Theater der Zeit

Auftritt

Hamburg / Potsdam: Der Sieg der Frauen über den kleinen großen Mann

Thalia Theater: „Die Katze und der General“ (UA) von Nino Haratischwili; Hans-Otto-Theater: „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili

von Dorte Lena Eilers

Erschienen in: Theater der Zeit: Deutsche Zustände – Intendanten über ein neues politisches Selbstverständnis (10/2019)

Assoziationen: Hamburg Brandenburg Hans Otto Theater Thalia Theater

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Ein schwarzer Korpus, der Lauf gedrungen, durch einen Schalldämpfer elegant verlängert. Diese Makarow vom Typ IZH ist der Ausgangspunkt von Jette Steckels Adaption von Nino Haratischwilis neuestem Roman „Die Katze und der General“ am Thalia Theater Hamburg. Wie einen Beweisgegenstand reckt Investigativjournalist Onno Bender (André Szymanski) diese Pistole anklagend in die Höhe. „Am 7. Oktober 2006“, erklärt er, ­„tötet ein Schuss aus einer solchen Waffe ­Natalia Iwanowna im Aufzug ihres Wohnhauses in Moskau … An diesem Tag verstummt eine der wichtigsten journalistischen Stimmen Russlands.“

Natalia Iwanowna ist in Haratischwilis Roman das Pseudonym für die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die bis zu ihrem gewaltsamen Tod die russische Regierung mit ihren Recherchen über Korruption und Kriegsverbrechen vor sich hertrieb. Im Herzen der über mehrere Jahrzehnte angelegten Geschichte ist „Die Katze und der General“ ein Monument für sie, stellvertretend für all jene, die unter dem Dreck der Vergangenheit nach Wahrheiten graben.

Beginnend mit den Auswirkungen des ersten Tschetschenienkriegs auf ein Dorf im Kaukasus 1994, schlägt der Roman einen weiten Bogen über Moskau, Marrakesch und Berlin bis ins Jahr 2016. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Alexander Orlow (Jirka Zett), einst junger Soldat der russischen Armee, heute millionenschwerer Oligarch mit Wohnsitz in Berlin. Der General, wie Freunde und Feinde ihn nennen, ist die interessanteste Figur in Haratischwilis Erzählung: Als schüchterner Junge zur Armee gekommen, wird er in Tschetschenien durch seine Vorgesetzten ­Andrei Schujew (Bernd Grawert) und Boris Petruschow (Ole Lagerpusch) in die Vergewaltigung und Ermordung der jungen Tschetschenin Nura Gelajewa (Lisa Hagmeister) verwickelt. Eine Tat, die fortan wie ein Albdruck auf seinem Leben lastet. Mithilfe Onno Benders und der georgischen Schauspielerin Sesili, Spitzname: die Katze (ebenfalls Lisa Hagmeister), die der getöteten Nura auf wundersame Weise gleicht, versucht er zwanzig Jahre später, seine einstigen Vorgesetzten zur Rechenschaft zu ziehen. Es geht um Schuld. Und Sühne.

Anders jedoch als Dostojewskis Gesellschaftspsychogramm folgt „Die Katze und der General“ weniger einer psychologischen Untersuchung menschlichen Verhaltens. Vielmehr gleicht das Gerüst des Romans jenem sechsfarbigen Zauberwürfel, den Natalia Iwanowna (Karin Neuhäuser) einst Nura schenkte: Handlungsfragmente werden zusammen­gefügt, wieder verdreht oder stehen unvereinbar nebeneinander. Die Antriebskraft liefert die Jagd nach der Wahrheit – wie in einem gut gebauten Agentenfilm. Ergebnis dieser Dramaturgie ist, dass sich Handlungen, statt aus inneren Konflikten, durch äußere Ereignisse generieren (der Mord an einem Menschenrechtsanwalt, die Geburt von Orlows Kind), die in der verdichteten Bühnenfassung von Emilia Linda Heinrich, Julia Lochte und Jette Steckel derart rasant aufeinanderfolgen, als würde ständig scharf geschossen. Als ­Zuschauer ist man atemlos dabei. Die Schauspielerinnen und Schauspieler indes haben kaum Zeit, ihre Rollen zu entwickeln. Die ­Figuren bleiben gegenständlich wie die Quader des Zauberwürfels, sind Agierende, weniger Denkende, Reflektierende.

Dennoch ist Steckels Inszenierung ein formstarker Abend. Prägnant, fast wie Bilder einer Graphic Novel, verschneidet sie die einzelnen Szenen, skizziert gerade so viel, dass man die Handlung versteht. Tatsächlich entstammt der Makarow-Monolog dem Comic „Berichte aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus“ des italienischen Zeichners Igort (wobei diese Quelle leider nicht genannt wird). Auch Florian Lösches Bühnenbild, ­monumentale betongraue Wände, die, rauf- und runterfahrend, Mauern bilden oder Menschen gänzlich einsperren, sorgen für scharfe Schnitte. Dass André Szymanski in seiner Funktion als Erzähler diese Wände beständig mit Jahreszahlen vollpinseln muss, führt ­allerdings auch zu grotesken Momenten, etwa wenn er, wieder in der Rolle Benders, im tiefsten Sumpf Moskaus immer noch mit ­Pinsel dasteht.

„Die Katze und der General“ erzählt von der Mechanik des Krieges, weniger von seiner Psychologie. Die Entmenschlichung, die damit einhergeht, blitzt an diesem Abend vor allem bei einem hervor: Bernd Grawert, der, eben noch als zartfühlender Konzert­pianist am Flügel sitzend (er spielt tatsächlich selbst!), wenig später als kaltblütiger Kriegsverbrecher Schujew über die Bühne stapft, die Füße mit zwei Armeehelmen verwachsen, wie eine Figur von Heiner Müller, entsetzlich und faszinierend zugleich.

Gänzlich anders gestrickt ist Nino ­Haratischwilis Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“, der als Bühnenadaption nach seiner Uraufführung am Thalia Theater 2017 (ebenfalls durch Jette Steckel) nun am Hans Otto Theater Potsdam in der Regie von Konstanze Lauterbach Premiere hatte. Hechtet „Die Katze und der General“ einer Dramaturgie der Ereignisse hinterher, verfolgt „Das achte ­Leben“ eine Dramaturgie der Psychologie. „Ich verdanke diese Geschichte einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat … einem lange andauernden Verrat, der sich wie ein Fluch über meine Familie gelegt hatte … Es ist die Geschichte der Familie ­Jaschi, von acht Leben und einem roten ­Jahrhundert, in das wir alle eingewoben sind wie Fäden in einen Teppich.“ So endet ­Haratischwilis 1300 Seiten starker Roman. In Potsdam bilden diese Zeilen den Anfang. Stasia wird geboren, Tochter eines georgischen Schokoladenfabrikanten, deren Schicksal, kaum hat sie sich in den Weißgardisten Simon Jaschi verliebt, von den politischen Umwälzungen durchkreuzt wird. Die offene, weite Bühne, von Ariane Salzbrunn mit lose im Raum verteilten Ledersesseln, Holzschränken, Tischen und einem etwas zu blumigen Blumendekor klassisch unaufgeregt gestaltet, zieht uns sofort hinein in dieses ­Familienleben, dessen Erzählung zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzt. Das Zarenreich zerfällt, Georgien taumelt als Anhängsel Russlands durch zwei Weltkriege, Stalinterror und Unabhängigkeitskampf. Ein Leben im Bann des roten Sterns, dessen Abgesandter, der Kleine Große Mann, wie der russische Geheimdienstchef Lawrenti Beria im Roman ­genannt wird, verheerenden Einfluss auf die Familie Jaschi ausüben wird.

Konstanze Lauterbach hat durch Besetzungswechsel die große Zeitspanne dieser Erzählung erfahrbar gemacht. Aus der jungen Stasia (Franziska Melzer) wird die alte Stasia (Rita Feldmeier), aus ihrer jugendlichen Schwester Christine (Tina Schorcht) die elegante Dame (Kristin Muthwill), aus Stasias Tochter Kitty (Tina Schorcht) die erwachsene Sängerin (Franziska Melzer). Die Wechsel finden auf der Bühne statt. Es entsteht das Gefühl, den Figuren beim Altern und damit beim Leben zuzusehen.

So groß die Zeitspanne, so groß, teils opernhaft ist anfangs das Spiel. Immer wieder lassen sich die Schauspieler vor Bestürzung – und Gründe dafür gibt es reichlich in dieser Geschichte – mit dem Rücken gegen Schränke fallen, gehen in die Knie, schluchzen urplötzlich los. Emotionen, die über­dimensioniert wirken, wenn demgegenüber im Glas Champagner, das Christine ihrem Mann vor Wut ins Gesicht schüttet, bloß Konfetti ist. Die Form mäandert zwischen psychologischem Spiel, einigen wenigen Chorpassagen und einer einzigen in die Biomechanik getriebenen Szene – bis im zweiten Teil nach der Pause die Überdrehtheit einer großen Ernsthaftigkeit Platz macht, als hätte es ­diesen Anlauf gebraucht.

„Das achte Leben“ ist ein Roman der starken Frauen. Immer mehr von ihnen werden als Töchter, Enkelinnen und Urenkelinnen Teil der Geschichte der Jaschis. Stark, schlau und wiederständig, sind sie gegen jedwede Ideologie immun. Während Kostja, Stasias parteitreuer Sohn (Guido Lambrecht), selbst zu Perestroika-Zeiten in bestürzender Verzweiflung davon träumt, noch einmal anzugreifen, folgen die Frauen von Anfang an ihren eigenen Weltentwürfen. Die kleinen großen Männer, auch die von heute, haben bei ihnen keine Chance. Die Angst und die Verzweiflung, die ihnen im Leben begegnen, treiben sie nicht in die Arme einer Partei, der Kampf um Anerkennung erfolgt nicht über Dritte. Sie kämpfen für sich selbst. Mit viel Schläue, Kraft – und Humor.

Es ist ein berührender und verstörender Moment, wenn am Ende, nach vier gemeinsam durchlebten Stunden, im Hintergrund all die Toten noch einmal auferstehen. Ein Familienalbum als Tableau vivant des Schreckens. Kaum einer von ihnen starb eines natürlichen Todes. Die Toten aber sind mit uns. Das lehrt uns, ganz nach Heiner Müller, Nino Haratischwili. Wir werden sie nicht los, aber wir können uns von ihnen emanzipieren, ohne sie zu vergessen. //

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