Theater der Zeit

Auftritt

Staatsoper Berlin: Das kalte Werk

„Das kalte Herz“ von Matthias Pintscher (Musik) und Daniel Arkadij Gerzenberg (Text) – Musikalische Leitung Matthias Pintscher, Inszenierung James Darrah Black, Bühne Adam Rigg, Kostüme Molly Irelan, Licht Yi Zhao, Video Hana S. Kim

von Teresa Pieschacón Raphael

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Musiktheater Staatsoper Berlin

Die Operngeschichte ist voller verquaster Libretti. Dennoch schafften es viele Komponisten, daraus große Kunst zu machen. Gelingt das auch Matthias Pintscher mit „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Berlin?
Die Operngeschichte ist voller verquaster Libretti. Dennoch schafften es viele Komponisten, daraus große Kunst zu machen. Gelingt das auch Matthias Pintscher mit „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Berlin?Foto: Bernd Uhlig

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Mit einem märchenhaften Bild wirbt die Berliner Staatsoper Unter den Linden für die neue Oper von Matthias Pintscher „Das kalte Herz“ nach Motiven von Wilhelm Hauffs gleichnamigem Märchen. Suggeriert wird, man würde durch das Portal der Staatsoper hindurchgehen, direkt in einen dichten Wald voller Geheimnisse, magischer und spiritueller Momente. Doch schnell wird klar, dass Pintschers Werk unter der Regie von James Darrah Black nur wenig mit dem romantischen Sehnsuchtsort der Deutschen und noch weniger mit Hauffs Kunstmärchen von 1827 zu tun hat. „Zu verstaubt und antiquiert“ fand Pintscher im Programmheft die Story um Peter, der sein Herz gegen einen Stein eintauschen lässt, um an unermesslichen Reichtum zu gelangen. Hauffs „assoziativer Raum müsse neu gedacht“ werden, so auch sein Librettist Daniel Arkadij Gerzenberg. Also brachte er zwei neue, offenbar weniger „antiquierte“ Figuren ins Spiel: den (ur)altägyptischen Toten-Gott Anubis, der hier gegendert als Göttin (Rosie Aldridge mit warmem, satten Mezzo) auftritt, und Azaël, ein Wüstendämon aus der hebräischen Mythologie – als demonstrativ groteske Sprechrolle angelegt, wie geschaffen für die großartige Sunnyi Melles. Was beide allerdings mit dem Wald zu tun haben, bleibt schleierhaft.

Den verkaufsfördernden Titel „Das kalte Herz“ behielt man allerdings bei. Auf Hauffs schauerliches Motiv der Herzentnahme wollte man nicht verzichten. Doch anders als im Märchen ist es nun Peters Mutter (beeindruckend dargestellt von Katarina Bradić!), die ihm das Herz herausschneidet nach dem Motto „Dein Herz ist mein Herz“ und ihn damit zur Gefühlskälte und Einsamkeit verdammt. Warum Peter unbedingt sein Herz loswerden will? Aus Gier nun ja nicht. Warum dann? Das bleibt in dieser grotesken „Familienaufstellung“ die Frage. Die Mutter hat also mal wieder Schuld. Ein billiger psychoanalytischer Gemeinplatz.

Die Operngeschichte ist voller schwacher und verquaster Libretti. Und dennoch schafften es viele Komponisten, daraus große Kunst zu machen. Pintscher, der selbst am Pult der Staatskapelle stand, orientiert sich „an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern“, wie er sagt. Seine Musik in zwölf Bildern und vier Waldmusiken enthalte „Leitmotive“, die man allerdings kaum vernahm. Zudem „mikrotonale Farbpaletten", die sich als akustische Augenblicke herausstellten, wie in einer Filmmusik. Demzufolge rauschte und quietschte es aus dem Orchestergraben, mitunter flirrten die Geigen, tönten die Bläser. Die Perkussionsabteilung war bestens ausgelastet. Eine Entwicklung, geschweige denn eine dramatische Zuspitzung, fand allerdings nicht statt, weshalb man bereits nach einer halben Stunde hoffte, dass Peters Leiden und damit das ganze Stück ein Ende findet. Doch Peter (Samuel Hasselhorn mit weichem Bariton und großer Emphase) und seine Clara (Sophia Burgos in Kaiserin-Sisi-Robe mit feinem lyrischen Sopran, wenn auch schlechter Diktion) stammelten sich in der ersten Szene gefühlt stundenlang an, fast wie Tristan und Isolde, nur nicht so gekonnt. „Dein Haar! - Dein Blick! - Wir sind ich! - Und wir sind du! - Ich - Du! - Du - Ich!“ Zäh zog sich das ganze Werk hin, wirkte mit seinen Texten, die oft keinen Sinn ergaben, angestrengt und betont bedeutungsschwanger. Das Libretto sei verwandt „mit den Texten von Maurice Maeterlinck, die ebenfalls nicht alles erklären und stets ein gewisses Geheimnis bewahren“, so der Komponist vorab. Da half auch nicht das zweiteilige Bühnenbild von Adam Rigg. Über einem sich morphenden Wald-Tableau baumelten die Wolfskadaver an 30 Fleischerhaken vor blutrotem Hintergrund wie in einem Horror-B-Movie aus den Sechzigern. „Bluuuuuuut!!!“, jaulte irgendwann auch die großartige Sunny Melles alias Azaël und schlich wie eine Wölfin durch den Raum. Einer der seltenen spannenden Momente.

„Ich öffne den Zuschauern ein Tor, sie gehen in einen klingenden Garten voller evokativer Emotionen. Aber dann gehen sie auf sich selbst gestellt darin einher“, so Pintscher vorab. Das passte zwar zur obigen Werbung, nicht aber zu Werk und Inszenierung, die buchstäblich kalt ließen. Relativ kurzer Applaus, auch von Daniel Barenboim, der 2020 das Werk in Auftrag gab und nun von Krankheit gezeichnet im ersten Rang saß. Ein berührender Moment.

Erschienen am 15.1.2026

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