterbesuch von Schüler*innengruppen in den großen städtischen Häusern erleichtert (Interviewperson I).
Theaterakteur*innen, die sich der zweiten Gruppe zuordnen lassen, sind überwiegend in nicht-akademischen Haushalten und/oder in ländlichen Regionen aufgewachsen. In den Interviews wurde deutlich, dass die Distanz zwischen dem Herkunftsmilieu einerseits und der Kunst- und Kulturszene andererseits betont wurde. So wurde der eigene Berufsweg in die Theaterwelt als „gar nicht vorgeschrieben“ reflektiert, sofern das Theater in der Kindheit „keine Rolle gespielt“ (Interviewperson A) hat. Teils wird sogar die Teilnahme an schulischen Theaterprojekten als „nicht so prägend“ (Interviewperson H) für die spätere Berufswahl eingeordnet. Der ländliche Raum spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle. So wird die geringe bis fehlende Präsenz des Theaters beziehungsweise des Theaterbesuchs im ländlichen Alltag beschrieben und resümiert, dass „Kunst und Kultur für mich eigentlich in den Bereich der Großstadt“ (Interviewperson N) gehören. Eine nachhaltige Berührung mit dem Theatermilieu habe sich häufig erst im späteren Lauf der Sozialisation ergeben, beispielsweise während des Studiums. Der Weg in die Theaterwelt wird vor diesem Hintergrund wiederholt als „rein zufällig“ (Interviewperson H, N) beschrieben; „ländlicher Raum“ und „Theater“ erscheinen in den biografischen Erzählungen als gegensätzliche Erfahrungsräume.
Verflechtung von Bildungs- und Berufsbiografie
Ungeachtet der unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen verdeutlichen die Interviews eine für die Gesamtgruppe charakteristische Einschätzung: Die Bildungs- und Berufswege der Theaterakteur*innen sowie ihre Fokussierung auf die Kinder- und Jugendtheaterarbeit gestalteten sich wenig linear. Wiederholt wurde von frühen Berufseinstiegen mittels Hospitanzen, Schul- und Studienabbrüchen, Quereinstiegen einschließlich berufsbegleitender Ausbildung beziehungsweise Studium, aber auch Richtungswechseln innerhalb der eigenen Theaterarbeit erzählt. So berichtete eine Interviewperson beispielsweise, ihre konkrete berufliche Entwicklung in der Theaterszene habe sich trotz früher Konzentration auf künstlerische Berufsfelder „mehr oder weniger so ergeben“ (Interviewperson D).
Tatsächlich berichteten nur einige der Interviewpersonen von einer frühen Fokussierung auf eine künstlerische Ausbildung, z. B. eine Artist*innenausbildung oder ein Figuren-, Musik- beziehungsweise Schauspielstudium (Interviewperson M, J, D, E). Weitere Befragte haben zunächst ein Lehramts-, Sozial-, Sonderpädagogik- oder auch Theaterwissenschaftsstudium gewählt, die Berührung mit Theaterarbeit fand hier entweder über Studienschwerpunkte (z. B. szenisches Spiel) und/oder Mitarbeit in studentischen Theaterprojekten statt (Interviewperson L, A, H). Die sich als neue Disziplin entwickelnde Theaterpädagogikausbildung spielte insbesondere bei den Quereinsteiger*innen eine wichtige Rolle und wurde berufsbegleitend, parallel zu Hospitanzen oder Projektmitarbeiten, in Form einer Theaterfortbildung oder eines Aufbaustudiums realisiert (Interviewperson G, N). Unter den Interviewpersonen finden sich aber auch Theaterakteur*innen, die sich als Quereinsteiger*innen – nach Ausbildungs- und/oder Studienabschluss sowie mehrjähriger Tätigkeit in anderen Berufsfeldern – für eine künstlerische Vollzeitausbildung entschieden haben (Interviewperson K, F).
