Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Haus Rotes Wunder – Die neue Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke (11/2018)
Welches Theater braucht eine Stadt wie Potsdam, die in Nachbarschaft zum übervollen und alles abdeckenden Theaterdschungel Berlin gelegen ist? Bettina Jahnke, die neue Intendantin des Hans Otto Theaters Potsdam, hat da reichlich Ideen. Sie selbst ist eine in den Osten Zurückgekehrte. Nach ihrer zehnjährigen Intendanz am Rheinischen Landestheater Neuss stellt sich die gebürtige Wismarerin lustvoll den Herausforderungen eines neuen Hauses, von dem sie fordert, stets Haltung zu zeigen. Was sich hinter dem gleichnamigen Spielzeitmotto verbirgt und wie sich der Neustart mit seinen drei Eröffnungspremieren entfaltete, berichtet Gunnar Decker.
Auch am Nationaltheater Mannheim fand jüngst ein spannender Personalwechsel statt: Von Ost nach West zog es den ehemaligen Intendanten des Kunstfests Weimar Christian Holtzhauer. Sein Theater soll „ein Versuchslabor für die Bundesrepublik“ werden. Die deutsch-deutsche Geschichte, aber auch zeitgenössische Stoffe und eine Vielzahl an Perspektiven sind dabei die Leitmotive zukünftiger Spielpläne. Zu Holtzhauers Einstand gab es die Uraufführung von Lukas Bärfuss’ „Der Elefantengeist“ – eine irrlichternde Abrechnung mit der Ära Helmut Kohl. Otto Paul Burkhardt war bei der Premiere dabei, Elisabeth Maier sprach mit Christian Holtzhauer über bewährte Traditionen und neue Ideen.
Mit dem Namen Kohl nahtlos verbunden ist auch der Prozess der Wiedervereinigung, vor allem der fadenscheinige Begriff der „blühenden Landschaften“. In Leipzig trafen sich der Soziologe Wolfgang Engler und die Kulturbürgermeisterin von Leipzig, Skadi Jennicke, um über Nachwendeerfahrungen und den steigenden Rechtsdruck in Sachsen zu diskutieren. „Vieles von dem“, sagt Jennicke, „was in Sachsen geschieht, weist über Sachsen hinaus, hängt damit zusammen, dass sich sehr viele Menschen offenbar über Jahre hinweg nicht hinreichend wahrgenommen gefühlt haben in ihrem Impuls, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.“ Kultur und Kunst könnten da die Dialog- und Wandlungsfähigkeit der Gesellschaft befördern und positive Erfahrungen mit Veränderung ermöglichen. Leipzig ist in dieser Hinsicht bereits Vorbild. Hier gedeiht eine herrlich motzige und rebellische freie Theaterlandschaft, in der sich zahlreiche Protagonisten einer Anpassung an verstaubte Theatertraditionen erwehren – so wie das Theater der Jungen Welt, das Paula Perschke besucht hat.
Die großen, widersprüchlichen und bei Weitem nicht immer sympathischen Männer der Weltgeschichte stehen ebenfalls in unserem Stückabdruck im Mittelpunkt. Anlässlich des 70. Geburtstags von Thomas Thieme am 29. Oktober baten wir ursprünglich den Autor und Regisseur Falk Richter um ein Gespräch mit dem ehemaligen Star der Berliner Schaubühne. Herausgekommen ist ein furioser Schlagabtausch über Geschichte, Politik und Schauspielkunst, den wir unter dem Titel „Wahrscheinlich wollte ich Marlon Brando werden“ als Stück veröffentlichen. „Falk Richter: Machen wir mal eine Liste der interessanten lebenden Figuren, die für dich infrage kämen, zu spielen. Harvey Weinstein? – Thomas Thieme: Nein. Aber typmäßig das richtige Angebot. – Richter: Donald Trump? – Thieme: Nein. Vom Typ falsch. – Richter: Steve Bannon? – Thieme: Ja. Sehr interessant. Schlau und schmierig. Ganz mein Fall.“
Ebenfalls ein Jubilar ist in diesem Monat der Filmregisseur und Autor Herbert Achternbusch. Die Regisseurin Pınar Karabulut, die im vergangenen Jahr Achternbuschs Stück „Dogtown Munich“ zur Uraufführung brachte, gratuliert ihm zu seinem 80. Geburtstag am 23. November mit einer liebevollen Hommage.
Auf neuen Wegen befindet sich derweil die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Nach vielen Jahren der Auseinandersetzung um einen dringend nötigen und sehnlich erwarteten Neubau kann nun endlich asbestfrei durchgeatmet werden. Am 26. Oktober öffnete die Schule ihre Pforten am neuen Standort in Berlin-Mitte. Wir haben vorab schon mal ein paar Eindrücke vom minimalistischen Design des imposanten Gebäudes eingefangen, bevor die Studierenden aller Abteilungen das neue Gebäude stürmen und dem edlen Grau die letzten und doch entscheidenden Farbtupfer verleihen. //
Die Redaktion
















