Theater der Zeit

Einleitung

von Maria Nesemann

Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)

Assoziationen: Maxim Gorki Theater

Originaltitel in der Printausgabe: 1. Einleitung

Anzeige

Ein gedeckter langer Tisch, darauf ein großer Topf dampfender Reis. Um den Tisch herum eine bunt zusammengewürfelte Auswahl an Stühlen. Nach und nach versammelt sich hier eine Gruppe zum Mittagessen: das Theaterkollektiv, das für eine Residenz vor Ort ist; der Gärtner, der den Gemeinschaftsgarten pflegt und mit Schüler:innen der benachbarten Schule Gemüse anbaut; die Köchin, die mit den Schüler:innen das Gemüse zubereitet; die Sekretärin, die am Theater arbeitet, seit es dieses gibt, und die Verantwortliche der Theaterabteilung Kultureller Pluralismus und nachhaltige Entwicklung. Der Tisch befindet sich im Norden von Marseille, in der Gare Franche, einer Spielstätte des Theaters LE ZEF. Vom Alten Hafen im Stadtzentrum ist es etwa eine halbe Stunde Fahrt hierher, vorbei an vielen dicht gedrängten Hochhäusern und großen Straßen. Die Gare Franche selbst wirkt wie eine grüne Oase: Ein freistehendes, verwittertes Haus in einem etwas verwilderten Garten, daneben eine alte, luftig hohe Fabrikhalle, in der die Residenzkünstler:innen proben. Die Gespräche am Mittagstisch handeln von den Tätigkeiten, die die um den Tisch Versammelten beschäftigen: Das Theaterkollektiv berichtet von seinen Proben. Es nutze die Residenz als Rückzugsort, um in Ruhe zu arbeiten. Die Mitglieder des Kollektivs erzählen, dass vor allem die assoziierten Künstler:innen des Theaters immer wieder hierherkämen, um in den Austausch mit der Nachbarschaft zu gehen und mit ihnen gemeinsam künstlerische Projekte zu entwickeln. Auch der Gärtner ist in engem Kontakt zur Nachbarschaft. Mehrere Nachbar:innen bewirtschafteten einzelne Parzellen im Garten, erklärt er. Er gibt auch Gartenbauworkshops für sie. Mit Theater habe er allerdings nicht so viel am Hut, sagt er. Die Köchin plant gerade mit der Verantwortlichen für Kulturellen Pluralismus und nachhaltige Entwicklung die Aktionswoche Natur und Gemeingüter. Die Sekretärin erzählt von früher: Das Theaterprogramm habe da anders ausgesehen. Viele Operetten und Opern habe es gegeben, für die vor allem das Bildungsbürgertum aus dem Stadtzentrum gekommen sei.

Szenenwechsel. Dumpfe Bässe, Stimmengewirr. Junge Menschen, viele mit einer Cola oder einem Bier in der Hand, stehen im Foyer des Contact Theatre in Manchester. Die Wände sind in knalligen Farben gestrichen – eine Entscheidung der Jugendgruppe Construct, die bei den kürzlich abgeschlossenen Renovierungen am Theater mitarbeitete. An den Wänden ist auf großflächigen Paneelen zu lesen: „You are in contact“, „Where young people lead“ und „Your journey starts here“. Langsam strömen die Besucher:innen in den Publikumssaal, in dem Tische und Stühle verteilt sind. Getränke werden auf den Tischen abgestellt, Stühle zurechtgerückt. Auf der Bühne erscheint Sarah Saeed, Host des Abends und Gründerin von Lava Elastic, den sie als „UK’s first openly neurodiverse comedy club“ einführt. Sie verspricht eine Reihe großartiger Auftritte von neurodivergenten Künstler:innen, vorher aber präsentiert sie dem Publikum ihre große Leidenschaft: Lampen in allen Farben und Formen. Mit viel Humor spricht sie über die Lampen und über sich selbst: Sie sei Autistin, wahnsinnig lichtempfindlich und gleichzeitig große Lampenliebhaberin. Das Publikum lacht, bewundert und beklatscht das leuchtende Tetris-Spiel und den Sternenprojektor.

