4.2. Satzgliederung nach Sinnschritten
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
So wie in Shakespeares Balkonszene der fünfhebige Jambus sich beim Vorlesen zunächst in den Vordergrund drängte, so vermag auch in Prosatexten das Druckbild eine hörbare Autorität auszuüben, die beim Vorlesen den Textzugang erschwert. Ein Beispiel:
Samstagvormittag. Ein Seminarraum der LMU München in der Schellingstraße. Mit einem Lesetraining bereite ich Studierende der Bayerischen Akademie des Schreibens auf ihre Abschlusslesung vor, wo sie ihre selbstverfassten Texte vor einem Fachpublikum öffentlich präsentieren werden. Eine Studentin beugt sich tief über ihr Manuskript und liest in hohem Tempo vor. Ich breche ab und frage sie, ob es einen besonderen Grund für das rasche Tempo gebe. Ja, ihr Text sei zu lang, und nur wenn sie so schnell lese, passe der Text in den Zeitrahmen. – Ich weise die Studentin auf zwei Schwierigkeiten hin, die aber lösbar seien. Erstens erschwere sie durch das erhöhte Lesetempo beim Hörer das Verständnis für die »erzählte Zeit«, d. h. den Zeitverlauf der dem Text selber zugehörigen Vorgänge und Aktionen. Es bleibe ihr wohl nichts anderes übrig, als Kürzungen vorzunehmen, um sich vom Zeitdruck zu befreien. Zweitens habe sie ihr Manuskript in absatzlosem Fließtext verfasst. Und unser Auge folge zunächst ganz brav der optischen Vorgabe: Wo keine Lücken auftreten, muss man...
















