4.3. Satzgliederung nach Thema und Rhema
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
In einer Fernsehdokumentation über den Bariton Christian Gerhaher erleben wir ihn als Gesangsdozenten an der Münchner Musikhochschule.17 Die Sopranistin Katja Stüber stellt ihm eine Zeile aus der zweiten Strophe von Paul Hindemiths Lied Trompeten (op. 18, Nr. 18) vor, nach einem Text von Georg Trakl:
Tanzende heben sich von einer schwarzen Mauer.
Sie singt die einfache Melodiebewegung mit einem bewundernswerten durchgängigen Legato.
»Das war ganz gut«, kommentiert Gerhaher, »aber um verständlich zu machen, um was es hier geht, musst du das ›Tanzende‹ abheben. Das vorgestellte Objekt muss klar werden, sonst denkt man sich: Was bedeutet das, ›Tanzendeheben?‹ – Komisches Wort!«
Dann macht er vor, was er meint. Er realisiert »Tanzende« mit deutlichem Vibrato und im mezzoforte, greift nach einer minimalen Verzögerung (aber ohne Atem zu schöpfen!) das »h« von »heben sich« mit leicht erhöhtem artikulatorischem Akzent und schließt – nun im Mezzopiano und mit Nonvibrato – den Rest der Phrase an:
Tanzende – heben sich von einer schwarzen Mauer.
Die Sängerin nickt, greift seinen Vorschlag auf und äußert sich im folgenden Interview begeistert über die genaue, detaillierte Arbeit an Sprache und Phrasierung.
Was können wir als Darstellende davon lernen? Gerhaher hat – in deutlicher Absetzung von der Melodiebewegung, die...
