Szenenwechsel. In der Jurte vor dem Maxim Gorki Theater in Berlin hängen auf langen Papierbahnen Gedichte von der Decke, Bildschirme zeigen Kurzfilme, über Kopfhörer können die Besucher:innen einen Podcast hören. Magazine mit Comics und Collagen laden zum Blättern ein. All das ist Teil der Ausstellung Solange wir erinnern. Hanau Gedenken an Schulen. Sechzig Schüler:innen von zwei Berliner Schulen haben die Ausstellung gestaltet. Zuvor hatten sie sich mit den Projektleiterinnen Elona Beqiraj und Hiyam Biary intensiv mit dem rassistischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020, bei dem neun Menschen mit Migrationsgeschichte ermordet wurden, beschäftigt. Was hat das Ereignis mit uns gemacht? Wie wollen wir daran erinnern? Auf Grundlage dieser Fragen entwickelten die Schüler:innen mit Unterstützung von verschiedenen Künstler:innen mit Migrationsgeschichte und dem Maxim Gorki Theater künstlerische Projekte. Zwei Schülerinnen befragten sich in einem Podcast gegenseitig zu ihren Erfahrungen als migrantisch gelesene Personen, wie sie den Anschlag erlebt haben und was er für sie verändert hat. Eine Gruppe von Schüler:innen drehte einen Dokumentationsfilm über Menschen in Berlin, die sich gegen Rassismus einsetzen, und Menschen, die selbst rassistische Angriffe erlebt haben. Eine Gruppe entwickelte ein Magazin in verschiedenen Sprachen mit Illustrationen, Comics, Interviews, Collagen und Texten zum Anschlag. Mehrere Schüler:innen produzierten einen Satirefilm über Polizeigewalt. Eine Performance beschäftigte sich mit der Gentrifizierung von migrantisch geprägten Räumen in Berlin. Das Mosaik an künstlerischen Interventionen wird in den beteiligten Schulen und am Maxim Gorki Theater ausgestellt.1

Drei Szenen aus drei Theatern in drei Ländern: Auf ganz unterschiedliche Weise zeigen sie, wie Theater teilhaben an dem lokalen Kontext, der sie umgibt, und der wiederum eingebunden ist in globale, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Dass öffentlich geförderte Theater kulturelle Teilhabe ermöglichen sollen, ist ein zunehmend verbreiteter Anspruch – meist verbunden mit großen Erwartungen: Teilhabe soll Demokratie stärken, gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, zur Selbstwirksamkeit befähigen. Oft bleibt allerdings recht vage, was unter dem „Zauberwort“ Teilhabe konkret verstanden wird: Wer fühlt sich als Teil des Publikums eingeladen? Wer hat Teil an künstlerischen Projekten? Wer ist Teil von Entscheidungsprozessen? Noch grundlegender lässt sich fragen: Wer soll an wessen Kultur teilhaben? Und welches Demokratieverständnis ist damit verbunden? Die drei Szenen zeigen: Teilhabe geht hier darüber hinaus, dass die Theater die Zugänge zu ihrem Angebot erleichtern. Die Beispiele machen deutlich: Sich zu öffnen bedeutet nicht nur, die Tür zum eigenen Haus ein Stückchen weiter aufzumachen, sondern selbst vor die Tür zu treten. Damit verbunden sind strukturelle Transformationen der Theaterhäuser und ein sich veränderndes Verständnis davon, was Theater eigentlich sein kann.

Die Theater reagieren mit teilhabeorientierten Aktivitäten auf eine Problematik, die ihre Legitimität langfristig infrage stellen könnte: Bislang handelt es sich um einen relativ kleinen, homogenen Teil der Bevölkerung, der am Theaterangebot teilhat. Dieser ist weitgehend formal hoch gebildet, gut verdienend, weiß, eher älter – und tendenziell rückläufig. Vor allem jüngere Menschen haben die Einstellung, Theater richte sich nicht an sie. Werden die öffentlich geförderten Theater als nicht (mehr) relevant für die Gesellschaft wahrgenommen, gefährdet das ihre Legitimität und damit auch ihre finanzielle Förderung. In den Blick genommen werden in dieser Arbeit die öffentlich geförderten Theaterlandschaften in Deutschland, England und Frankreich und ihre jeweilige Theatergovernance. Unter Governance wird hier nicht nur staatliche kulturpolitische Steuerung verstanden, sondern auch die Steuerung durch nicht-staatliche Akteur:innen und die Beeinflussung durch bestimmte Anspruchsgruppen und der Gesellschaft zugrunde liegende Norm- und Wertvorstellungen. Daran anschließen lassen sich Annahmen zur Legitimität aus der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie: Diese geht davon aus, dass die Handlungen einer Organisation sich nicht nur daran ausrichten, wie effizient sie sind, sondern vordergründig daran, inwieweit sie Erwartungen bestimmter Stakeholder und gesellschaftliche Werte und Normen erfüllen und damit die Legitimität der Organisation bewahren. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass sich die gesellschaftlich verankerten Vorstellungen davon, wie sich Theater legitimiert und welches Verständnis von Teilhabe hierfür eine Rolle spielt, unterscheiden. Es wird deutlich: Es gibt nicht die eine gültige Erzählung darüber, was dem Theater Legitimität verleiht, warum es wichtig für die Gesellschaft ist und welche Rolle Teilhabe dabei spielt. Die Gegenüberstellung von Narrativen aus verschiedenen Ländern veranschaulicht, dass diese Erzählungen länderspezifisch sind, mit den jeweiligen Theaterlandschaften historisch gewachsen und auch die aktuelle kulturpolitische Steuerung von Theater beeinflussend.