Bei allen interviewten Theaterakteur*innen spielt die berufsbegleitende Weiterentwicklung der künstlerischen und teils auch theaterpädagogischen Arbeit durch Fortbildungen und Seminare eine hervorgehobene Rolle. Eine Interviewperson betonte, wie gut sich die (im weiteren Berufsverlauf erfolgte) theaterpädagogische Ausbildung mit dem Schauspielstudium ergänzt habe (Interviewperson C). Das angeeignete „pädagogische Handwerkszeug“ stelle eine wichtige Erweiterung der zunächst künstlerisch fokussierten Ausbildung dar und ermögliche, dass sowohl künstlerisches als auch theaterpädagogisches Schaffen „immer weiter professionalisiert werden“ können (Interviewperson C). Auch der finanzielle Aspekt spiele in diesem Zusammenhang eine Rolle, da der pädagogische Abschluss an einigen Instituten beziehungsweise Häusern die Voraussetzung für eine deutlich bessere Entlohnung sei (zur generellen Entlohnung der Theaterakteur*innen siehe auch Kapitel Wirtschaftliche Situation).
In der Darstellung der Bildungswege deutet sich bereits eine Verflechtung von Bildungs- und Berufsbiografien an. Die Mitarbeit in Theaterprojekten, die Durchführung von Hospitanzen, die Gründung von Theaterkollektiven, aber auch der Aufbau des eigenen Theaterbetriebs fanden bei den interviewten Theaterakteur*innen nicht zeitlich separat von Ausbildung und Studium, sondern überwiegend parallel zu diesen statt (Interviewperson G). Teils erfolgten Ausbildung und/oder Studium nicht direkt im Anschluss an die Schulausbildung, sondern erst nach einer mehrjährigen Phase der Mitarbeit in z. B. Theaterkollektiven und Figuren- oder Puppentheatern, einschließlich organisatorischer und unterstützender Tätigkeiten wie Beleuchtungsstatist*in, Regieassistent*in oder Souffleur*Souffleuse. Eine Interviewperson berichtete, wie sie sich zeitgleich zum Studium mit einem*r Partner*in einen eigenen Theaterbetrieb mit einer wachsenden Anzahl von Vorstellungen aufgebaut habe (Interviewperson H). Nach dem Studienabschluss lag hier also bereits eine etablierte Selbstständigkeit vor, die weiter ausgebaut werden konnte. Eine andere Interviewperson berichtet von ihrer Weiterbildung und Mitarbeit in einer Theaterwerkstatt begleitend zum Schulbesuch der Sekundarstufe II (Interviewperson C). Diese in verschiedenen Fächern wie Schauspiel, Dramaturgie, Ausstattung und Improvisation durchgeführte Weiterbildung habe die anschließende Durchführung kleinerer Inszenierungsprojekte sowie die Leitung eigener Theaterjugendgruppen ermöglicht. Beim späteren Studienbeginn hätten somit bereits umfangreiche Praxiserfahrungen vorgelegen, die eine informierte Studienwahl im künstlerischen Bereich ermöglichten. Ein*e weitere*r Theaterakteur*in berichtete von seinem*ihrem langjährigen Tourneealltag, der schon während der Ausbildung mittels Projektbeteiligung begonnen habe (Interviewperson F).
Berufliche Stationen
Die beruflichen Laufbahnen der interviewten Theaterakteur*innen sind gekennzeichnet durch hohe Mobilität und Flexibilität. Der häufige Wechsel zwischen verschiedenen beruflichen Stationen beziehungsweise die parallele Tätigkeit in unterschiedlichen Projekten ist dabei zunächst durch das Bestreben gekennzeichnet, verschiedene Inhalte und Formate auszuprobieren und sich auf diesem Weg beruflich weiterzuentwickeln. Verschiedene Interviewpersonen berichteten von ihrem Bedürfnis, mit innovativen Ansätzen zu arbeiten: „Ich habe irgendwann […] dann gemerkt, irgendwie das Traditionelle ist nicht meins. Das ist zu eng“ (Interviewperson H). Auch werde das Kinder- und Jugendtheater an manchen Häusern eher wie ein „Anhängsel“ behandelt und „inhaltlich künstlerisch viel zu wenig ernst genommen“ (Interviewperson A). Vor diesem Hintergrund entstehe der Wunsch, an Institutionen zu wechseln, „die auf der Suche […] nach neuen Formaten“ (Interviewperson B) seien.
