Zwischenresümee
von Maria Nesemann
Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)
Originaltitel in der Printausgabe: 4.4 Zwischenresümee
Die Ausführungen zur Theatersteuerung in Deutschland, England und Frankreich zeigen, dass sich die kulturpolitische Ausgangslage in den drei Ländern stark voneinander unterscheidet. In den grundlegenden Gesetzestexten werden unterschiedliche Aspekte von Kultur und kultureller Teilhabe genannt und damit fest verankert: Im deutschen Grundgesetz wird Kunst im Zusammenhang mit seiner zu gewährleistenden Freiheit erwähnt. Die in Kapitel 2.3 diskutierte ästhetische Autonomie hat im internationalen Vergleich hier die stärkste rechtliche Grundlage. In der französischen Verfassung ist der einzige Aspekt, der sich auf Kultur bezieht, der der Zugänglichkeit zu Kultur, die allen gleichermaßen ermöglicht werden soll – die Demokratisierung von Kultur ist damit rechtlich stark verankert. In England gibt es keine verschriftlichte Verfassung. In zentralen Texten des DCMS (Culture White Paper) und des ACE (Zehn-Jahres-Strategie Let’s Create) wird deutlich, dass Kunst bestimmten gesellschaftlichen Zwecken zugeordnet wird (ökonomisch, sozial, gesundheitlich etc.) und dass die Aufgabe von Kulturpolitik zunehmend nicht nur im Unterstützen des Zugänglichmachens von Kultur liegt, sondern auch in der Weitung dessen, was als Kultur gilt und gefördert wird. Die staatliche kulturpolitische Strategie verschiebt sich hier eindeutig von der Förderung der Demokratisierung von Kultur hin zur Förderung von Cultural Democracy.
Auch in puncto Förderung unterscheiden sich die drei Länder deutlich voneinander. Exakte Zahlen sind nur schwer in einen direkten Vergleich zu setzen, weil jeweils unterschiedliche Aspekte miteingerechnet werden, aber festhalten lässt sich: Deutschland hat die mit Abstand höchste öffentliche Förderung für Kultur, darauf folgt Frankreich und mit deutlichem Abstand England. Dementsprechend sind die Einnahmen, die Theater aus anderen Quellen erhalten müssen, unterschiedlich hoch: In Deutschland machen die Eigeneinnahmen von öffentlichen Theatern (private Förderung eingerechnet) nur ca. 15 % aus, in Frankreich sind es 10 bis 30 %, in England 78 %. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die englischen Theater sehr viel stärker darauf angewiesen sind, Einnahmen durch Ticketverkäufe zu generieren, und zahlendes Publikum demnach die zentrale Anspruchsgruppe der Theater ist.
Die öffentliche Förderung wird auf unterschiedlichen Ebenen verteilt – d. h. die zentralen staatlichen kulturpolitischen Akteur:innen unterscheiden sich ebenfalls. In Deutschland gilt die „Kulturhoheit der Länder“: Die institutionell geförderten Theater sind alle in Trägerschaft der Länder und Kommunen. In Frankreich wird Theaterförderung vor allem zentralistisch über das Ministerium und seine Vertretungen in den Départements (DRAC) gesteuert. In England entscheidet die Arm’s-length-Organisation ACE über die Vergabe öffentlicher mehrjähriger Förderung an Theater. Kapitel 6 wird zeigen, wie Akteur:innen aus Kulturpolitik und Theater die jeweilige Zusammenarbeit bewerten.
Der entscheidende Unterschied der Theatersteuerung in den drei Ländern besteht im Grad der Institutionalisierung der Förderung: In dieser Arbeit wird von institutioneller Förderung gesprochen, um mehrjährige öffentliche Förderung zu beschreiben, die nicht an ein einzelnes Projekt gebunden, sondern auf den Betrieb einer Organisation ausgerichtet ist. Es bestehen große Unterschiede in der Länge und den mit der Förderung verbundenen Voraussetzungen: Die deutschen öffentlich getragenen Theater werden dauerhaft gefördert. Auch wenn Kürzungen öffentlicher Gelder zu Einsparungen an den Theatern führen können: Dass Theater ihre öffentliche institutionelle Förderung gänzlich verlieren, steht (bislang) so gut wie nie infrage. Die vier französischen Nationaltheater sind – ähnlich wie die deutschen öffentlich getragenen Theater – historisch fest verankert und legitimiert und erhalten direkte Förderung vom Ministerium. Theater können außerdem mit einem label ausgezeichnet werden und erhalten in diesem Rahmen institutionelle Förderung. Eine Aberkennung des labels ist ebenfalls ungewöhnlich. Anders in England: Dort werden Theater maximal über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren als NPO gefördert. Dann müssen sie sich erneut auf Förderung bewerben. Dass diese auch für die etablierten Organisationen nicht automatisch mit Erfolg gekrönt ist, zeigt das Beispiel der English National Opera (ENO), die ihren Förderstatus als NPO 2023 verlor.