Die vorliegende Arbeit geht daher den Fragen nach:

Welche Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, mehr Teilhabe zu ermöglichen, entwickeln die öffentlich geförderten Theater in Deutschland, Frankreich und England? Welches Verständnis von Teilhabe liegt dem zugrunde?

Welches Verständnis von Teilhabe ist in den untersuchten Theatergovernance-Regimen präsent und welchen Einfluss haben diese auf die teilhabeorientierte Arbeit am Theater in Deutschland, England und Frankreich?

Damit reagiert die Arbeit auf folgende Bedarfe: Sie liefert einen Beitrag zum Diskurs zur kulturellen Teilhabe und trägt zur Schärfung des Teilhabebegriffs für öffentlich gefördertes Theater bei. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Teilhabe am Theater wird bislang in unterschiedlichen Disziplinen (der Sozial- und Geisteswissenschaften) und unterschiedlichen geografischen Kontexten (in diesem Fall England, Frankreich und Deutschland) relativ getrennt voneinander geführt. Die vorliegende Arbeit setzt diese in einen Zusammenhang und kann dadurch den Begriff differenziert darstellen und generelle Entwicklungen des Diskurses, über Disziplin- und Ländergrenzen hinweg, aufzeigen.

In der DFG-geförderten Forschungsgruppe Krisengefüge der Künste. Institutionelle Transformationsdynamiken in den darstellenden Künsten der Gegenwart, in deren Kontext die vorliegende Arbeit entstand, wurde von 2018 bis 2024 zu institutionellen Transformationen im Theater geforscht. In diesem Zusammenhang entstanden unter anderem die Sammelpublikationen Cultural Governance. Legitimation und Steuerung in den darstellenden Künsten2 und Struktur und Ästhetik. Interdisziplinäre Perspektiven auf die Darstellenden Künste der Gegenwart3. Die hier versammelten interdisziplinären Perspektiven, die mit der „Brille“ der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie auf den Gegenstand Theater blicken, sind für diese Arbeit grundlegend. Dieser Zugriff auf Theater stellt einen relativ neuen Forschungsansatz dar: Die Verbindung sozial- und geisteswissenschaftlicher Methoden in den darstellenden Künsten und die Betrachtung der Institution Theater stellten bislang ein weitgehendes Forschungsdesiderat dar. Gleiches lässt sich für die wissenschaftliche Beschäftigung mit kultureller Teilhabe beobachten: Der Diskurs hierüber fand bislang relativ getrennt, teils auch in bewusster Abgrenzung, in der sozialwissenschaftlich geprägten Kulturmanagementforschung und der vornehmlich geisteswissenschaftlichen (kritischen) Kunstvermittlung statt. Die Erweiterung in der zweiten Projektphase der Forschungsgruppe um den Blick über die Grenzen der deutschen Theaterlandschaft hinaus ist gerade vor dem Hintergrund des Neoinstitutionalismus relevant: Dieser betrachtet unter anderem die unhinterfragten Annahmen, die in einer Gesellschaft bestehen. Um sich diese zu vergegenwärtigen, ist ein internationaler Vergleich von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig stellt sich damit eine nicht unwesentliche Herausforderung: Eine gute Kenntnis der Theaterlandschaften und ihrer Governance-Systeme ist Voraussetzung, um Vergleiche zwischen den Ländern ziehen zu können. Zu den in dieser Arbeit in den Blick genommenen Theaterlandschaften in England und Frankreich gibt es bislang kaum vergleichende Forschung. Zu den Ausnahmen gehört die auf Theaterfinanzierung bezogene Monografie „Gutes“ Theater. Theaterfinanzierung und Theaterangebot in Großbritannien und Deutschland im Vergleich.4 Diese untersucht den Zusammenhang zwischen der Art der Finanzierung und dem Angebot der Theater und verbindet damit ebenfalls die Frage nach (einem Teilaspekt) der Theater-Governance mit der des Theaterangebots. Allerdings sind die hier verwendeten Quellen nicht mehr aktuell und daher nur eingeschränkt verwendbar. Die dreisprachige Internetpublikation Zeit für Vermittlung5 untersucht den Vermittlungsbegriff im deutsch-, französisch- und englischsprachigen Kontext. Der internationale Vergleich in dieser Arbeit ermöglicht erstmals die Darstellung von Zusammenhängen zwischen Theatergovernance und teilhabeorientierter Arbeit am Theater in Deutschland, Frankreich und England: Es wird deutlich werden, dass Theatergovernance – obwohl es sich geografisch um direkte Nachbarn handelt – gänzlich unterschiedlich aussehen kann. Dadurch werden Ergebnisse gewonnen zum Einfluss der Governancesysteme auf die teilhabeorientierte Arbeit an den Theatern und damit auch zu möglichen Strategien der Theater und ihrer Träger in Bezug auf Teilhabe am Theater.

