Auftritt
Staatstheater Meiningen: Herr Kriegenburg wischt Staub
„Die Wildente“ von Henrik Ibsen – Regie und Bühne Andreas Kriegenburg, Kostüme Andrea Schraad, Dramaturgie Katja Stoppa
von Michael Helbing
Assoziationen: Theaterkritiken Thüringen Andreas Kriegenburg Meininger Staatstheater

Der Vorhang, der sich nur sehr langsam und dabei in aller Stille hebt, gibt weit vor der Zeit den Blick ins Fotoatelier der Familie Ekdal frei, welches ihr hier zugleich als Wohnzimmer dient. Dorthin führt uns Henrik Ibsens Drama „Die Wildente“ (1884) üblicherweise erst ab dem zweiten Akt. Durchs verglaste Schrägdach auf der linken, nicht, wie vom Autor notiert, rechten Seite fällt Tageslicht, während Gina mit Retuschen beschäftigt ist, von Tochter Hedvig assistiert. Bei ihnen steht aber einer, der weder ins Atelier noch überhaupt ins Stück gehört, was der Schauspieler, der einen Schauspieler spielt (Leonard Pfeiffer), dann an der Rampe achselzuckend einräumt: „Tja, Regietheater. Herzlich willkommen!“
Dabei wirkt diese hinzuerfundene Figur eines kommentierenden und gleichsam zeitreisenden Erzählers an diesem Abend doch eher wie das letzte Aufgebot eines Regietheaters, als dessen Wiege Meiningen nur in einem heutzutage missverständlichen Sinne gelten darf. Hier haben sie Ende des 19. Jahrhunderts den Regisseur als Texte ordnende und sortierende, sie anregende und befragende Instanz erfunden, nicht aber als zweiten Autor, der diese überformt oder dekonstruiert, der sie jedenfalls so oder so verfremdet, wie es auch ein Andreas Kriegenburg binnen vier Jahrzehnten oft genug getan hat.
Die einst eineinhalb Jahrzehnte europaweit für Furore sorgende Erneuerung der Schaubühne ging auf Georg II. von Sachsen-Meiningen zurück, den sogenannten Theaterherzog, dessen 200. Geburtstag soeben zu begehen war. Und weil dieser eine enge Beziehung zu Ibsen als dem damaligen „Vater des modernen Theaters“ pflegte, dessen Stücke er in Meiningen spielen ließ, kam nun eins zum anderen.
Andreas Kriegenburg wendet sich Ibsens längst unmodern gewordenem psychologischen Realismus zu und damit vom Regietheater zumindest vorübergehend ab. Zunächst aber lässt er jenen Schauspieler noch fragen: „Warum tun wir uns das an?“ Er meint das Theater als solches sowie die alten und ganz alten Stücke, die es wieder und wieder neu aufführt.
Leonard Pfeiffer wird später aus dieser Rolle rückstandslos zugunsten einer Ibsens verschwinden: der Arzt Relling. Im Sinne des Regietheaters wäre das einigermaßen inkonsequent und beinahe ein Fehler. Hier aber folgt es der Logik einer Inszenierung, die letztlich, neben allem anderen, danach fragt, ob das noch geht: Theater heute so ähnlich zu machen wie vorgestern, indem man einfach etwas Staub wischt.
Das ist Kriegenburgs dritte Arbeit in Meiningen. Und auch diesmal lässt er das Theater selbst darin als Ort und Metapher vorkommen. Zunächst schickte er 2023 Shakespeares „Hamlet“ sozusagen auf die Probebühne des Lebens, was mäßig gelang, 2025 dann Brechts „Puntila“ in die Commedia dell’arte, was sehr gut funktionierte. (Nächste Saison wechselt er in die Meininger Oper, für „Henry VIII.“ von Camille Saint-Saëns, bevor er auf Frank Behnke als Schauspieldirektor des Hauses folgen wird, wie soeben bekannt geworden ist.
Jetzt aber schickt er das Theater eben ins Atelier, in das der „Wildente“, worin Ibsen diskutieren ließ, ob dem „Durchschnittsmenschen“ mit einer wohlkonstruierten Lebenslüge nicht mehr geholfen ist als mit einer zerstörerischen Wahrheit. In diesem seinem Atelier retuschiert Kriegenburg am Bild vom zeitgenössischen Theater herum und verwendet dabei sehr viel Liebe aufs spielerische Detail.
Das beginnt bereits, als zwei Wände das Atelier wie Tore verschließen, um auf der Vorbühne einen Salon des auch durch Betrug reich gewordenen Großhändlers Werle entstehen zu lassen. Hier lässt der Diener Tassen zu Bruch gehen, bevor in herrschaftlichen Fassaden Risse entstehen. Und hinter den Fassaden des großbürgerlichen Hauses wohnen also in Ärmlichkeit und Abhängigkeit die Kleinbürger.
Der durch und durch lebensuntüchtige Fotograf Hjalmar Ekdal (Vivian Frey), stolpert, von dort kommend, im Salon, wenn er erzählt, wie er auf eigenen Füßen stehen wollte. Und wendet sich verschämt ab, wenn sein meschuggener Vater vorbeihuscht, dem John Wesley Zielmann später Restwürde verleiht, wenn ihm die langen Unterhosen herunterrutschen und blutige Beine entblößen.
Diesen alten Ekdal ließ der alte Werle einst für sich im Knast schmoren. Michael Jeske spielt den als jovialen Großkotz mit kleinlauter Seele. Ihm droht, blind zu werden, so wie Hjalmars Tochter Hedvig, was vielleicht kein Zufall ist, da er sich einst deren Mutter gefügig machte. Dann schob er Ekdal ohne dessen Wissen vorsichtshalber vors familiäre Loch. Sein Sohn Gregers will, als Wahrheitsfanatiker, alle das Sehen lehren und auf den rechten Pfad führen, was absehbar in eine Tragödie münden muss.
Die verfehlt ihre Wirkung nicht. Hatte jener Schauspieler jüngst im Theater noch „halb heulen“ müssen, wie er berichtet, müssen wir es hier ganz und gar: wenn Mia Antonia Dressler die leuchtenden Augen ihrer Hedvig stumpf werden lässt, weil ihr Vater sich von ihr lossagte; wenn Anja Lenßen ihre Gina, die ihr karges Leben an- und hinnahm, unter Schmerzen zusammenbricht, weil Hedvig sich erschoss.
Da zeigt sich die Kraft eines Schauspielertheaters, die allerdings nicht gegen ein Regietheater stehen müsste. Zumal diese Kraft in zwei Rollen versagt: Vivian Freys Hjalmar ist von Anfang bis Ende die von den Verhältnissen körperlich gebeugte Existenz; da lodert nichts, da begehrt nichts auf, da scheint nichts durch. Und Gunnar Blumes Gregers offenbart so gar nichts von Interesse; die Figur des Treibers macht diesen Schauspieler einfach bloß zum Getriebenen.
Ein Reenactment des psychologischen Realismus, im doppelten Wortsinn durch Mikroports verstärkt: Das ist letztlich diese Meininger „Wildente“, die dergestalt weniger um Lügen des Lebens als vielmehr solche des Theaters selbst kreist. Einfühlung ist gut, aber ohne Offenlegung eben nur die halbe Miete.
Erschienen am 28.5.2026

















