Theater der Zeit

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Auftritt

Staatsoper Hannover: Kapitalismus ohne Konflikt

„Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi, Libretto Helena Röhr (UA) – Musikalische Leitung Hyerim Byun, Inszenierung Helena Röhr, Bühne Maike Simon, Kostüme Natalie Nazemi

von Jens Fischer

Assoziationen: Niedersachsen Theaterkritiken Musiktheater Dossier: Uraufführungen Hannover Ballhof Eins

Neoliberale Ausbeutung wegopern? „Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi, Libretto Helena Röhr (UA) – Musikalische Leitung Hyerim Byun, Inszenierung Helena Röhr, Bühne Maike Simon, Kostüme Natalie Nazemi an der Staatsoper Hannover. Foto Bettina Stoess
Neoliberale Ausbeutung wegopern? „Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi, Libretto Helena Röhr (UA) – Musikalische Leitung Hyerim Byun, Inszenierung Helena Röhr, Bühne Maike Simon, Kostüme Natalie Nazemi an der Staatsoper HannoverFoto: Bettina Stoess

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Aufklärung zum ökonomischen Aufklärer tut immer noch Not. Wird Adam Smith doch gern als Vordenker des Neoliberalismus gehandelt. „Der Wohlstand der Nationen“ (1776) entstehe, so legt sein gleichnamiger Klassiker der Wirtschaftswissenschaft nahe, wenn der Mensch seinem Gewinnstreben freien Lauf lasse. Eigennutz als Antriebskraft trage demnach zum prosperierenden Reichtum aller bei. Aus Egoismus erblüht Gemeinwohl? Das ist natürlich Unsinn. Der bedingungslos freie Markt macht Reiche reicher, sorgt für soziale Spaltung und wachsende Armut der Nationen. Smith ahnte das, was weniger bekannt ist, und sah den Staat daher als Regulator des Wirtschaftens aller gegen alle vor. Er soll die Marktregeln bestimmen, für Bildung und Infrastruktur sorgen sowie Ungerechtigkeiten ausgleichen. Smith ist daher eher ein Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Das verdeutlicht die am Staatstheater Hannover uraufgeführte Kammeroper „Homo Oeconomicus“. Das Libretto schrieb Regisseurin Helena Röhr, die Partitur stammt von der schwedischen Komponistin Andrea Tarrodi.

Hyerim Byun dirigiert zwei Schlagzeuger:innen, je eine:n Trompeter:in, Posaunist:in, Klarinettist:in sowie fünf Streicher:innen im kleinen Orchestergraben des Ballhofs 1. Als titelgebende Figur erzählt Katharina von Bülow in Frack und Zylinder mit abgedunkeltem Sopran den eigenen biblischen Schöpfungsmythos. Ohne Ziel und Zweck standen Menschen einst in der Wüste herum, Gott und seine ganze Gesetze fanden sie langweilig, verfielen daher dem Götzen Geld und umtanzten das Goldene Kalb, wie der Kinderchor der Staatsoper im Business-Outfit verdeutlicht. Schon ist das Ideal des Kapitalismus geboren, der Homo Oeconomicus (HO). Er predigt maximalen Konsum dank maximal hohen Kontostands. Haben statt Sein. Dass das bis heute nicht für alle funktioniert und Smith auch so nicht gedacht hat, zeigt die Aufführung mit zwei Spielebenen, die der HO in seinem Sinne manipulieren will. Was leider wenig überzeugt, da ihm die machtsichere Arroganz und das Verführerische seines Vorbilds fehlen – dem tänzerischen Conférencier aus „Cabaret“.

Im aufgeplusterten Bürgerornat des 18. Jahrhunderts umsorgt Mutter Smith (Sandra Janke) ihren Adam (Aljoscha Lennert), der mit warm timbriertem Tenor bübisch-selbstverliebt in seinen Gedanken lebt. In dieser Konstellation stimmen Angebot und Nachfrage der Fürsorge. Nicht mehr im Gleichgewicht sind sie bei der alleinerziehenden und damit überforderten Mutter Melissa (Ketevan Chuntishvili). Als Sohn Alfred einen riesigen Einhorn-Lolli haben will, weil ihn jetzt alle bekämen, lenkt die Mutter ein, muss dafür aber auf den Erwerb von Kartoffeln und Brot verzichten. Ihre Care-Arbeit wird halt gar nicht bezahlt, ihre Arbeitskraft nur als Putzkraft im Niedriglohnsektor: Leben am Existenzminimum.

Es gebe zwei Wege, um Respekt und Bewunderung zu erreichen, betont Smith: „One road is to study wisdom. And have a life of virtue.“ Der andere Weg bedeute „becoming rich, reaching power“. Das wählten die meisten, was ihn empört: „It is rotten.“ Er drängt auf Tugendhaftigkeit: Empathie, Nächstenliebe, Gemeinsinn. „I want to believe in humans.“ Smith weiß aber, Bedürfnisse und Gier liegen nah beieinander. Schon sind wir bei den Spekulationsexzessen des Finanzkapitalismus. Der Chor besteht nun aus Aktiendealer:innen: „Competition is our engine.“ Wenn Smith die „invisible hand“ des Kapitalismus preist, recken die Broker ihre Hände – ein Missverständnis. Ihre Hände halten eine Gesellschaft nicht zusammen, sondern leisten unproduktive Arbeit, die nichts zur Wertschöpfung beiträgt und die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. In diesem Geiste schleicht sich der HO als Immobilienhai in die Szene und erhöht Melissas Miete. Auf dass die Pauken donnern. Verzweiflung. Weil der von Smith gesetzte moralische Überbau des Profitstrebens kaum Resonanz bei Profistreber:innen hat.

Die ins Sympathische zurechtinterpretierte Sicht auf Smiths Ideen schießt final aber übers Ziel hinaus – und überführt sie ins Opernpathos. Nun derangiert gekleidete Broker haben einen Börsencrash verursacht, während Smith verkündet, Wohlstand bedeute nicht Reichtum, sondern „to love and to be loved.“ Mutter- und Kinderliebe, sich umeinander kümmern, das sei die unsichtbare Hand, die alles zusammenhält. Zusammenhalten soll. Wie schön. Mama und Sohnemann Smith können nun gar nicht mehr aufhören, gemeinsam „Harmony“ zu singen. Da fällt dann auch der HO von seinem Glauben ab, zieht sich aus und tanzt mit im harmonischen Ringelreihen der Großfamilie aus Ex-Brokern und den vier Protagonist:innen.

Andrea Taroddis fein rhythmisierte Komposition schimmert farbenfroh, funktioniert atmosphärisch und mitfühlend untermalend, ist dabei stets leicht quirlig – wie ein Sprudelstein im Aquarium. Abwechselnd verschmelzen und kontrastieren ihre musikalischen Mittel. Der HO bekommt die Swing-Musik des Musicals spendiert, die in beide Bühnenwelten hineintönt. Was im Text, in der Inszenierung und Musik aber fehlt, ist eine widerständige Atmosphäre gegen die Zumutungen des Post-Smith-Kapitalismus. Einen Abend nur auf Harmoniesehnsucht zulaufen zu lassen, ist leider antiaufklärerisch. Was die Regie wohl auch gemerkt hat und aus dem Harmoniekitsch-Szenario schnell noch ein Kind ausscheren lässt. Es ergreift das HO-Kostüm und preist den Reiz des Reichtums  … er ist eben nicht einfach wegzuopern.

Erschienen am 20.4.2026

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