Die Arbeit geht dabei folgendermaßen vor: Um die konkreten teilhabeorientierten Maßnahmen in Theater und Kulturpolitik in den drei Ländern differenziert beschreiben, reflektieren und einordnen zu können, werden zunächst die für diese Arbeit grundlegenden Begriffe theoretisch eingeführt. Der Begriff der Öffentlichkeit ist für die Betrachtung des Verhältnisses von Demokratie und Theater zentral. Die Arbeit unterscheidet drei Zugriffe auf Theater-Öffentlichkeit: Öffentlichkeit als Zugänglichkeit, als meinungsbildenden Teil der Gesellschaft und als finanziert und gesteuert durch öffentliche Vertreter:innen. Diese drei Aspekte werden für die drei Länder historisch eingeordnet. Anschließend wird der Legitimationsbegriff, orientiert an der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie, eingeführt. Es werden Kriterien für die Beschreibung der Erzählungen in Deutschland, England und Frankreich, die Theater legitimieren, herausgearbeitet. Bereits in der Beschäftigung mit dem Öffentlichkeitsbegriff und dem Legitimationsbegriff im Zusammenhang mit öffentlich gefördertem Theater wird deutlich: Die vorliegende Arbeit bewegt sich in einem durchaus komplexen, nicht konfliktfreien Spannungsfeld zwischen Kunstfreiheit, Teilhabe und Demokratie. Mittels unterschiedlicher Zugriffe aus Demokratietheorie, ästhetischer Philosophie, Kulturmanagement- und Kunstvermittlungsdiskursen wird dieses Spannungsfeld nicht aufgehoben, sondern beschreibbar gemacht. Zentral hierfür ist die Unterscheidung des Teilhabebegriffs mittels eines Begriffspaars, das im Deutschen bislang kaum Verwendung findet, im Englischen und Französischen allerdings etabliert ist: Teilhabe lässt sich in den beiden Sprachen unterscheiden in democratisation of culture/démocratisation culturelle und cultural democracy/démocratie culturelle. Die – übersetzt – Demokratisierung von Kultur beschreibt Teilhabe als Prozess, der ein bereits etabliertes Kulturangebot zugänglicher macht. Kulturelle Demokratie dagegen meint Teilhabe im Sinne einer Öffnung dessen, was als öffentliche Kultur verstanden und gefördert wird. Beide Begriffe verorten Teilhabe innerhalb eines demokratischen Systems, führen aber zu sich deutlich voneinander unterscheidenden Strategien für Teilhabeorientierung. Dem Begriffspaar werden in dieser Arbeit verschiedene Teilhabediskurse aus unterschiedlichen Disziplinen und geografischen Kontexten zugeordnet. Diese bereichern und befragen das Verständnis von Teilhabe als Demokratisierung von Kultur und Kultureller Demokratie. Aus den vorherigen Erkenntnissen wird ein Modell für Teilhabeorientierung am Theater entwickelt, das im weiteren Verlauf der Arbeit als Analyseschema genutzt wird. Auf den theoretischen Unterbau folgt die empirische Untersuchung der Theatergovernance-Systeme in Deutschland, England und Frankreich und der teilhabeorientierten Arbeit an einzelnen Theatern in den drei Ländern. Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Eine Sekundäranalyse von empirischen Studien in Deutschland, England und Frankreich schafft einen Überblick über Erkenntnisse zur Theaternutzung, zur Zusammensetzung von Theaterpublikum und zu vorhandenen Erwartungen an Theater und mit dem Theaterbesuch verbundenen Barrieren. Damit kann die Annahme, dass die Besucher:innenzahlen abnehmen und das Theaterpublikum sehr homogen zusammengesetzt ist, überprüft werden. Eine Literaturrecherche zu den theaterpolitischen Systemen (wissenschaftliche Literatur und die Analyse von Gesetzestexten und Fördervorgaben zur Teilhabeorientierung von öffentlich gefördertem Theater) gibt Aufschluss über das Verständnis von Teilhabe und damit verbunden über staatliche Governancestrategien für kulturelle Teilhabe. Die Arbeit untersucht an Fallbeispieltheatern in den drei Ländern teilhabeorientierte Maßnahmen und Perspektiven der Theater auf Veränderungstendenzen des Publikums und ihren institutionellen Kontext. Jeweils drei in Größe und geografischer Lage möglichst unterschiedliche institutionell geförderte Theater in Deutschland, England und Frankreich wurden dafür ausgewählt. Die Erkenntnisse aus Interviews mit Personen der Theaterleitung, der Vermittlung und der Kommunikation und eine Analyse der Spielzeithefte werden in das zuvor vorgestellte Modell für Teilhabeorientierung am Theater eingeordnet. Als letzter Baustein der empirischen Untersuchung werden Interviews mit kulturpolitischen Akteur:innen in den drei Ländern im Hinblick auf ihr Selbstverständnis, ihren Teilhabebegriff und die Bewertung entsprechender Maßnahmen ausgewertet und den Interviews der Theaterschaffenden gegenübergestellt. Der Ländervergleich ermöglicht das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Zusammenhängen von Theatergovernance und teilhabeorientierter Arbeit am Theater. Abschließend werden die zentralen Erkenntnisse aus theoretischen Überlegungen und empirischen Ergebnissen zusammengeführt und es wird ein Ausblick auf die zukünftige Beschäftigung mit Teilhabeorientierung am Theater aus wissenschaftlicher, kulturpolitischer und theaterorganisationaler Perspektive gegeben.

