Auftritt
Festival d‘ Avignon: Das Böse als Barspektakel
„Maldoror“ nach Roberto Bolaño und Lautréamont – Regie Julien Gosselin, Bühne Lisetta Buccellato, Lichtdesign Nicolas Joubert, Video Jérémie Bernaert & Pierre Martin Oriol, Musik Guillaume Bachelé & Maxence Vandevelde, Kostüme Caroline Tavernier
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Freie Szene Performance Dossier: Festivals Julien Gosselin

Es war ein flammender Appell, direkt an Emmanuel Macron, den Präsidenten der französischen Republik, gegen die „nie dagewesenen Einschnitte im Kulturetat“ sowie die „Zerstörung der kulturellen Landschaft“ in Frankreich. Ein Protest von neun Künstler:innen – flankiert von Bühnenpersonal – vor den 2000 Zuschauer:innen, die zur letzten Vorstellung von „Maldoror“ des französischen Regiestars Julien Gosselin in den Papstpalast von Avignon gekommen waren.
Gosselin, der in Paris das bedeutende Théâtre de l’Odéon leitet, ergriff bei dieser 80. Auflage des internationalen Theaterfestivals in Avignon selbst das Wort, um eindringlich an Macron zu appellieren. Die Kulturpolitik seiner Regierung stößt im ganzen Land auf scharfe Kritik. Die Einschnitte in der Kunstfinanzierung treiben Künstler:innen und Bühnenmitarbeitende ins Prekariat. Gerade in der reichen und lebendigen Kulturszene der Provinz werden Zuschüsse gestrichen, oft kurzfristig und ohne Vorabinformation. Spielpläne müssten „amputiert“ werden. Das trifft gerade die 139 Theater-, Tanz- und Performance-Ensembles, die sich in der südfranzösischen Stadt beim Off-Festival präsentieren, mit drastischer Härte.
Tiago Rodriguez, seit 2023 künstlerischer Leiter des Festivals, verfolgt in Zeiten des politischen Rechtsrucks in westlichen Demokratien das Ziel, die Risse in der Gesellschaft mit ästhetischen Mitteln aufzuzeigen. Da setzt er auf Provokation. Ihm geht es darum, die Tradition der Vielfalt des Festivals weiterzudenken, das Jean Vilar 1947 in der südfranzösischen Stadt aus der Taufe hob. Die Gefahren, denen die Demokratien heute durch Rassismus und Gewalt ausgesetzt sind, verhandeln die eingeladenen Künstler:innen.
Mit Julien Gosselin eröffnet ein Grenzgänger das Festival, der das Publikum mit seinen radikalen künstlerischen Mitteln fordert und zugleich verstört. Mehr als fünf Stunden dauerte „Maldoror“, seine fesselnde Studie über das Böse – dabei begann die Inszenierung erst um 22 Uhr. Im historischen Papstpalast, dessen Mauern auch an die Verbrechen im Namen des Glaubens im Mittelalter erinnern, lotete Gosselin Spielformen menschlicher Gewalt aus. Im Fokus seiner Literaturadaption steht der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño, der 2003 nach jahrelanger schwerer Krankheit starb. Sein literarisches Werk ist geprägt von jener Faszination des Bösen. Die Frage, was Menschen dazu treibt, nicht nur in Kriegen einander zu töten, zieht sich durch sein literarisches Werk.
Dabei stellt Gosselin die Biografie des Literaten in den Mittelpunkt. Der Autor, der Werke wie „Die Naziliteratur in Amerika“ schrieb, sucht in seinen Texten nach den Wurzeln der Kriege und der gesellschaftlichen Konflikte. Die Szenografin Lisetta Buccellato hat dafür eine Filmkulisse gebaut, in der das Ensemble die berührende Geschichte Bolaños zeigt.
Und nicht nur das Ensemble: Bolaños’ zunehmend vom Schmerz der schweren Krankheit gezeichnete Bilder des Bösen, vermittelt Gosselin, indem er die Zuschauenden auf die Bühne bittet. Natürlich ergattern nicht alle der 2000 Gäste einen Platz in der schummrigen Bar, in der sich die Handlung weiter entfaltet. Für die Glücklichen, die es geschafft haben, gibt es jedoch kühle Getränke. Die neue Perspektive im Bühnengeschehen, bekommen die übrigen Zuschauenden im Papstpalast auf drei riesigen Bildschirmen übertragen.
Dieses Happening ist nur ein Element in Gosselins Theatersprache, die im allerbesten Sinn verblüfft. Mit den Videokünstlern Jérémie Bernaert und Pierre Martin Oriol setzt der Regisseur auf eine filmische Dramaturgie. An der Schnittstelle zwischen Performance und Schauspielkunst stößt das Ensemble immer wieder an die Grenzen der Theatersprache. Unaussprechliches fangen die Kameraleute in Blicken und Gesten ein.
Die Welt des zeitgenössischen chilenischen Autors konfrontiert Gosselin in „Maldoror“ mit dem Dichter Lautréamont. Er schrieb 1869 sein Gedichtsepos „Die Gesänge des Maldoror“, dessen Protagonist der Dichter als Verkörperung des Bösen dargestellt hat. Gosselins spannendes Konzept, das Böse in der französischen Literatur mit dem Zeitgenossen Bolaño zu konfrontieren, franst am Ende des mehr als fünfstündigen Abends bei heißen südfranzösischen Nachttemperaturen aus. Gosselin nimmt das Publikum auf eine literarische Reise von Villon bis Baudelaire mit, dessen „Blumen des Bösen“ die Adaption ebenfalls inspiriert haben. Überladen an Referenzen und Inspirationen geht der Regiestar dabei gelegentlich jedoch zu wenig in die Tiefe, lässt die Schauspieler:innen literarisches Wissen to go vermitteln. Die Faszination des Marathons liegt in der Geschichte Bolaños, die das Ensemble schonungslos ehrlich auf die Bühne bringt.
Erschienen am 13.7.2026

















