Theater und ländliche Räume: Flächendeckende Grundversorgung jungen Publikums durch Freie Kinder- und Jugendtheater
Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)

Im vorangegangenen Kapitel wurde bereits thematisiert, dass der Großteil der Freien Kinder- und Jugendtheater ohne eigene feste Spielstätte arbeitet. Somit spielt die Reisetätigkeit eine entscheidende Rolle für Freie Theater bei der Ausübung ihrer Arbeit. Sie sind dadurch auf Kooperationen mit Veranstaltungsorten sowie Bildungs- und Freizeiteinrichtungen angewiesen.1
Sobald sich Freie Theater auf den Weg machen und Gastspiele in Kitas, Grundschulen oder Museen aufführen, tragen sie zu einem großen Teil zur flächendeckenden Grundversorgung von jungem Publikum mit kulturellen Bildungs- und Teilhabeangeboten bei. Gerade für Bildungseinrichtungen stellt die Anreise zu lokalen Theaterstandorten oft eine organisatorische und finanzielle Hürde dar, die durch die Aufführungen vor Ort umgangen wird.
Dieses Kapitel konzentriert sich auf das Reiseverhalten Freier Theater für junges Publikum und liefert Informationen zu Distanzen, die für Gastspiele zurückgelegt werden, zur Versorgungsdichte von Kindern und Jugendlichen in städtischen sowie ländlichen Räumen und stellt abschließend die Relevanz von Kulturangeboten in ländlichen Räumen heraus.Der Blick auf die Ergebnisse rund um die Entfernungen der Gastspielreisen zeigt, dass die Entfernungen zu den Spielorten eine erhebliche Spannbreite aufweisen, und die meisten Theater sowohl in ihrer unmittelbaren Umgebung als auch an weit entfernten Spielstätten auftreten. Im Zeitraum von 2017–2019 betrug der durchschnittliche Aktionsradius der Theater in Deutschland 139,9 Kilometer, wobei die am weitesten entfernten Ziele im Schnitt 441,3 Kilometer von ihrem Standort entfernt lagen. Nach 2020 reduzierte sich der Durchschnittsradius auf 85,8 Kilometer, mit einem durchschnittlichen Maximum von 254,5 Kilometern. Die Gesamtanzahl der erfassten Gastspielreisen mit identifizierbaren Zielorten verringerte sich im Jahresdurchschnitt von 2 336 auf 1 507 und war somit um 35,5 Prozent geringer als vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie.2
Die Daten zur Gastspieltätigkeit zeigen, dass die untersuchten Freien Theater grundsätzlich das gesamte Bundesgebiet abdecken, wobei jedoch periphere Regionen weniger bespielt werden, sowohl räumlich als auch in Bezug auf die Häufigkeit der Auftritte.
Interessant ist dabei die differenzierte Betrachtung der Reiseziele von Theatern nach ihren Standorten – insbesondere in kombinierter Betrachtung mit den durchschnittlich zurückgelegten Distanzen. Freie Theater in ländlichen Regionen der Flächenländer treten tendenziell eher in näherer Umgebung zu ihrem Standort auf, während Theater aus städtischen Gebieten der Flächenländer im Durchschnitt eher weitere Reisen unternehmen. Beispielhaft folgt ein Blick auf die erhobenen Daten (Zeitraum 2017–2019) der Theater in Baden-Württemberg und Bayern.3 In den Jahren 2017–2019 legten Theater aus ländlichen Regionen in Baden-Württemberg eine durchschnittliche Entfernung von 82 Kilometer für Gastspielreisen zurück. Diese Reisen ländlicher Theater führten zu 74 Prozent an ländliche Spielorte. In Bayern wurden von Theatern mit Sitz in ländlichen Räumen Ziele angesteuert, die im Schnitt 70 Kilometer entfernt waren. Diese Ziele lagen zu 70 Prozent ebenfalls ländlich. Währenddessen reisten die Baden-Württemberger Theater aus Städten zwar durchschnittlich 141 Kilometer weit, aber nur zu 33 Prozent an Zielorte in ländlichen Regionen. Die ausgewerteten bayerischen Theater reisten 213 Kilometer weit und nur zu 30 Prozent in periphere Gebiete. Das heißt, dass Theater, die in ländlichen Regionen verortet sind, tendenziell stärker ländliche Regionen bespielen als Theater, die ihren Sitz in Städten haben.
In Bundesländern mit einer höheren Bevölkerungsdichte zeigt sich ein entsprechend der Gegebenheit anderes Bild – die Theater spielten häufiger in urbanen Räumen: Beispielsweise reisten in Hessen Freie Theater aus den Städten im Schnitt nur 53 Kilometer zu Gastspielterminen, und nur 15 Prozent davon kamen in ländlichen Regionen zur Aufführung. Theater mit Sitz außerhalb der Großstädte legten durchschnittlich 128 Kilometer zurück und spielten zu 41 Prozent in ländlichen Gebieten.
In einer weiterführenden Studie müsste mit einem größeren Datenbestand die Reisetätigkeiten nach Rechtsformen untersucht werden. Die vorliegende Datenerhebung umfasst in einigen Kategorien nur eine geringe Anzahl von Theatern: In der Rechtsform gGmbH liegt N bei 3 und bei den GmbHs nur bei 1. Im Vergleich dieser zu Einzelunternehmer*innen, Vereinen oder Gesellschaften bürgerlichen Rechts, von denen mehr Informationen zu Reiseentfernungen vorliegen, ist festzustellen, dass größere Strukturen für Gastspiele weitere Strecken fahren als kleinere. So legten die drei erfassten gGmbHs aus städtischen Räumen 2017–2019 durchschnittlich 460,5 Kilometer zurück und reisten maximal sogar 777 Kilometer zum Aufführungsort. Einzelunternehmer*innen aus Städten fuhren im gleichen Zeitraum maximal 466,7 Kilometer und durchschnittlich 106 Kilometer. Die durchschnittlichen Entfernungen der Vereine (111,1 Kilometer) und GbRs (109 Kilometer) sind vergleichbar.
Zur Versorgungsdichte der verschiedenen Regionen mit Freien Theatern für Kinder und Jugendliche lassen sich aufgrund der außergewöhnlich detaillierten Daten interessante Schlussfolgerungen ziehen. Bei der Betrachtung der Verteilung der 258 erfassten Freien Kinder- und Jugendtheater im Verhältnis zur Bevölkerung ergibt sich auf Bundesebene ein durchschnittlicher Wert von 1,9 Freien Theatern pro 100 000 Einwohner*innen unter 18 Jahren. Dies bedeutet theoretisch betrachtet, dass jedem erfassten Theater ein potenzielles Publikum von 50 000 jungen Menschen zukommen würde. Auch wenn wichtig zu beachten ist, dass diese Berechnung den realen Gegebenheiten nicht gerecht wird, da es Freie Theater gibt, die die NEUSTART-Förderung nicht beantragt haben, verdeutlicht sie doch einerseits den Bedarf an einer flächendeckenden Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Theaterangeboten und andererseits das erhebliche ungenutzte Potenzial, die Zielgruppe weitreichender zu versorgen.
Einige Regionen weichen von diesem Durchschnittswert von 1,9 Theatern pro 100 000 Einwohner*innen ab. Es zeigt sich eine Verbindung zwischen dem Bedarf, der Anzahl der ansässigen Freien Theater und der Gastspieltätigkeit. In Bundesländern, in denen diese Faktoren am stärksten voneinander abweichen, wurden zwischen 2017 und 2019 besonders viele Gastspiele durchgeführt, beispielsweise in Regionen von Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen (Abb. 7: Anteil der Einwohner*innen unter 18 Jahre nach Landkreisen, Standorte der Theater und Gastspiele über den ganzen Erhebungszeitraum (Landkarte)).
In diesem Zusammenhang sei betont, dass kulturelle Angebote insbesondere in ländlichen Regionen von großer Bedeutung sind. Kultur darf nicht nur als weicher Standortfaktor betrachtet werden, sondern muss als wesentlicher Bestandteil der regionalen Entwicklung und Daseinsvorsorge berücksichtigt werden, wie die Förderinitiative TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel der Kulturstiftung des Bundes, die sich explizit Modellprojekten in ländlichen Räumen widmet, betont.4 TRAFO unterstreicht die Rolle der Kultur als treibende Kraft für die Entwicklung ländlicher Regionen und hebt die Bedeutung der Kulturarbeit hervor, die dazu beiträgt, Identität und Gemeinschaft zu stärken und die Demokratie zu fördern.5 Dies gilt gleichermaßen für ein breites Publikum, für sowohl junge Menschen als auch Erwachsene. Die Schaffung attraktiver Lebensbedingungen und die Förderung der Beteiligung in ländlichen Gebieten sind entscheidend für die Sicherung ihrer Zukunft. Dies ist besonders wichtig in Bezug auf Angebote für Kinder und Jugendliche, da diese oft dazu neigen, in städtische Regionen abzuwandern.6 Es ist somit ein Nachteil, dass in ländlichen Räumen kaum Netzwerke und stattdessen eine kleinteilige Akteur*innenlandschaft mit wenig Sichtbarkeit vorherrscht.7 Freie Künstler*innen und Projekte der Soziokultur entwickeln zwar neue Formate, sie arbeiten jedoch vor allem allein an Ideen, da Netzwerke und zentrale Ansprechpersonen nicht vorhanden sind. Fehlende zeitliche und finanzielle Ressourcen für die Vermarktung und Vernetzung kommen als hemmende Faktoren hinzu.8 TRAFO setzt deswegen auf eine regionale Kulturarbeit, die unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, neben einer horizontalen Vernetzung zwischen Vertreter*innen der lokalen Politik, Kultur und anderen gesellschaftlichen Bereichen auch eine vertikale Vernetzung auf der Landes- und Bundesebene zu erwirken.9 Das Ziel ist, langfristig „Möglichkeiten für Beteiligung und Zusammenarbeit für viele Menschen [zu schaffen]“.10 Netzwerkarbeit in Förderungen zu berücksichtigen und, wie von TRAFO vorgeschlagen, Regionalmanager*innen einzusetzen, würde zur Stärkung der Theaterakteur*innen beitragen und begünstigen, dass diese noch weitreichender die kulturelle Grundversorgung jungen Publikums übernehmen.11
Auch wenn laut Auswertung nicht alle Landkreise in Deutschland von den erfassten Theatern erreicht werden, wird deutlich, dass Freie Kinder- und Jugendtheater eine bedeutende Rolle in der kulturellen Grundversorgung – nicht nur – in ländlichen Räumen spielen. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation für Kinder und Jugendliche sowie für Akteur*innen im Theaterbereich ist nur durch gezielte Fördermaßnahmen möglich. Das Programm NEUSTART KULTUR – Junges Publikum ist vorbildlich in diesem Zusammenhang. Die vorliegenden Analysen legen dar, dass diese Förderung in hohem Maße dazu beigetragen hat, den Gastspielbetrieb für viele Kinder- und Jugendtheater und damit Momente des Kulturerlebens und -erfahrens für junge Menschen während der Lockdowns der COVID-19-Pandemie und darüber hinaus zu ermöglichen.
1 Ausführlich zu Kooperationen siehe Kapitel Vernetzung in der qualitativen Studie.
2 Siehe Anhang 3.5 für eine ausführlichere Darstellung der Kooperationspartner nach Rechtsformen und räumlicher Verortung.
3 Es sei angemerkt, dass die Zahl der Theater, deren Gastspielpläne in den Jahren 2017–2019 ausgewertet werden konnten, bei N = 83 lag, während sie in den Jahren 2021–2022 bei N = 60 lag. Dies erfordert Vorsicht bei einem direkten Vergleich der Ergebnisse zwischen diesen beiden Zeiträumen, da die Beobachtung des Reiseverhaltens nicht kongruent ist. Nichtsdestotrotz liefern diese Angaben wichtige, tendenzielle Beobachtungen zur Veränderung in diesem Bereich.
4 In dieser spezifischen Betrachtung der Gastspiele nach Zielorten wurden nur die Aufführungen berücksichtigt, zu denen die Veranstaltungsorte ermittelbar waren – die tatsächliche Zahl liegt darüber.
5 Die Differenz zu Gesamt N in Abb. 11 mit Aufschlüsselung nach Rechtsformen liegt daran, dass dort die Theater der Rechtsform „andere Form“ ausgenommen wurden. Die Zeilen werden ausgegraut, wenn N < = 1 und damit zu wenige Datenpunkte vorliegen.
6 Die Daten in den Abbildungen 12 und 13 basieren auf unterschiedlichen N-Werten.
7 Siehe Samo Darian/Harriet Völker/Julia Diringer/Gudrun Kirchhoff: Neue Ideen und Ansätze für die Regionale Kulturarbeit. Teil 1: Loslegen. Hg. von TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel. Eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, Berlin, 2022, 14.
8 Siehe ebd., S. 15.
9 Siehe ebd., S. 19.
10 Siehe ebd., S. 18.
11 Siehe ebd., S. 12.















