Theater der Zeit

Spielplangestaltung

von Maria Nesemann

Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)

Originaltitel in der Printausgabe: 5.7 Spielplangestaltung

Anzeige

Teilweise fällt es schwer, die als „Spielplan“ bezeichnete Kategorie klar abzugrenzen von Angeboten, die erst in den folgenden Unterkapiteln behandelt werden. Es soll dabei nicht ausgeblendet werden, dass Theater auch Angebote machen, die sich einer klaren Einordnung in Kategorien entziehen – und dass gerade diese Angebote, die sich nicht als klar erkennbare „entkoppelte“ Formate definieren lassen, besonders relevant für Maßnahmen sein können, die die Transformation der Inhalte betreffen. Gleichzeitig braucht es für die Analyse auch hier Kategorien, um allgemeine Aussagen treffen zu können: Angebote, die diesem Teilkapitel zugeordnet werden, sind an den deutschen Theatern Inszenierungen von professionellen Theaterschaffenden (hier meist dem eigenen Ensemble), die wiederholt aufgeführt werden. In England und Frankreich ist die Zuteilung nicht ganz so einfach, weil statt eines Repertoires, das wiederholt gezeigt wird, oft nur einmalig stattfindende Gastspiele programmiert werden. Trotzdem nehmen fast alle Theater in ihren Spielzeitheften eine Unterteilung vor, um die Angebote professioneller Inszenierungen von anderen Formaten abzugrenzen, auch wenn diese unterschiedlich bezeichnet werden: „Les spectacles“ (Odéon), „La saison“ (Comédie), „Programmation“ (fett gedruckte Programmpunkte) (LE ZEF), „What’s on/(theatre) shows“ (Websites NT und Pentabus Theatre). Ausnahme ist das Contact Theatre, bei dem sowohl auf der Website als auch im Spielzeitheft nicht unterschieden wird zwischen professionellen Inszenierungen und Diskursformaten, Partys, Preisverleihungen etc. Soweit möglich, wird hier eine eigene Unterteilung vorgenommen, in dem Bewusstsein, dass diese nur auf dem Eindruck aus den Stückbeschreibungen auf der Website und im Heft basiert.

5.7.1 Repertoire-, En-suite- und Gastspielbetrieb

Einen großen Länderunterschied kann man in der Anzahl der gezeigten Inszenierungen sehen: Durch den Repertoire- und Mehrspartenbetrieb haben die drei deutschen untersuchten Theater ein wesentlich größeres Angebot als die untersuchten Theater in England und Frankreich.

Abbildung 10: Anzahl Inszenierungen Oktober bis Dezember 2022.1

An der tabellarischen Übersicht der Anzahl der Inszenierungen lässt sich sehr gut ablesen, inwiefern sich die untersuchten Häuser in ihrem grundlegenden Betrieb unterscheiden:

Die deutschen Theater haben einen Repertoirebetrieb, zeigen also eigene Inszenierungen mit derselben Besetzung über die Spielzeit verteilt. Das ist nur möglich mit einem festen Ensemble und hohen finanziellen Ressourcen. Es bietet für das Publikum den Vorteil, Inszenierungen mehrfach zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr zu sehen und mehrere Inszenierungen in kurzer Zeit. Das spielt vor allem für ein Publikum, das oft ins Theater geht, eine Rolle.

Die großen Hauptstadttheater in England und Frankreich, das Odéon und das NT, zeigen hauptsächlich Eigenproduktionen im En-suite-Betrieb (im Opernbereich Stagione-Betrieb genannt). Das heißt, dass eine Inszenierung für einige Wochen gespielt wird, dann abgesetzt und eine neue aufgenommen wird. Dieser Spielbetrieb ist deutlich günstiger (ohne festes Ensemble, Bühnenbilder müssen nur einmal aufgebaut werden), bedeutet aber für das Publikum, dass es weniger unterschiedliche Inszenierungen in kurzer Zeit sehen kann. Das Pentabus Theatre ist kein receiving house, sondern produziert und tourt ausschließlich mit eigenen Stücken, die ebenfalls nacheinander produziert und präsentiert werden.