Theaterakteur*innen, die sich frühzeitig auf eine künstlerische Ausbildung und Berufsrichtung fokussiert haben, blicken dabei auf eine überwiegend freischaffende Tätigkeit zurück (Interviewperson O, B, D). Dies schließt auch langjährige Erfahrungen im Tourneebetrieb mit intensiven Reisetätigkeiten ein (Interviewperson F, N). Diese Reisetätigkeiten werden hinsichtlich der beruflichen Weiterentwicklung und (internationalen) Vernetzung teils als „Privileg“ bezeichnet: „Das hat mich ganz maßgeblich positiv beeinflusst, weil ich dann auch so viele tolle Arbeiten gesehen habe“ (Interviewperson N). Tätigkeiten im Angestelltenverhältnis sind in diesen Berufsbiografien ebenfalls zu finden, u. a. in den Feldern Theaterleitung, -pädagogik und -verwaltung. Auch Kombinationen aus freischaffender und abhängiger Beschäftigung finden sich in den beruflichen Werdegängen, beispielsweise aufgrund gleichzeitiger theater- und sozialpädagogischer Tätigkeiten (Interviewperson I). Insbesondere künstlerische Tätigkeiten finden jedoch kaum oder nur vorübergehend in abhängiger Beschäftigung statt. Der Wechsel in die Selbstständigkeit wird hierbei als gezielte, an alternativen Inhalten orientierte Entscheidung dargestellt (Interviewperson A, N, F).
Bei Quereinsteiger*innen zeigen sich demgegenüber Berufsbiografien, die teils stärker von deutlichen Brüchen gekennzeichnet sind. Der berufliche Wechsel in die Theaterwelt ist hier u. a. durch längere Übergangsphasen aufgrund von Aus- und Weiterbildung sowie Aushilfs- und Nebenjobs gekennzeichnet: „Dann habe ich mir gedacht, ich setzte mir so 10 Jahre als Ziel. Wenn ich in 10 Jahren nicht davon leben kann, dann muss ich halt wieder zurück […]. Oder irgendetwas anderes machen“ (Interviewperson K). Teilweise wird der berufliche Wechsel auch durch Altersobergrenzen für ausgewählte (staatliche) Ausbildungs- und Studiengänge erschwert und der Besuch von Privatschulen stellt eine besonders für Quereinsteiger*innen signifikante finanzielle Hürde dar (Interviewperson G). Der Quereinstieg kann sich jedoch auch als Prozess, weniger als Bruch gestalten: Eine Interviewperson berichtete, wie sich bereits im Lehramtsstudium und später in der ersten Berufsphase als Lehrer*in eine zunehmend stärkere Fokussierung auf das Interessenfeld Kinder- und Jugendtheater abzeichnete. Dieses Interesse habe – unterstützt durch begleitenden, privaten Schauspielunterricht und Schulprojekte – zunächst auch in den Berufsalltag integriert werden zu können, bevor schließlich der Wechsel zur Berufstätigkeit der*des Theaterakteur*innen stattgefunden hat (Interviewperson L).
Hinsichtlich der Begleitung und Unterstützung der Theaterakteur*innen spielen zudem auch Mentor*innen eine wichtige Rolle. So wird die Wahl beruflicher Stationen teils durch den Wunsch, bei einem*einer ausgewählten Mentor*in die Ausbildung zu gehen, beeinflusst (Interviewperson B). Auch für Quereinsteiger*innen erweisen sich Mentor*innen als Schlüsselfiguren für den Weg in die Theaterwelt und/oder die berufliche Spezialisierung. So verdeutlichte eine Interviewperson, wie bedeutend die Ermutigung durch seine*ihre Mentor*in für seine*ihre berufliche Entwicklung gewesen ist: „Das war auch nochmal total entscheidend, zu wissen: Okay, das ist jetzt auch gar nicht mal schlecht, was ich mache. […] Ich hatte immer ein sehr, sehr kleines Selbstvertrauen, weil ich eben nicht sagen konnte, ich habe eine Schauspielausbildung gemacht“ (Interviewperson L). Auffallend ist jedoch, dass die interviewten Quereinsteiger*innen ihren Mentor*innen nicht zielgerichtet begegnet sind. Vielmehr zeichnen sich eher zufällige Begegnungen im Verlauf von Ausbildung und Berufseinstieg ab, hier nahmen beispielsweise (Theater-)Leitungspositionen proaktiv eine Mentor*innen-Rolle gegenüber den Quereinsteiger*innen ein (Interviewperson G).
