Theater der Zeit

Protagonist:innen

Sich erheben und offenbaren

Das Indigenous Theatre am National Arts Centre in Ottawa

von Kevin Loring

Erschienen in: Theater der Zeit Spezial: Kanada (09/2021)

Assoziationen: Nordamerika Akteure

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1969 wurde das National Arts Centre of Canada in der Hauptstadt Ottawa, Ontario, eröffnet. Das erste englischsprachige Stück auf der Bühne des Zentrums war „The Ecstasy of Rita Joe“ von dem ukrainisch-kanadischen Dramatiker George Ryga, eine beißende Anklage gegen institutionellen und systemimmanenten Rassismus und die Gewalt gegenüber den Indigenen Völkern in Kanada. Auf dem Höhepunkt der Aufführung werden die Titel­figur Rita Joe, eine junge Indigene Frau, und ihr Indi­gener Freund Jamie Paul von einer Gruppe weißer Männer überfallen, die ihn töten, Rita Joe brutal vergewaltigen und umbringen und schließlich ihren leblosen Körper am Bühnenrand zurücklassen, mitten im Herzen Kanadas.

Für viele stellte diese Produktion die Geburt eines buchstäblich kanadischen Theaters dar. Wie ironisch, dass das als wegweisend-kanadisch betrachtete Stück ausgerechnet die tragische Geschichte vom Mord an einem Indigenen Paar durch eine Bande weißer Männer erzählt. Die Tatsache, dass der Autor und die Schauspielerin, die die Titelrolle spielte, beide weiß waren, war durch die damalige Zeit bedingt, da bis Anfang der 1980er Jahre Indigene Themen nahezu ausschließlich von Weißen auf die Bühne gebracht wurden. Denn in den über fünfzig Jahren seit der Eröffnung des National Arts Centre hat sich von Indigenen Künstler:innen geschaffenes Theater, das ihre eigenen Geschichten auf ihre eigene Art und Weise erzählt, zu einem eigenständigen und bedeutenden Bereich in der kanadischen Theaterlandschaft entwickelt. Heute gibt es Hunderte von Indigenen Autor:innen verfasste Stücke, und eine Vielzahl talentierter und gut ausgebildeter Indigener Künstler:innen macht jedes Jahr ihre ersten beruflichen Schritte.

Zum fünfzigsten Geburtstag des National Arts Centre eröffneten wir im September 2019 die Sparte Indigenes Theater mit dem einen Monat andauernden Festival Mòshkamo: Indigenous Arts Rising.
Auf Anishi­naabemowin, der Sprache der Algonquin Anishi­­naabe, auf deren niemals abgetretenem Land die kanadische Hauptstadt steht, bedeutet Mòshkamo ­„etwas erhebt sich aus dem Wasser, um sich zu offenbaren“. Wir bekamen dieses Wort von Elders aus ­Kitigan Zibi geschenkt, der nächstgelegenen Algonquin-Gemeinschaft.

Zur Eröffnung des Festivals durfte ich eine Kanu-Prozession mit Vertretern der Algonquin-Nation auf dem Rideau Canal direkt neben dem National Arts ­Centre anführen. Unter der Leitung der Wasser- und Feuerhüter von Kitigan Zibi hielten wir Wasser- und Feuerzeremonien ab. Anschließend würdigten wir mit einer Deckenzeremonie im Hauptfoyer drei Wegbereiter des Indigenen Theaters, Tomson Highway (S. 21), Muriel Miguel und Marie Clements, und schenkten ihnen wunderschöne Decken in der Tradition meiner Vorfahren aus dem Westen von British Columbia. Bei dieser ­einmonatigen Feier Indigener Kunst hießen wir bei 111 Aufführungen mit 328 Indigenen Künstler:innen aus ganz Nordamerika und der ganzen Welt 1500 Teilnehmer:innen ­willkommen.

Pro Spielzeit produzieren, koproduzieren und ­präsentieren wir bis zu elf Aufführungen auf unseren Bühnen und digitalen Plattformen. Um ein größeres ­Indigenes Publikum zu erreichen, bieten wir für alle ­unsere Produktionen verbilligte Eintrittskarten für 15 kana­dische Dollar an.

In einem Land, in dem Indigene Lieder, Tänze und Geschichten einst geächtet waren und unsere Völker sich nicht versammeln durften, ist die Eröffnung eines Indigenen Theaters innerhalb des National Arts Centre ein entscheidender Schritt für diese Institution und dieses Land. Ein Zeichen der Veränderung, die Indigene Geschichten zu einer dauerhaften Erscheinung auf der nationalen Bühne macht. Dort wollen wir mit all unseren unterschiedlichen Zuschauer:innen die Kraft, Schönheit und Bedeutung Indigener Kunst und Indi­gener Künstler:innen aus ganz Turtle Island (Nordamerika) und der ganzen Welt teilen. //

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