Auftritt
Neuköllner Oper: Kein Applaus bei einer Premiere?!
„Vox Humana“ von Opera Aperta – Text, Theorie und Raum Illia Razumeiko, Komposition und Musikalische Leitung Roman Grygoriv, Dramaturgie Marichka Styrbulova, Dennis Depta, Elektronische Musik Valeriia Vynogradova, Kostüm Kateryna Markush, Video Ivanna Yakovyna, Kamera und Schnitt Liubov Ploskonosova, Sophia Gera, Sound Olha Goncharenko
Assoziationen: Musiktheater Europa Freie Szene Theaterkritiken Dossier: Ukraine Neuköllner Oper

„I went everywhere for youI even did my hair for youI bought new underwear, they’re blueAnd I wore ’em just the other dayLove, you know I’d fight for youI left on the porch light for youWhether you are sweet or cruelI’m gonna love you either way“
Es war das Jahr 2010, in dem Lena Meyer-Landrut sich mit diesen Zeilen nicht nur in die Herzen der Zuschauer:innen, sondern auch auf den ersten Platz des Eurovision Song Contest gesungen hat. Deutschland war aus dem Häuschen; die Welt war in Ordnung.
Doch seitdem ist viel passiert: Zum Beispiel herrscht seit Februar 2022 in einem Teil Europas Krieg; und seit dem vollumfänglichen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist das Leben vieler Menschen von Zerstörung, Verlust und Angst geprägt. Das ukrainische Kollektiv Opera Aperta, das mit seinen Arbeiten seit 2020 neue Wege des Instrumentaltheaters und der Medienoper erkundet, ist auch von dieser Realität betroffen. Sein Singspiel „Vox Humana“ ist nun die erste Inszenierung, die Opera Aperta außerhalb der Ukraine produziert und zur Uraufführung bringt. „Eigentlich ist Theater das Gegenteil von Krieg“, erzählen die Performer:innen dem Premierenpublikum in der Neuköllner Oper. Das Theater ist ein Ort des Friedens. Wie kann und sollte eine Oper jetzt also aussehen? Und wie kann sie klingen?
In Form von Videoaufnahmen eines Straßeninterviews spielt das Kollektiv zu Beginn der Inszenierung ein paar Antworten auf diese Fragen ab: Zwischen dem Wunsch, von der Musik zum Weinen gebracht zu werden, und der Vision, das Ganze an dem japanischen Filmmonster Godzilla zu orientieren, ergab sich dabei auch folgender Vorschlag: Wie wäre es denn, wenn das Kollektiv den Deutschen – bei denen es in dieser Sache ja nun schon seit Jahren nicht mehr gut läuft – mal zeigt, wie das mit dem Eurovision Song Contest eigentlich richtig geht? Gesagt, getan.
In Pailletten, Glitzer, schwarzen Lederstiefeln und pastellrosafarbenen Blazern stürzt sich die Gruppe in eine wilde Hyperpop-Sause. Durch einen Loop, in dem sich die Performances als traumähnliche Sequenzen zu wiederholen beginnen, changiert die Wirkung: Ist das hier eine Art euphorischer Rausch, der einfach Spaß machen darf? Oder kippt womöglich gleich alles in einen nicht enden wollenden Albtraum halluzinogener Wiederholungsschleifen? Aus der Erkenntnis, dass sich diese beiden Fragen bei „Vox Humana“ nicht in einer Entweder-Oder-Gegenüberstellung beantworten lassen, ergibt sich die künstlerische Qualität der Arbeit: Es geht um eine Gleichzeitigkeit; eine Überlagerung, ein Neben- und Ineinander von Formaten, Ästhetiken und Emotionen. Ein vorproduziertes Video, das zu Beginn der Inszenierung abgespielt wird, legt von diesem Konzept Zeugnis ab: Entlang einer handgemachten Collage führt die Stimme des Regisseurs Illia Razumeiko dabei in eine Praxis der multimedialen Untertitelung ein. Zwischen einem kurzen Abriss der europäischen Kunstgeschichte, einer theoretischen Rahmung und anderen einleitenden Ausführungen zum Kontext dieser Arbeit wird hier besonders eines etabliert: ein Raum, in dem gemeinsam gelacht werden darf. Ein bisschen Ironie, ein paar lockere Scherze; schließlich ist Theater ja das Gegenteil von Krieg. Aber – und hier verweist „Vox Humana“ wieder auf die Kraft des Gleichzeitigen – das Theater ist eben auch der Ort, an dem wir den Wunden, die der Krieg geschlagen hat, gemeinsam begegnen können.
Mit einem Verweis auf die Arbeiten des deutschen Gesangslehrers Alfred Wolfsohn, der infolge seines Einsatzes als sogenannter Tragenträger, als Träger verwundeter Soldaten, in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs unter auditiven Halluzinationen schreiender Soldaten litt, erkundet Opera Aperta die Spuren, die Krieg auf der menschlichen Stimme hinterlässt. So stehen die glasklaren Klänge ihres Gesangs auf Ukrainisch einer Szene gegenüber, in der die Stimmbänder der Performer:innen um die Erzeugung eines vertrauten Tons zu kämpfen scheinen: Als ein Heulen im Wind lassen sie unaufhörlich Luft aus ihren Körpern strömen – wie die dünnen Fäden einer erschöpften Stimme. Und so erscheinen auch die einzelnen Orgelpfeifen, mit denen sich die Sänger:innen zu einem kollektiven Instrument zusammenfinden, als eine Art Werkzeug, das die Stimme durch diese Zeit der Erschöpfung zu tragen versucht. Als die Inszenierung sich dann inmitten eines dröhnenden Stroboskop-Rausches langsam ihrem Ende neigt, legt sich die Gruppe – die Orgelpfeifen liebevoll in ihren Armen – auf den Treppen der Opernbühne schlafen. Sie sind erschöpft, müde vom Krieg und der Angst; und deswegen soll es an diesem Abend auch keinen Applaus geben, sondern einen leisen Abgang des Publikums. Damit die Gruppe endlich an einem sicheren Schlafplatz zur Ruhe kommen kann. Ganz unerwartet findet dann erneut ein deutscher ESC-Song sein Echo:
„Dann seh’ ich die Wolken, die über uns sindUnd höre die Schreie der Vögel im WindIch singe aus Angst vor dem Dunkeln ein LiedUnd hoffe, dass nichts geschieht“
(Nicole, „Ein bißchen Frieden“, 1982)
Erschienen am 21.9.2026




