Ein weiterer Aspekt, der die berufliche Entwicklung der Theaterakteur*innen entscheidend prägt, ist die Vernetzung innerhalb der (Kinder- und Jugend-) Theaterszene (siehe hierzu auch Kapitel Vernetzung). So erfolgt der Wechsel zwischen beruflichen Stationen entlang von Kontakten und mittels Empfehlungen von Kolleg*innen und Mentor*innen (Interviewperson I). Eine produktive Vernetzung kann sich dabei jedoch als Herausforderung darstellen. So berichtete ein*e Theaterschaffende*r, dass er*sie aufgrund seiner*ihrer Tourneetätigkeit zwar international sehr gut vernetzt sei und regelmäßig viele Einladungen zu Auftritten im europäischen Ausland erfolgen würden, sich die lokale berufliche Vernetzung am Wohnort jedoch problematisch gestalte: „Das ist einfach auch mein Zuhause. Und ich hatte ja auch immer die Idee: Da, wo ich wohne, möchte ich eigentlich auch gern arbeiten können“ (Interviewperson N).
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung zeichnet sich bereits ab, dass der Wechsel zwischen verschiedenen beruflichen Stationen für die Theaterakteur*innen nicht nur inhaltlich-thematisch im Verständnis eines Weiterentwicklungsbedarfs begründet ist, sondern auch durch sich ändernde oder problematische Rahmenbedingungen. Ein Beispiel hierfür ist der mit Uneinigkeiten oder Spannungen einhergehende Wechsel von Intendant*innen, der in einigen Fällen den Anstoß zur Gründung eines eigenen Theaterbetriebs gab (Interviewperson D, G). Schwierige Arbeitsbedingungen stellen ebenfalls einen wichtigen Grund für den Wechsel zu selbstständiger Theaterarbeit beziehungsweise der Gründung eigener Theaterbetriebe dar. Hierzu zählen umfangreiche Mehrarbeit und Tourneealltag, was insbesondere für Theaterakteur*innen mit Kind(ern) und/oder Pflegeaufgaben zu Vereinbarkeitsproblemen im Verlauf der Berufsbiografie führt (zur Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben siehe auch Kapitel Wirtschaftliche Situation). Aber auch hierarchische Strukturen und Machtmissbrauch, einschließlich Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts, stellen Auslöser für den Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel sowie die Entscheidung für eine Betriebsgründung dar. Nicht zuletzt bilden auch die Lebenshaltungskosten einen wichtigen Faktor bei der Entscheidung für den Wohnort und die damit im Zusammenhang stehenden Möglichkeiten für die Entwicklung von Theaterbetrieb und -format (Interviewperson A, B, H, C, O).
Fokussierung auf Kinder- und Jugendtheaterarbeit
Kinder und Jugendliche stellen bei den befragten Theaterakteur*innen die Hauptzielgruppe dar, allerdings zeigen sich unterschiedlich gelagerte Motivationen für diesen beruflichen Fokus. So werden Kinder als unvoreingenommen beschrieben, „weil sie keine Sehgewohnheiten mitbringen“ und „noch nicht in den Sachzwängen stecken“ (Interviewperson A). Kinder und Jugendliche stünden „ganz weit unten in der Machthierarchie und spür[t]en alle Widersprüche einer Gesellschaft und müssen die aushalten“, weshalb diese Zielgruppe eine besondere Aufmerksamkeit verdiene (Interviewperson A). Auch gäbe es „eine ganz andere Chance, […] die vierte Wand zu öffnen und in eine Interaktion zu gehen“ (Interviewperson E). Dem Kinder- und Jugendtheater wird in diesem Verständnis ein besonderes Potenzial zugetraut, gerade auch hinsichtlich der Entwicklung experimenteller Ansätze. Eine weitere Interviewperson berichtete, dass sie das Gefühl habe, dass das Kinder- und Jugendtheater „ein bisschen offener ist für interdisziplinäre Arbeit“ und „man eigentlich alle Sachen, alle Themen, die einen vielleicht im Erwachsenen-Theater interessieren würden, die kann man auch mit Kindern verhandeln“ (Interviewperson D).
