Fehlanzeige
von B. K. Tragelehn
Erschienen in: Recherchen 179: Roter Stern in den Wolken 3 – Aufsätze, Reden, Gespräche, Gedichte. Ein Lesebuch (04/2026)
Assoziationen: Theatergeschichte

B. K. Tragelehn veröffentlichte 2009 im Dezember-Heft von Theater der Zeit diesen am 9. November desselben Jahres geschriebenen Text.
Ich muss es nicht erklären, aber klären für mich, warum ich seit über zehn Jahren, mit wenigen Ausnahmen, nicht mehr Theater gemacht habe. Grund ist die schmerzliche Empfindung eines Defizits. Die Gegenwart ist prosaisch. Wo ist die Poesie? Vor zwei Jahren stand in der Zeitschrift Sinn und Form ein Aufsatz mit dem Titel »Pathosallergie und Ironiekonjunktur«, der sich mit dem Defizit beschäftigt hat. Ein Wunder, dass es bemerkt worden ist. Freund Kleinschmidt hat es vollbracht1. Aber wurde seine Wahrnehmung wahrgenommen? Kaum. Das mag auch daran liegen, dass er sich im geistesgeschichtlichen Bereich aufhält und den Blick auf den geschichtlichen Grund scheut. Vor zwanzig Jahren waren die Chöre des Herbstes 1989 von unterschiedlicher Musikalität. Als es noch gefährlich war, auf die Straße zu gehen, hat der Ruf »Wir sind das Volk«, erst trotzig, dann jubelnd, Selbstbewusstsein bekundet. Er hatte Pathos. Als die Schwäche des Staates (Herrschaft aufrechtzuerhalten und Aufruhr niederzuschlagen oder, wie man das nennt, Ordnung herzustellen) offenkundig wurde, war es nicht mehr gefährlich. Gleich klang die Musik anders. Sie klang lärmend und kläglich. Aus dem Chor »Wir sind ein...


