Gastspielbetrieb gibt es vor allem bei den etwas kleineren Theatern in England und Frankreich: Zwar werden hier auch teilweise Eigenproduktionen gezeigt, zum Großteil aber Gastproduktionen eingeladen, oft für zwei bis drei Termine an aufeinanderfolgenden Tagen. Damit ist ebenfalls gegeben, dass eine relativ große (wenn auch nicht mit dem Repertoirebetrieb vergleichbare) Varianz von Inszenierungen zu sehen ist. Wenn man eine Inszenierung verpasst hat, kann man allerdings nicht davon ausgehen, sie zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal am Theater zu sehen. Beim Gastspielbetrieb gibt es die größte Diversität an unterschiedlichen Theaterschaffenden, die am Haus arbeiten. Damit besteht die Möglichkeit, dass Publikum, das sonst eher selten das Theater besucht, von einem bestimmten Angebot angesprochen wird und deshalb ins Theater kommt. Gastspielbetriebe können also am leichtesten die Ansprache möglichst diverser Zielgruppen beeinflussen.

5.7.2 Genres

Die deutschen öffentlich getragenen Theater sind zum Großteil Mehrspartenhäuser. Das heißt, sie selbst unterscheiden in ihrem Angebot zwischen verschiedenen Genres, für die es meist jeweils eigenes künstlerisches und vermittlerisches Personal gibt. Eine klassische Sparten-Einteilung findet sich an den Theatern Chemnitz und dem TfN. Am Gorki ist diese Aufteilung aufgehoben. Stattdessen gibt es neben dem Abendspielplan das Studio Я, das sich als „Kunstasyl für marginalisierte Themen und Denkwesen“ versteht, das Gorki Forum „an der Schnittstelle zwischen Kultur, Wissenschaft und Politik“ und Gorki X, eine „Plattform für Vermittlung“. Die untersuchten Theater in England und Frankreich haben keine eigenen Sparten. Das LE ZEF und die Comédie geben aber im Spielzeitheft an, welchem Genre eine Inszenierung zuzuordnen ist. Das Odéon zeigt ausschließlich Sprechtheater-Inszenierungen. Eine Kategorisierung nach Genres ist hier also überflüssig. Die englischen Theater machen zum Großteil keine Angaben zum Genre. Die Angaben nach Genres können Orientierung bieten (vermutlich vor allem dem bestehenden Publikum). Gleichzeitig schreiben sie eher fest, was Theater ist/was nicht. Beim Contact Theatre beispielsweise fällt die eigene Zuordnung beim Lesen der Stückbeschreibungen sehr schwer. Es ist also unklarer, was genau zu erwarten ist. Gleichzeitig öffnet sich damit aber auch die Vorstellung darüber, was Theater sein kann. Dass es nicht nur um Theater im klassischen Sinne geht, wird auch auf der Website deutlich, wo sich das Haus als „multi-arts venue“ bezeichnet.

Abbildung 11: Angaben zu unterschiedlichen Genres an den Fallbeispieltheatern.

In der Übersicht wird, nimmt man die eigenen Zuordnungen dazu, ebenfalls deutlich, dass die Hauptstadttheater den Fokus auf Sprechtheater legen, während die Theater in den anderen Städten diversere Genres abdecken. Das mag daran liegen, dass es in den Hauptstädten weitere Häuser gibt, die sich auf andere Genres spezialisiert haben.

5.7.3 Inhalte

Im Folgenden werden die Abendspielpläne der Theater etwas genauer inhaltlich beschrieben, ergänzt durch Äußerungen aus den Interviews, die Aufschluss über Entscheidungsprozesse hinsichtlich der Spielplangestaltung geben können.