Die englische Kulturpolitik verfügt also über Instrumente, um sehr gezielt und schnell steuern und umsteuern zu können: Die Förderung als NPO ist daran geknüpft, dass die geförderten Organisationen darlegen können, inwieweit sie Ziele der aktuellen kulturpolitischen Strategie des ACE erfüllen. Dazu gehört im Moment die Priorisierung von Kulturförderung außerhalb Londons und die Unterstützung von Organisationen, die die Kreativität der Bevölkerung fördern – beides also keine Kriterien zugunsten der Londoner klassischen Kultureinrichtung ENO. Geförderte Organisationen müssen außerdem in engmaschigem Monitoring erreichte Ziele – unter anderem erreichte Publika und deren Zusammensetzung – nachweisen.
In Frankreich ist die Förderung als label ebenfalls an Rahmenverträge und direkte Verträge zwischen Intendanz und Trägern geknüpft. Die Rahmenverträge geben dabei eine grundsätzliche Richtung vor (Produktion und Präsentation von hochwertiger Theaterkunst in ganz Frankreich – CDN, Bereitstellung eines pluridisziplinären Kulturangebots mit Schwerpunkt Theater abseits der Innenstädte französischer Metropolen – Scènes Nationales). Die Verträge zwischen Intendanz und Träger legen sehr konkrete Ziele und Parameter für deren Überprüfung fest. In Bezug auf Teilhabe, verstanden als Demokratisierung von Kultur, sind hier beispielsweise konkrete Angaben bezüglich zu erreichendem Schulpublikum, Kooperationen und Vermittlungsangeboten zu machen. Eine Verlängerung von Intendanzen geschieht auf der Grundlage der Evaluierung der in den Verträgen festgesetzten Ziele.
In Deutschland sind die kulturpolitischen Vorgaben für die öffentlich getragenen Theater im Vergleich mit den beiden anderen Ländern äußerst gering: Zielvereinbarungen zwischen Theater und Träger sind nur zum Teil vorhanden, Konsequenzen bei Nichteinhaltung von festgelegten Zielen so gut wie nie verschriftlicht. Der jeweiligen Theaterleitung kommt damit ein großer Gestaltungsspielraum zu – die Besetzung der Intendanz durch die kulturpolitischen Entscheider:innen ist also grundlegend für die Ausrichtung des Theaters.
Die Untersuchung staatlicher kulturpolitischer Steuerung in Deutschland, England und Frankreich zeigt: Die in den grundlegenden Gesetzestexten verankerten Schwerpunkte von Kultur und kultureller Teilhabe spiegeln sich auf allen Ebenen kulturpolitischer Steuerung wider. In Deutschland ist die hohe institutionelle Förderung bei weitestgehender inhaltlicher Gestaltungsfreiheit mit dem Anspruch der Kunstfreiheit verbunden, in Frankreich spielt die démocratisation für die Anerkennung eines labels und die Entscheidung für eine Intendanz eine entscheidende Rolle, in England hat der in der aktuellen Zehn-Jahres-Strategie klar erkennbare Shift hin zu Cultural Democracy und „everyday creativity“ eine direkte Auswirkung auf die Theater, die institutionelle Förderung erhalten. Inwieweit trotz der wenigen Vorgaben in Deutschland oder der fest verankerten Vorgaben im Hinblick auf die Demokratisierung von Kultur in Frankreich auch in diesen beiden Ländern Veränderungen im Teilhabeverständnis und damit verbundenen Maßnahmen an den Theatern verbunden sind, dem wird in den folgenden beiden Kapiteln auf der Grundlage einer empirischen Studie nachgegangen.

