Der kurze Überblick über die Arbeit und ihr Vorgehen zeigt: Es handelt sich um eine umfangreiche Zusammenstellung theoretischer Reflexionen und empirischer Erkenntnisse aus Theater- und Kulturpolitikperspektive – in der Überzeugung, dass diese im Zusammenspiel einen Beitrag zum Verständnis von Teilhabe und zur zukünftigen Beschäftigung mit Teilhabeorientierung am Theater und in der Kulturpolitik liefern können. Um trotz des Umfangs den Überblick zu bewahren und auch zwischen den unterschiedlichen Ebenen der Arbeit hin- und herspringen zu können, sind in den Zwischenresümees jeweils am Kapitelende zentrale Ergebnisse zusammengefasst.


Anmerkungen

  1. Die ersten zwei beschriebenen Szenen habe ich bei den Forschungsreisen für diese Arbeit beobachten können: Die erste am 22. März 2022 am Theater LE ZEF in Marseille, die zweite am 11. November 2022 am Contact Theatre in Manchester. Die dritte Szene schilderte Elona Beqiraj, die das Projekt als Vortragende auf dem Symposium Becoming public! am 3. November 2023 vorstellte. Das Symposium wurde von dem Forschungsprojekt, in dessen Rahmen die vorliegende Arbeit entstanden ist, durchgeführt und unter anderem von Vertreter:innen der in dieser Arbeit untersuchten Fallbeispieltheater mitgestaltet.
  2. Mandel/Zimmer 2021.
  3. Eder et al. 2024.
  4. Gerlach-March 2011.
  5. Mörsch 2012.
teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige