Auftritt
Theater Krefeld-Mönchengladbach: Triefend boshaft
„Dingens“ von Hanoch Levin, aus dem Hebräischen von Matthias Naumann – Inszenierung Dedi Baron, Bühne & Kostüm Kirsten Dephoff, Musik Bojan Vuletic
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Dedi Baron Theater Krefeld und Mönchengladbach

Dingens lebt zur Untermiete bei entfernten Verwandten. Ob er wirklich Dingens heißt, bleibt unklar. Aber alle nennen ihn so. Am Anfang isst er freudvoll schmatzend einen Kuchen. Doch seine Vermieter sprechen ihm sogar diese Genussfähigkeit ab. Dingens soll nicht einmal den Hauch von Individualität bekommen, sondern ein Niemand bleiben, den man in perversen Spielen demütigen, beleidigen und quälen kann – „Dingensspiele“ nennt das Ehepaar sein befremdliches Hobby.
„Dingens“ ist eine bis ins Mark boshafte Satire des in Israel sehr bekannten Dramatikers Hanoch Levin (1943 – 1999). Das Stück ist schon 54 Jahre alt, die deutschsprachige Erstaufführung gab es aber erst im vergangenen Jahr am Schauspiel Frankfurt. Da ist kein einziger sympathischer Charakter auf der Bühne. Jeder Mensch ist ein hemmungsloser Egoist. Das gilt für die schlechtbürgerlichen Spitzen der Gesellschaft ebenso wie für die von Dingens verehrte Kellnerin Hannah (Liv Wagener). Letztere hat zumindest die Entschuldigung, dass sie sich so etwas wie Moral oder Empathie schlicht nicht leisten kann. Manche anderen könnten es, aber Zynismus und Dominanz machen einfach viel mehr Spaß.
Dingens hat sich wie sein dauerkrank-depressiver Freund Bardasch (Paul Steinbach) darin eingerichtet, ständig auf die Fresse zu bekommen. Aber eins wird ihm dann doch zu viel. Fogra, die Tochter seiner Vermieter, deren Aufwachsen er direkt erlebt hat und die ihm dann doch ans Herz gewachsen ist, will heiraten. Dingens bekommt das nur nebenbei mit. Diese Verletzung will er nicht akzeptieren, doch seine Proteste werden nicht gehört. Schließlich ist er bloß Dingens. Schließlich lädt er alle Verwandten und die wenigen Bekannten zu seinem Selbstmord ein. Er will vom Dach in den Hof springen. Wenigstens das will er nicht allein tun. Allerdings diskutieren die Gäste des Suizids, ob ein Platz auf dem Dach wirklich das größte Vergnügen bereiten würde. Wahre Kenner solcher Events wüssten doch den Aufschlag auf dem Hofboden deutlich mehr zu schätzen.
Schwärzer kann Humor kaum sein. Und das grandios grausame Ensemble des Theaters Krefeld-Mönchengladbach lässt die Oneliner des Stücks boshaft beiläufig aus den Mündern tropfen: „Man kann doch auch mal vormittags einen Menschen zerstören.“ Die israelische Regisseurin Dedi Baron hat sich diese garstige Groteske ausgesucht, um zu zeigen, dass Gewalt im Alltag nicht erst entstehen muss, sondern Normalität sei. So sagt sie es im Programmheft. Kirsten Dephoff hat dafür eine faszinierende Bühne voller Sessel, Sofas, Stühle und Tische entworfen, mehrere Räume in einem, viele der durchweg weißen Möbel kleben mehrere Meter hoch an der hellgrünen Wand und können nur durch Klettern erreicht werden. Das Ensemble zeigt Menschen, die sich in dieser herausfordernden Welt zu Hause fühlen und sich an der räumlichen Absurdität nicht stören.
Es braucht keinen Zeigefinger der Regie, um klarzumachen, dass dieses Stück allgemeiner ins Politische zielt. Niemand versucht, den eigenen Sadismus zu verschleiern, er ist gesellschaftlich akzeptiert. So ist Schwächere zu dominieren, der einzige Spaß des Vermieter-Ehepaares (Esther Keil und Adrian Linke), das oft an George und Martha in Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erinnert. Auch die nächste Generation bietet keine Hoffnung, im Gegenteil. Tochter Fogra (eiskalt faszinierend Marie Eick-Kerssenbrock) analysiert unablässig sich und andere, setzt ihre jugendliche Strahlkraft ein, um Dingens noch bösartiger zu quälen als ihre Eltern und spielt ähnlich gewissenlos mit ihrem Verlobten (Cornelius Gebert).
Christoph Hohmann verkörpert Dingens fern von mitleidheischender Knuffigkeit. Das wäre zu einfach. Natürlich ist dieser Mensch verzweifelt. Immer wenn ein bisschen Sehnsucht in ihm aufflackert, wird er noch schlimmer verletzt. Ein Leibeigener ist er nicht, aber ein Geisteigener, das ist schlimmer. Hohmann spielt ihn mit Sprachfehler, Klamotten wie von der Resterampe und flusigen Haaren bemerkenswert unattraktiv. Dingens liefert keinen Anreiz, sich für ihn einzusetzen. Dafür braucht es schon einen tief verwurzelten ethischen Grundsatz, einen Glauben an die Menschenwürde.
Den herauszukitzeln könnte das Ziel der Inszenierung sein. Im Stück selbst gibt es dafür keinen Ansatz. Das ist auch die einzige Schwäche der konsequent inszenierten und hervorragend gespielten Aufführung. Keine Figur hat eine Entwicklung, manchmal ziehen sich die Szenen, Striche wären nötig. In anderthalb Stunden ohne Pause könnte „Dingens“ ein fieser Faustschlag ins Gesicht einer vor sich hin faulenden Luxusgesellschaft sein. So quält man sich ein bisschen. Aber vielleicht gehört das ja auch zum Stück.
Erschienen am 14.4.2026




.jpeg&w=3840&q=75)