Am Gorki liegt der Fokus eindeutig auf Sprechtheater. Zum Großteil handelt es sich um zeitgenössische Theatertexte oder Stückentwicklungen, einige Inszenierungen haben eine Romanvorlage.2 Zehn der im untersuchten Heft insgesamt 45 abgebildeten Inszenierungen beziehen sich auf (Theater-)Texte von vor 1945, die allerdings meist nicht eins zu eins umgesetzt werden, sondern als Vorlagen für neue Motive dienen und einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Teilweise richten sie sich explizit gegen ihre Vorlagen („gegen Heinrich von Kleist“). Die interviewte Person aus der Gorki-Intendanz berichtet von einem das Theater auszeichnenden Anspruch, gesellschaftlich relevante Themen zu verhandeln. Wichtig für die Stückauswahl sei, dass es sich um ein Thema handle,

das erzählt werden muss. Das so noch nicht erzählt worden ist. Das Interessante daran ist: Das klingt erstmal wie eine Vorgabe, gibt Künstlern aber eine Freiheit, weil es nicht darum geht, einfach nur daran zu denken: ‚Ich muss gut sein.‘ Sondern: ‚Was habe ich Wichtiges zu erzählen?‘3

An mehreren Stellen wird betont, dass die Zugänglichkeit bei der Spielplangestaltung mitgedacht werde. Das bezieht sich auf die Stücklänge: „Unsere Stücke haben sozusagen Tatort-Länge.“4 Außerdem sollten die Produktionen immer Anknüpfungspunkte an die Erfahrungswelt des Publikums bieten:

Mein Wunsch ist, dass man voraussetzungslos in dieses Theater gehen kann. Man muss nicht zu viel wissen und können als Zuschauerin, Zuschauer, um aus dem Abend etwas mitzunehmen. Und das ist auch eine Anforderung an das Spiel der Schauspielerinnen, an die Regisseure, an die Stoffe, dass man ruhig kompliziert und komplex und auch erratisch werden kann, aber es auch immer den Moment geben muss, wo man sich mit dem Publikum verbindet.5

Ein weiterer Aspekt im Hinblick auf Zugänglichkeit sei die „Machart“: Für die Stückentwicklungen arbeiteten die Spieler:innen oft mit ihren eigenen Erfahrungen und böten dadurch Anschluss:

Bei Roma Armee, da war es auch ganz klar, wenn man über Rom:nja spricht, dann können das auch nur sie selbst verhandeln. Sonst fügt man ihnen genau dasselbe Leid zu oder dasselbe Unrecht, was ihnen immer widerfährt: dass man über sie spricht, aber sie nicht selbst sprechen lässt. Und dann ist ja auch ganz klar, dass das Theaterstück mit ihnen gemeinsam entwickelt wird. […] Es wird dann sehr viel auf einer persönlichen Ebene mit den Schauspieler:innen verhandelt, Erfahrungen eingebracht, gemeinsam recherchiert. Das wird ja dann auch in dem Stück so kommuniziert. Von daher ist es zugänglich.6

Die Theater Chemnitz haben in ihrem Heft für die Spielzeit 2022/2023 insgesamt beeindruckende 76 Inszenierungen im Programm. Die Sprechtheatersparte ist die größte, darauf folgen die Musiktheatersparte, die Figurentheatersparte und zuletzt die Ballettsparte. Stücke für Kinder und Jugendliche sind nicht in einer eigenen Sparte zusammengefasst, sondern jeweils den anderen Sparten zugeordnet. Zusätzlich zu den Kinder- und Jugendstücken gibt es im Spielzeitheft zu jedem Stück eine Altersempfehlung. Ein Blick auf die Inszenierungsgrundlagen zeigt, dass es in allen Sparten ein relativ ausgeglichenes Verhältnis gibt von zeitgenössischen Stücken und Inszenierungsvorlagen, die bekannte Klassiker sind. Damit spielen Klassiker im Vergleich zu den anderen untersuchten Theatern in Chemnitz deutlich die größte Rolle. Es ist davon auszugehen (was beispielsweise auch der ausdifferenzierten Abo-Struktur entspricht), dass für das Theater das Stammpublikum eine wichtige Anspruchsgruppe ist. Ein etwas differenzierterer Blick in die einzelnen Sparten zeigt: Die Sprechtheaterinszenierungen decken eine große Bandbreite von Themen und Genres ab. Ein Drittel wird im Heft als Komödie bezeichnet. Die behandelten Themen sind sehr vielfältig, allerdings zum Großteil allgemein auf menschliche Beziehungen, Gefühle etc. bezogen. Nur einige wenige, vor allem Kinder- und Jugendstücke, greifen aktuelle, auf den ersten Blick gesellschaftspolitisch relevante Themen auf. Die Musiktheatersparte spielt vorrangig Opern, Musicals und Operetten. Es werden zum Teil bekannte Klassiker gespielt, teilweise aber auch neuere Stückvorlagen mit Bezügen zur aktuelleren Geschichte (z. B. die Musicals Heute Abend: Lola Blau und Zarah 47 mit Bezug zur NS-Geschichte). In der Tradition ostdeutscher Theater gibt es eine Figurentheatersparte, die sowohl Stücke für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene zeigt. In der Ballettsparte wird ebenso viel zeitgenössischer Tanz wie klassisches Ballett aufgeführt. Einige Inszenierungen im Spielzeitheft haben partizipative Elemente (siehe Kapitel 5.9). Der Anspruch, in der Spielplangestaltung ein möglichst breites Angebot abzudecken, zeigt sich auch in den Interviews:

Wir fühlen uns als Vorzeigemodell eines Stadttheaters, das eine sehr große Breite im Repertoire zu bedienen hat. Um auch wirklich ganz unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden. […] Wir dürfen das bei uns in der vollen Breite machen und das betrifft letztendlich alle Sparten. Dass die sowohl das zeitgenössisch Avancierte wie den Klassiker wie die Komödie oder Ähnliches beinhalten.7

Gesellschaftliche Relevanz spiele immer eine Rolle: „Es gibt immer Stücke, die sich kritisch mit Momenten der Umwälzung in der Gesellschaft auseinandersetzen.“8 Aber auch der Faktor Unterhaltung ist von Bedeutung. Die Person aus der Chemnitzer Kommunikation nennt Musicals als Formate, die neues Publikum erreichen könnten und zu einem gesteigerten Interesse an den anderen Theaterangeboten beitrügen:

Es funktioniert und es hat sich auch gezeigt, dass das durchaus einen Effekt auf andere Stücke haben kann. […] Die [Besucher:innen, Anm. d. A.] haben bis jetzt irgendwelche Schwellenängste oder sind noch nie im Theater gewesen. Und dann werden sie mal mitgenommen oder denken sich: ‚Jetzt habe ich was, was mich wirklich mal interessiert. Das gucke ich mir jetzt mal an. Und ach, das ist auch gut. Was kommt denn noch alles so?‘ Diese Nähe kann man da schon erreichen.9

Mehrfach wird auf „traditionelle Schwerpunkte“ verwiesen:10

Wir haben z. B. in der Oper so eine Wagner-Tradition, die reicht bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück und trägt nach wie vor, wir merken es am Publikumszuspruch, auch am überregionalen, wirklich ganz wunderbar. Dazu kommen so Ausgrabungen, die von uns immer mal erwartet werden, was immer schwerer wird, weil: Wo findet man wirklich noch gute Stücke, die vergessen waren?11

Stückentwicklungen oder „Gegenerzählungen zum Kanon“, wie es sie am Maxim Gorki Theater gibt, spielen dagegen keine übergeordnete Rolle. Die Person aus dem Bereich Vermittlung bezeichnet den Spielplan insgesamt als „konventionell […], aber mit modernen kleinen Auswüchsen“12.

Das TfN hat Musiktheater, Musical, Schauspiel, Tanz und Kinder- und Jugendtheater im Repertoire. Es unterscheidet zwischen Musiktheater und Musical, was (als Ausnahme am deutschen öffentlich getragenen Theater) eine eigene Sparte ist und damit neben dem bildungsbürgerlichen Publikum auch eine unterhaltungsorientierte Zielgruppe anspricht, die nicht zwangsläufig zum Stammpublikum gehört.13 Pro Spielzeit gibt es einen Stoff, der als Trilogie in drei verschiedenen Sparten inszeniert wird. Ungefähr ein Drittel der Inszenierungen hat eine Textgrundlage von vor 1945. Das Theaterprogramm sucht damit einen Mittelweg zwischen bekannten Klassikern und aktuellen Stoffen. Ähnlich wie die Städtischen Theater Chemnitz entwickelt das TfN also eine möglichst breite Angebotspalette – das Theater beschreibt sich als „Vollsortimenter“14. Theater wird als Freizeitangebot verstanden und solle deshalb, so die Schlussfolgerung, möglichst populär sein:

Eigentlich ist das Wort ‚populär‘, wenn man es im Wortstamm anschaut, nichts Schlimmes. Das entspricht eigentlich genau dem Stadttheatergedanken. […] Theater tritt verstärkt – und das ist eine Veränderung, die ich ganz stark wahrnehme – in Konkurrenz zu allen möglichen Freizeitangeboten. […] Deswegen finde ich auch, dass man Theater verstärkt auch als Freizeitangebot vermitteln muss. Und durchaus auch als Unterhaltung. Unterhaltung muss ja nicht heißen, es gibt nur Klipp-Klapp-Komödien. […] Und genau so, finde ich, muss Theater vermittelt werden. Um zu zeigen: Es hat eben nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern es ist tatsächlich auch etwas, mit dem ich mich in der Freizeit beschäftigen kann.15

Zur Popularität trügen auch Stücke bei, die Themen verhandelten, die einen direkten Bezug zur Lebensrealität der Besucher:innen haben:

Mit Themenstücken wie das Stück über die Auswirkung von Demenz auf eine Familie oder als wir Der gute Tod inszeniert haben, wo es um das Thema Sterbehilfe ging, erreichen wir andere Zuschauer – nach einer gewissen Zeit. Da merken wir richtig: Da setzt eine Mundpropaganda ein.16

Das NT zeigt im untersuchten Zeitraum sieben Sprechtheaterinszenierungen und zwei Musicals. Erzählt werden vor allem Geschichten einzelner Protagonist:innen, die mit einem aktuellen oder historischen gesellschaftlichen Kontext konfrontiert sind. Die Stückbeschreibungen erwecken den Eindruck, dass die Inszenierungen eine starke Narration haben, Unterhaltung und die Möglichkeit bieten, sich mit den Protagonist:innen zu identifizieren. Das Publikum, das erreicht werden soll, spiele für die Programmplanung eine wichtige Rolle: „What you need to do when you’re programming is to think about what will work for which audience.“17 Unterhaltung sei deshalb ein wichtiger Faktor für die Spielplangestaltung, so die ehemalige Leitung im Interview. Vorrangig unterhaltende Stücke könnten Erstbesucher:innen auch dazu anregen, sich auf andere, anspruchsvollere Programmangebote einzulassen: „It’s great. Because people will then come to a whole range of things. […] Musicals have absolutely got their part to play in making the whole organization more vibrant and then maybe to take risks and see other things as well.“18 Die ehemalige Leitung geht in Bezug auf die Spielplangestaltung auch darauf ein, dass es am Haus kein festes Ensemble gibt. Dass sie mit wechselnden Schauspieler:innen arbeiteten, erleichtere die Flexibilität in der Spielplangestaltung:

We don’t have a fixed ensemble of actors, which means more flexibility in the programming. We have never had fixed ensembles, but we used to have more regularly actors […]. That changed the programming because you need more actors from different backgrounds or with different skills.19

Hier wird deutlich, dass Entscheidungen bezüglich Rollenbesetzungen im Verständnis der interviewten Person nicht nur geknüpft sind an schauspielerische Fähigkeiten („skills“), sondern auch an persönliche Hintergründe der Schauspieler:innen („backgrounds“).

Wie weiter oben bereits beschrieben, fällt es beim Lesen des Spielzeitheftes des Contact Theatres sehr schwer, eine Einordnung in etablierte Genrekategorien zu treffen. Die Veranstaltungen werden immer wieder als „Show“ benannt, meist gibt es ein oder zwei Personen auf der Bühne, wenige Requisiten und ein Mikrofon. Das Setting erinnert den Bildern und Beschreibungen nach zu urteilen oft an eine One-Man/Woman-Show, bei der eine Person auf unterhaltsame Weise etwas (oft aus der eigenen Erfahrung) teilt. Auffällig ist die Beschäftigung mit (marginalisierten) Identitäten: Es geht wiederholt um Schwarzsein/die Global Majority, Queerness und Neurodiversität. Das Theater hat außerdem ein Weihnachtsmusical im Programm. Klassiker, die einem etablierten Theaterkanon zuzuordnen sind, findet man nicht. Bei einigen Veranstaltungen sind partizipative Anteile erkennbar. Das Programm scheint sich damit an eine junge Zielgruppe zu richten, die nicht aufgrund der Bekanntheit eines Theatertextes ins Theater kommt, sondern weil sie sich von bestimmten Themen angesprochen fühlt. Die Leitung des Theaters selbst spricht davon, dass eine Einordnung des Programms in bestimmte Kategorien schwierig sei: „You could come here and see poetry, dance, live art theatre, traditional theatre, device theatre, music, events, things that are kind of hard to pin down. Comedy shows, yeah, we pretty much programme everything, or we try to.“20 Bezogen auf die Spielplangestaltung fällt auf, dass im Interview mit der Leitung immer wieder die Rede davon ist, bestimmte Kunstformen/Künstler:innen zu unterstützen.

