6.3. Atmosphären
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Theatersituation 1: Hinter dem Eisernen Vorhang heult der Sturm. Stefan Hunstein kämpft sich durch die Tür auf die Bretter der kargen Vorderbühne; an seinen Haaren, an Windjacke und Kniebundhose haften Schneeklumpen. »Der Arme«, flüstert die ältere Dame im Parkettsitz neben mir. Aber ich finde den Darsteller keineswegs zu bemitleiden. Die Inszenierung von Johan Simons macht es Hunstein leicht, als Eingangsfigur in Elfriede Jelineks Winterreise Unbehaustheit und Gebrechlichkeit zu beklagen. Der Schnee aus der Schneekanone verbreitet echte Kälte, lässt die Lippen des Darstellers hörbar erstarren, macht das Artikulieren mühsam. Den Zuschauern teilt sich mit, wie schwer ihm das Sprechen fällt. Es dauert eine ganze Weile, bis er sich von der winterlichen Zumutung, der er gerade entkam, erholt hat.
Der Regisseur hat für den Stückbeginn eine im Wortsinn eisige Atmosphäre geschaffen, unter der sein Darsteller wirklich leidet, in welcher er andererseits aber vollkommen aufgehoben ist, und die seinen Worten eine besondere, der Kälte abgerungene Prägnanz verleiht. – Was kann sich ein Schauspieler Besseres wünschen?
Theatersituation 2: Die Darstellerin, die mich anlässlich einer gemeinsamen Lesung literarischer und journalistischer Texte aus der Münchner Nachkriegszeit im Literaturhaus der Stadt um Unterstützung bittet, ist eine erfahrene Künstlerin. Sie hat an großen Bühnen gespielt, ist mit Preisen...
















