Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Tilmann Köhler und Miriam Tscholl: Montagswirklichkeit Dresden (11/2015)

Und wieder ein Montag. Mittlerweile ziehen vor den Augen von Passanten und Medienöffentlichkeit Bilder vorbei, vor denen man, wie Miriam Tscholl sagt, am liebsten die Augen verschließen würde – es natürlich aber nicht tut. Mitte Oktober war es ein Galgen, der da in der Dresdner Innenstadt während der wöchentlichen Pegida-Demonstrationen emporgereckt wurde – mit je einem Strick für Sigmar „das Pack“ Gabriel und Angela „Mutti“ Merkel. Der Galgenträger berief sich auf Satire, doch die Dresdner Staatsanwaltschaft ermittelt – und erhielt daraufhin selbst Morddrohungen.

Ermittlungen und Morddrohungen. Das ist die erschreckende Realität in Dresden, aber auch in anderen Teilen des Landes. Die Gesellschaft scheint angesichts der Flüchtlingskrise zu zerbersten. Kann Theater in dieser Situation überhaupt noch etwas bewirken? Die Institution, die seit der Antike als Ort des öffentlichen Dialogs gilt? Das fragten wir Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, und Hausregisseur Tilmann Köhler in unserem Schwerpunkt „Phobien der Gegenwart“, zu dem sich auch ein Essay von Marianna Salzmann, Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin, sowie ein Bericht über die Spielzeiteröffnung am Schauspiel Leipzig gruppieren. Tilmann Köhler sagt: „Solange die Situation in Dresden so ist, wie sie ist, muss sich Theater dazu verhalten.“

„Borders kill“. Dieses Schild prangte im Juni dieses Jahres an einem Kreuz über einem Grab vor dem Berliner Reichstag. Eine typische Aktion des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS): mitten hinein in die Strukturen – vor den Bundestag, in die Medien, an die europäischen Außengrenzen – und somit mitten hinein in die Realität, um Teile, wie ZPS-Chefdramaturg André Leipold schreibt, herauszutrennen und sie durch eine Simulation zu ersetzen. Sein Essay zum „Hyperrealen Theater“ ist der fünfte Beitrag in unserer Reihe Neuer Realismus.

Vor neuen Realitäten stehen auch viele Münchner seit dem Neustart von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen. Glauben sie zumindest. Das Geschimpfe über die angebliche Zerstörung des Schauspielertheaters war im Vorfeld jedenfalls groß. Christoph Leibold war bei den Eröffnungsinszenierungen dabei, berichtet in dieser Hinsicht jedoch vielmehr von „beglückenden“ Momenten. Schauen wir also, wie es weitergeht, und lesen in Vorbereitung auf die Kammerspiel- Uraufführung am 22. November 2015 Anna-Sophie Mahlers Version von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“, die wir als Stückabdruck veröffentlichen.

Josef Bierbichlers Generationenroman vom Starnberger See, seine Personnage von Seewirten, Bauern und Kriegsflüchtlingen, legt eine Verbindungslinie zu einem weiteren großen Künstler in diesem Heft: Im November vor 40 Jahren verstarb der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini, der sich zeitlebens mit den „piccole patrie“, den „kleinen Vaterländern“ und ihren vom Aussterben bedrohten Sprachen befasste. Mark Lammert und Peter Kammerer erinnern an ihn, während der Konzept- und Medienkünstler Olaf Nicolai auf der 56. Biennale in Venedig einen weiteren italienischen Avantgardisten ehrte: Luigi Nono. Wir zeigen Eindrücke von seiner Installation in unserem Künstlerinsert.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mit diesem Thema endet dieses Heft. Während Gunnar Decker und Christoph Leibold über die Doppeluraufführung von Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ in Berlin und Frankfurt berichten – inklusive eines Porträts über den Frankfurter Protagonisten Nico Holonics –, sprach Thomas Irmer in der Rubrik „Was macht das Theater?“ mit dem Schauspieler Burghart Klaußner, der im Januar in Dresden ebenfalls „Terror“ inszenieren wird sowie derzeit als Generalstaatsanwalt und Nazi-Jäger Fritz Bauer in den Kinos zu sehen ist. Hier schließt sich der Kreis. Für Klaußner nämlich ist die Gerichtsverhandlung im Theater eine Art „Relaunch von Theater, reduziert auf die Ursprünge. Das führt zurück auf den Thing, auf den Areopag, den lebendigen Staatsgerichtshof (…) Mich interessiert die republikanische Sache, wenn sich Leute gemeinsam öffentlich den Kopf zerbrechen (…) Da kann ich mir nur wünschen, dass man im Theater endlich wieder auf ‚Die Ermittlung‘ von Peter Weiss zurückkommt.“ //

Die Redaktion

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