We support a lot of stuff that’s experimental emerging, but then we still support classic work or traditional work. […] Definitely supporting artists from global majorities or artists who would say they’re in disabled communities and things like that, LGBTQ. […] We’re just aware that politically there are certain voices that don’t get heard, so we just make the effort to hear them. But there’s no implication then for what that looks as piece of work or what that artist has to say. So that’s why I’m feeling very resistant to say that we have like an artistic stance.21

Grund für die Programmierung ist also nicht, dass Stücke einer einheitlichen künstlerischen Handschrift entsprechen, sondern dass durch sie Künstler:innen, die sonst wenig repräsentiert sind, eine Bühne geboten wird.

Pentabus hat jeweils eine tourende Sprechtheater-Produktion im Programm. Behandelte Themen der aktuellen Produktion sind Transsexualität, Genderidentitäten und Geschwisterbeziehungen im Kontext ländlicher Raum. Es gibt keine Inszenierungen des klassischen Kanons – das Programm besteht aus Stücken, die von jungen Autor:innen aus der Region entwickelt wurden und aus Theatertexten aktueller britischer Autor:innen. Die Gründe für die Entscheidung für eine bestimmte Produktion sind ähnlich denen, die die Leitung aus Manchester nennt. Es gehe darum,

to bring new writing, an exciting work that is relevant now to the rural areas. To let people be able to hear those stories because you get a lot of urban stories […]. Also, to take the rural stories to the cities as well as to the countryside.22

Auch hier stehen also die Unterstützung aufstrebender Künstler:innen und die Repräsentation bestimmter Perspektiven im Vordergrund.

Das Odéon zeigt ausschließlich Sprechtheater mit Schwerpunkt auf zeitgenössischen Theatertexten. Verhandelt werden gesellschaftsrelevante, politische Themen (Grenzen, Flucht, Europa, Klimakrise), aber auch individuelle Themen (Alter und Tod, Familie, Beziehung). Die Stückbeschreibungen erwecken den Eindruck, dass die Zuschauer:innen gefordert sind, abstrakte und philosophische Themenkomplexe zu durchdringen und sich in aktuellen gesellschaftsrelevanten Diskursen und Theaterliteratur auszukennen. Ein Beispiel: „Lygre [den Autor] zu spielen, bedeutet, durch das Theater zu hinterfragen, was heute Zusammenhalt schafft“. Für die Spielplangestaltung, so die Leitung von Vermittlung und Kommunikation, stünden an erster Stelle künstlerische Aspekte:

Die Aufgabe dieses Theaters ist es, Kunst zu schaffen und Künstler:innen Raum zu geben. Der große Unterschied im Vergleich zu privaten Theatern in Frankreich ist, dass eine Inszenierung dort für einige Termine programmiert ist. Wenn das Stück nicht läuft und das Publikum nicht kommt, setzt man es ab. In einem öffentlichen Theater ist es genau andersherum. Wir programmieren 25 Termine und spielen an 25 Terminen, egal, was passiert, ob es läuft oder nicht. […] Die Programmgestaltung wird nie auf ein Publikum ausgerichtet.23

Allerdings gebe es bestimmte Faktoren, die mitbedacht würden:

Es gibt eine Ausgewogenheit im Programm zwischen Männern und Frauen, Regisseuren und Regisseurinnen, Klassikern, zeitgenössischen Stücken, ausländischen und französischen Stücken. Es gibt […] zugänglichere Dinge, etwas anspruchsvollere Dinge, etwas intellektuellere Dinge. Wir versuchen, das auszubalancieren. Wir versuchen, sehr unterschiedliche Dinge anzubieten, um möglichst unterschiedliche Publikumsgruppen zu erreichen.24

Trotzdem wird die verantwortliche Person für Kommunikation und Vermittlung erst, wenn die inhaltlichen Entscheidungen für einen Spielplan schon getroffen sind, in die Planung einbezogen – die Entscheidung über künstlerische Positionen trifft die künstlerische Leitung:

Ich komme erst in der zweiten Phase dazu. Das heißt, wenn die Inszenierungen einigermaßen festgelegt sind, stimmen wir die Termine in der Spielzeit ab und überlegen: Das ist schwieriger, das ist einfacher, hier muss man vielleicht weniger Aufführungstermine ansetzen, hier mehr.25

Anders als am Odéon ist am LE ZEF das Angebot nicht auf Sprechtheater beschränkt, sondern beinhaltet ebenfalls Tanzstücke, eine Zaubershow, ein Figurentheaterstück, eine Lesung und ein Theaterstück für junges Publikum. Die Multidisziplinarität, teilweise auch die Verschränkung verschiedener Künste in einer Inszenierung (mehrere Inszenierungen oszillieren zwischen Konzert und Lesung/Theater), legt nahe, dass damit unterschiedliche Zielgruppen mit verschiedenen Interessen angesprochen werden können. Es handelt sich fast ausschließlich um zeitgenössische Theaterkunst. Eine der angekündigten Inszenierungen arbeitet ganz konkret mit der Belegschaft des Theaters und bringt diese auf die Bühne: „ein Theater in der Hauptrolle, eine Direktorin als Platzanweiserin, ein Team als Schauspielensemble“. Es lässt sich vermuten, dass dieser Blick „hinter die Kulissen“ auch für Publikum, das nicht mit dem klassischen Theaterkanon vertraut ist, von Interesse sein kann. In den Äußerungen der Marseiller Theaterschaffenden wird deutlich, dass das Publikum bei der Spielplangestaltung ein wichtiger Faktor ist:

Wenn ich einen Spielplan gestalte, sage ich mir: Achtung, es braucht ein Stück, das alle zusammenbringt. Achtung, das wird zu speziell, das können wir nicht so machen, das müssen wir im Rahmen eines Festivals machen. Achtung, das ist völlig abstrakt, das will ich nicht. Ich versuche also, ein Programm zu machen, das viele interessiert.26

Dabei, so die Person aus dem Ticketing, sei weiterhin auch das theateraffine Publikum mit dem Wunsch nach anspruchsvoller Theaterkunst aus dem Stadtzentrum eine wichtige Anspruchsgruppe. Im Fall von sehr voraussetzungsvollen Stücken werde dann über die Vermittlung versucht, Personen aus dem Viertel, die wenig Theatervorerfahrung haben, zu erreichen:

Wir müssen dennoch hervorragende Produktionen anbieten, die von den Leuten [aus dem Stadtzentrum, Anm. d. A.] auch wahrgenommen werden, manchmal nicht so sehr von den Leuten aus der Nachbarschaft, aber die werden dann von der Vermittlung eingeladen, sie zu entdecken.27

Im untersuchten Spielzeitheft der Comédie ist ein Großteil der Angebote als Sprechtheater gelabelt, weitere als Tanz, Oper, Zirkus, Magie und Performance. Verhandelte Themen betreffen sowohl zwischenmenschliche Beziehungen im Kleinen als auch globale historische und aktuelle Entwicklungen: Auffällig ist, dass sich gleich vier Inszenierungen mit der Beziehung Mensch – Natur und dem Klimawandel auseinandersetzen. Die Inszenierungsgrundlagen sind hauptsächlich zeitgenössische. Ebenfalls im Spielplan mitaufgeführt werden die partizipativen Objets valentinois non identifiés (O.V.N.I.), auf die in Kapitel 5.9 genauer eingegangen wird. Für die Spielplangestaltung bzw. die Zusammenarbeit mit assoziierten Künstler:innen, die Produktionen an der Comédie entwickeln, ist die künstlerische Handschrift der interdisziplinär arbeitenden Intendanz relevant: „Im Mittelpunkt […] stehen unterschiedliche Künstler, die sich in ganz verschiedenen Disziplinen ausdrücken.“28 Das Theater versuche, seinem Auftrag als CDN nachzukommen, indem es „möglichst repräsentativ für das aktuelle Schaffen in Frankreich und […] auch ein wenig auf internationaler Ebene“29 ist. Es sei dem Theater außerdem ein Anliegen, so die Intendanz, „Themen zu behandeln, die in unserer heutigen Gesellschaft verhandelt werden“30.