Eine weitere, etwas anders gelagerte Argumentationslinie zielt auf die spezifische Berücksichtigung des Publikums. Der Kinder- und Jugendtheaterbereich sei besonders vielversprechend, hier gäbe es – im Unterschied zum Erwachsenentheater – eine besondere Auseinandersetzung mit der Frage: „Für wen spielt man welche Themen?“ (Interviewperson B) Auch sei es im Kinder- und Jugendtheater möglich, Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft zu erreichen. Beim Erwachsenentheater sei dies kaum der Fall: „Das sind Menschen, die sich mit den Themen, die da auf der Bühne verhandelt werden, sowieso schon auseinandersetzen“ (Interviewperson I). Bei jüngerem Publikum stehe demgegenüber die Chance, „dass die wirklich auch dieses Erlebnis Theater für sich mitnehmen und auch als einzigartig betrachten“ (Interviewperson E). Hier stehe zudem das Ziel im Vordergrund, Kindern und Jugendlichen das Theater als eigene Kunstform nahezubringen. Der Theaterbesuch solle z. B. neben dem Kinobesuch einen eigenen Stellenwert in der Wahrnehmung der Kinder erhalten. Dazu gehöre auch, Kinder und Jugendliche als Zielgruppe ernst zu nehmen und ihnen inhaltlich-thematisch etwas zuzutrauen (Interviewperson A). In diesem Zusammenhang berichtete ein*e Theaterakteur*in von der Notwendigkeit, insbesondere auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund als (Teil-)Zielgruppe zu adressieren und einzubeziehen (Interviewperson G). Aufgrund der Benachteiligung dieser Zielgruppe im Schulsystem käme interkulturellem Theater und theaterpädagogischer Arbeit eine vielversprechende Rolle zu. In diesem Verständnis wird auch auf das eigene Bedürfnis hingewiesen, „mit Kunst etwas zu bewirken“ – dies sei bei der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen wahrscheinlicher als bei Erwachsenen (Interviewperson I).
Ein weiteres Motiv für die Fokussierung auf Kinder- und Jugendtheaterarbeit liegt in der Schwerpunktsetzung des Ausbildungsprogramms. So beschrieb eine Interviewperson, wie sie durch ihre Dozent*innen, bei denen es sich überwiegend um Kinder- und Jugendtheaterschaffende gehandelt habe, geprägt worden sei: „Im Grunde bin ich so ganz naiv dann zu dieser Arbeit gekommen. Und rückblickend kann ich sagen, hatte das eigentlich ziemlich gepasst, weil es auch da sehr um das Berühren geht“ (Interviewperson F). Aber auch finanzielle Aspekte können ein wichtiges Motiv für den Fokus auf Kinder- und Jugendtheaterarbeit sein. „Wir hatten das Gefühl“, beschrieb ein*e weitere*r Theaterschaffende*r, dass „freie Gruppen […] fast nur noch im Kindertheaterbereich überleben“ (Interviewperson A) – und zwar aufgrund der Anzahl der Spielmöglichkeiten. Einige Befragte wiesen allerdings darauf hin, dass ihre Zielgruppe nicht auf das jüngere Publikum begrenzt sei. Eine klare Differenzierung zwischen Kinder- und Jugendtheater einerseits und Erwachsenentheater andererseits sei beispielsweise im ländlichen Raum kaum durchführbar und auch nicht unbedingt erstrebenswert: „Das, was wir hier [im ländlichen Raum] machen, ist eigentlich Theater für alle. Und hier ist immer die Frage: Welche Themen sind hier interessant? Weil die Leute sind es hier nicht so gewohnt, Theater schauen zu gehen und da ist es sowieso wichtig, ein möglichst breites Publikum anzusprechen“ (Interviewperson B). Die Theaterakteur*innen im ländlichen Raum müssten sich demnach besonders flexibel auf ein heterogenes und wechselndes Publikum einstellen und häufig altersübergreifende Theaterarbeit leisten.


















