Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: House of Arts – Über Macht und Struktur am Theater (10/2020)

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So weit nach oben wie für Frank Underwood, der sich in der Netflix-Serie „House of Cards“ vom Kongressabgeordneten bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten emporintrigiert und dabei einen guten Schuss „Macbeth“ und „Richard III.“ erkennen lässt, führt der Weg im Theaterbetrieb gewöhnlich nicht. Und natürlich geht es nicht so blutig zu. Aber Throne werden auch hier besetzt – im buchstäblichen Sinne. Ausgerechnet am Theater, das sich gern gesellschaftskritisch gibt und insbesondere die Könige des dramatischen Kanons in Grund und Boden ironisiert, herrschen vorsintflutliche ­Leitungsstrukturen. Immer wieder hört man von Machtmissbrauch und einem angstbesetzten ­Arbeitsklima; zuletzt vom Badischen Staatstheater Karlsruhe, wo Teile der Belegschaft sich öffentlich gegen den Intendanten Peter Spuhler gestellt haben.

Dass sich dringend etwas ändern muss im House of Arts, darüber ist man sich weitgehend einig. Nur wie? In unserem Schwerpunkt über Macht und Struktur am Theater sprechen Dorte Lena Eilers und Christine Wahl mit Expertinnen und Experten, die aus verschiedenen Perspektiven auf die ­Problematik schauen. Sven Schlötcke, der Künstlerische Leiter und Geschäftsführer des Mülheimer Theaters an der Ruhr, hält Kollektivleitungen für eine gute Lösung – die Schauspielerin Wiebke Puls setzt prompt dagegen, aus ihren bisherigen Arbeitszusammenhängen besonders glückliche Erinnerungen an eine „klar patriarchal-hierarchische Struktur mit einer großartigen Führungspersönlichkeit“ zu besitzen. Kunstschädlich ist für Puls vor allem der aberwitzige Erwartungsdruck von Kulturpolitik, Presse und Publikum. Während der Coach Stefan Bartling, bei dem schon viele Theaterleute in Führungskräfteseminaren saßen, wiederum die „Zielabsprachen“ in der Branche „oft zu wachsweich“ findet und die Leipziger Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke für eine strikte Differenzierung zwischen „Führungsstruktur“ und „Führungskultur“ plädiert.

Fest steht: Über die Zustände hinter den Kulissen wird – und muss – weiter debattiert werden. Auf der Bühne herrscht unterdessen fast schon wieder Post-Shutdown-Normalbetrieb – unter Corona-Bedingungen. Schnell hat man sich daran gewöhnt, mit Mund-Nasen-Bedeckung durchs Foyer an seinen Platz zu huschen, wo man wegen der Abstandsregeln jetzt endlich die Beinfreiheit hat, von der man seit Jahren träumt – und sich nach den Nahkämpfen zurücksehnt, die man mit seinen Sitznachbarinnen und Sitznachbarn um den Gliedmaßenradius und die gemeinsamen Armlehnen geführt hat.

Immerhin sieht es bislang nicht so aus, als würde sich flächendeckend „Korona“ durchsetzen, die neue „Seuchen“-Kunst, die Josef Bierbichler am Werke sieht und in seiner Kolumne sachkundig aus­einandernimmt. Auch die Befürchtung, der postpandemische Wiedereröffnungsspielplan werde sich auf „Die Pest“ beschränken, hat sich nicht bewahrheitet. Am Schauspielhaus Hamburg steht statt ­Camus ein neuer Rainald Goetz auf dem Programm – der erste seit „Jeff Koons“, mithin seit über zwanzig ­Jahren. „Reich des Todes“, ein Stück über den 11. September und seine Folgen, verteidigt die Notwendigkeit des Blickes auf die Täter, schreibt Jakob Hayner in seiner Kritik zu Karin Beiers Uraufführung.

Neue Stücke – von Sibylle Berg über Falk Richter bis zu Theresia Walser – dominierten auch das Kunstfest Weimar, dem Thomas Irmer bescheinigt, sich „als erstes deutsches Großfestival unter Corona-Bedingungen bewährt“ zu haben. Es gibt also guten Grund zur Hoffnung, dass die Ruhrtriennale das letzte abgesagte Theaterfestival war. Martin Krumbholz porträtiert den Künstler Julius von Bismarck, der dort eine Performance mit Polizeirobotern präsentiert hätte. Diese und andere Arbeiten zeigen wir in unserem Künstlerinsert.

Die Polizeipräsenz ist generell hoch in diesem Heft. Ralf Mohn war Ende August, als Teilnehmer einer Berliner Anti-Corona-Demonstration versuchten, die Stufen des Reichtags zu ersteigen, vor Ort und erinnert sich an andere „Stürme“, die er dort erlebt hat – zum Beispiel den theatralen von Milo Rau vor drei Jahren.

Polizeieinsätze der gnadenlosen Art erleben gerade die Menschen, die in Minsk gegen den belarussischen Staatschef Alexander Lukaschenko protestieren, darunter viele Kultur- und Theaterleute. Johannes Kirsten beschreibt in seinem Report eine große Aufbruchsstimmung – und fühlt sich an 1989 erinnert.

Das ist inzwischen schon über drei Jahrzehnte her. Friedrich Dieckmann blickt anlässlich des Wiedervereinigungsjubiläums noch einmal auf die „Faust“-Rezeption in der DDR zurück, Thomas Wieck denkt über die Spezifik des Theaters von Alexander Lang nach, der diesen Monat den Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste erhält. Thomas Freyer spannt in seinem Stück „Stummes Land“, das wir in dieser Ausgabe drucken, den Bogen von der DDR-Geschichte ins Heute, und der Soziologe Steffen Mau erklärt, warum viele Ostdeutsche 1990 „in eine Derrick-Bundesrepublik einwandern“ wollten. //

Die Redaktion

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