5.7.4 In Kürze

Repertoire- und Mehrspartenbetrieb an den deutschen Theatern führt zu umfangreichstem Abendspielplan

Durch den Repertoire- und Mehrspartenbetrieb können die untersuchten deutschen Theater das größte Angebot bieten: Spitzenreiter ist Chemnitz mit 76 Inszenierungen in der Spielzeit 2022/2023. Etwas weniger Produktionen im Programm haben die Gastspielhäuser, am wenigsten divers ist das Abendspielangebot der En-suite-Betriebe in Paris und London.

Ausschließlich Sprechtheaterangebote nur in den großen Städten möglich

Die Hauptstadttheater legen den Fokus auf Sprechtheater, während die Theater in den anderen Städten diversere Genres abdecken. Bestimmte Sparten sind ortsspezifisch: Zirkus und Magie sind als Kunstform nur an den Theatern in Frankreich vertreten, Figurentheater ist in Chemnitz (ehemalige DDR) und Frankreich am präsentesten. Explizite Kinder- und Jugendtheaterstücke gibt es nur in Hildesheim, Chemnitz und Marseille. Das Opernangebot ist an den Mehrspartenhäusern in Hildesheim und Chemnitz am größten, das Musicalangebot in Hildesheim und den englischen Theatern. Klassisches Ballett findet sich nur im Mehrspartenhaus in Chemnitz. Die Häuser in den Hauptstädten bieten kein Tanz(-theater) an – hier sind vermutlich spezifische Häuser dafür vorhanden. Alle Theater zeigen mehr zeitgenössische Inszenierungen als klassische Stoffe. Im Verhältnis am meisten Klassiker zeigt Chemnitz, keine Klassiker findet man dagegen am Contact und dem Pentabus Theatre.


Anmerkungen

  1. Bei den Theatern Chemnitz und dem TfN wurden dort, wo Premieren im September, aber keine weiteren Aufführungsdaten angegeben wurden, diese mit eingerechnet, da davon auszugehen ist, dass die Inszenierungen im Zeitraum September bis Dezember ebenfalls gezeigt wurden.
  2. Ich orientiere mich an der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins, die als „zeitgenössisch“ Inszenierungen ab 1945 definiert.
  3. Interview Maxim Gorki Theater Intendanz.
  4. Interview Maxim Gorki Theater Kommunikation.
  5. Interview Maxim Gorki Theater Intendanz.
  6. Interview Maxim Gorki Theater Vermittlung.
  7. Interview Städtische Theater Chemnitz Intendanz.
  8. Interview Städtische Theater Chemnitz Kommunikation.
  9. Ebd.
  10. Interview Städtische Theater Chemnitz Intendanz.
  11. Ebd.
  12. Interview Städtische Theater Chemnitz Vermittlung.
  13. Vgl. Steinhauer 2020.
  14. Interview Theater für Niedersachsen Intendanz.
  15. Interview Theater für Niedersachsen Kommunikation.
  16. Interview Theater für Niedersachsen Intendanz.
  17. Interview National Theatre ehem. Intendanz.
  18. Ebd.
  19. Ebd.
  20. Interview Contact Intendanz.
  21. Ebd.
  22. Interview Pentabus Geschäftsführung.
  23. Interview Odéon Leitung Kommunikation und Vermittlung.
  24. Ebd.
  25. Ebd.
  26. Interview LE ZEF Intendanz.
  27. Interview LE ZEF Ticketing.
  28. Interview Comédie de Valence Intendanz.
  29. Ebd.
  30. Ebd.
teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige