Theater der Zeit

Kolumne

Präsentabel 2.0

Über die letzte verbleibende marktwirtschaftlich nicht ausschlachtbare Protestform

von Nis-Momme Stockmann

Erschienen in: Theater der Zeit: Frontmann Hamlet – Der Dresdner Musiker-Schauspieler Christian Friedel (03/2013)

Assoziationen: Debatte

To talk shit about Facebook is an ungrateful task – und ich tu es ganz sicher nicht gerne. Denn: Der Möglichkeiten, sich auf diesem Wege lächerlich zu machen, sind mindestens zwei. Erstens: Kulturpessimismus hat sich – neueren Weltuntergangsprognosen nicht unähnlich – als unfruchtbares Sub-Hobby gezeigt. Denken wir zurück in die frühen Neunziger, in denen der großen Mehrheit klar war, dass das Internet lediglich ein Werkzeug für eine sich über Star Trek austauschende Minderheit war. Zweitens: Wie noch etwas angreifen? Die perfekte gesellschaftliche Durchdringung der postmodernen Medienphänomene (die sie als solche erst definiert) bewirkt, dass die tief in das abendländische Moralverhalten verankerte Parabel vom Glashaus, in dem das Steinewerfen keine kluge Sache ist, die Sache extrem kompliziert macht. Weil also: WIR LEBEN IN EINEM GOTTVERDAMMTEN GLASHAUS, MIT GLASTÜREN UND GLASFUSSBÖDEN UND GLASTELEFON UND GLASTOILETTENPAPIER UND GLASLUFT, DIE WIR IN UNSERE GLÄSERNE LUNGEN EINSAUGEN! WOLLTEN WIR EINEN STEIN WERFEN – DANN WÄRE DIESER AUS GLITZERNDEM, EXTREM FILIGRAN GEARBEITETEM, HOCH ZERBRECHLICHEM GLAS!

Ich bin auf Facebook, auch wenn ich es fragwürdig und oftmals zum Spontan- Losbrechen finde: Ich sitze in Tokio beim Sushi, und was kommt mir in den Sinn? Einen Haiku verfassen? Nein: Ich ziehe mein iPhone, fotografiere mein Essen und poste es auf Facebook. Darunter schreibe ich: „So SWAAAG!: Sushi in Tokyo!“ Meine Freunde liken oder kommentieren verhuscht: „Neid – wär gern da“, „voll lecker sieht das aus – HAPS“ etc. Wenn nicht das, schweigen sie höflich. Denn das, was sie eigentlich sagen wollen, ist: Menschen, die ihr Essen auf Facebook posten, gehört mal anständig in den Arsch getreten. Und das ist auch genau das, was ich denke, wenn mal wieder jemand sein exotisches Essen mit einem Sonnenuntergangsmotiv seines exotischen Urlaubsortes kombiniert. Bei all dem: Was war noch gleich das vornehmliche Ziel Facebooks? Nun, befragen wir doch das Kernmotto des Brands: „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“ Jep – das ist der Slogan von Facebook. Geht gut über die Lippen.

Aber warum ist Facebook so extrem erfolgreich (1,3 Milliarden Nutzer)? Weil wir sonst keine Möglichkeiten hätten, miteinander in Kontakt zu geraten? Nein: Facebook ermöglicht uns eine Kommunikation, die wir gezielt mit unserer präferierten Selbstdarstellung in Takt bringen können. Ein Boykott von Facebook wäre also notwendigerweise ein Boykott an uns selbst bzw. ein Boykott an unserer Selbstdarstellungsform, wie sie uns Facebook anbietet bzw. wie wir sie von Facebook verlangen (denn das ist ja dialektisch). Worum geht’s also bei meinem Sushi in Tokio? Um Sushi? Um Tokio?

Gäbe es nur diese obszöne Erscheinungsform der Selbstdarstellung, wäre es leicht, das Portal zu hassen. Aaaaaber: Da sind ja auch noch die sich einer klaren Kritik entziehenden metatextlich komplexen Beiträge, die gut geratenen Fotos schöner Menschen, die geistreichen gesellschaftskritischen Kommentare und klugen Witze. All das, was singt: An mir ist ein Künstler, ein Schauspieler, ein Komiker, ein Denker verloren gegangen.

Nun: Wenn aber alle besonders sind oder werden, dann sind sie ja gewissermaßen was? Gewöhnlich. Das neue Außergewöhnlich wäre dieser Logik folgend also was? Genau! Daher mein Vorschlag für einen möglichen Boykott: Lassen Sie uns gemeinsam die absolute Mittelmäßigkeit unserer Persönlichkeit entdecken! Die nicht werbefähigen Aspekte unseres Ichs, die uns von niemand anderem unterscheiden. Mit denen wir gegen die ganzen tollen Persönlichkeiten da draußen und ihre Superiorität den Kürzeren ziehen – lassen Sie uns herausfinden, ob es noch andere Gründe gibt, Fotos zu schießen und Texte zu schreiben, als unsere Selbstdarstellung. Lassen Sie uns herausfinden, ob wir mutig genug sind, ob wir Selbstliebe genug empfinden, um zur dumpfen grauen, nicht ausgestalteten Allgemeinheit zu gehören.

Denn: Der postmoderne Kapitalismus wird früher oder später die in den vergangenen 10 000 Jahren zur kulturellen Notwendigkeit stilisierte Suchbewegung des Menschen in sein Gegenteil zwingen. Daher soll es ab sofort und schon durch uns Avantgardisten heißen:

Alles was ich NICHT tue, wird mir ein gutes Gefühl geben. Lassen Sie uns heute damit anfangen. Kommen Sie, machen Sie mit: Ich will mich selbst desavouieren und damit aufräumen, dass ich besonders bin. Sie und ich – wir haben das Zeug zum Mittelmaß. Wir müssen nur fest genug daran glauben. Klatscht in die Hände: Say „YES – so wird’s gehen“. … Formidabel, das wird ein Knaller … Werd gleich mal eine Gruppe auf Facebook gründen. //

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