6.4. Zeitlichkeit
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Der junge Mann, der in der zweiten Runde der Schauspiel-Aufnahmeprüfung gerade den »Rattengift« spielt, einen jungen Dichter mit Schreibblockade aus Christian Grabbes Scherz, Satire und tiefere Bedeutung, macht seine Sache gar nicht schlecht. Er spricht artikuliert, macht Pausen, bewegt sich – auf der Suche nach einem Einfall für sein Gedicht– zwischen Schreibtisch und vorgestelltem Fenster zügig hin und her. Er zeigt handwerkliches Können, das gewiss dazu beigetragen hat, ihm einen Platz in der zweiten Runde zu sichern. Und doch verliert man nach kurzer Zeit das Interesse an seinem Spiel. Woran liegt das? Bei aller äußeren Aktivität kann er nicht glaubhaft machen, dass dieser junge Dichter unter Druck steht, unter Produktionsdruck, Zeit-Druck; dass er unter seiner Schreibblockade leidet; dass er überhaupt unter etwas leidet. Ein solches Leiden plausibel zu machen, würde voraussetzen, dass in diesem jungen Dichter nicht nur der lebt, der gerade keinen originellen Gedanken zu fassen vermag, sondern ebenso der, welcher das früher sehr wohl vermochte und es sich deshalb zutraute, sich als Dichter zu verstehen: als einen, der auch in Zukunft zu schriftstellerischer Produktion fähig wäre. Das könnte ihn veranlasst haben, sich mit einem Verleger über einen Abgabetermin für seinen Gedichtband zu einigen; einen Abgabetermin, der...
















