Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Die Bibliothek des Körpers – Der Tänzer-Choreograf Ismael Ivo (03/2015)

Man stelle sich vor: Es gibt jemand ein Porträt von sich bei Georg Baselitz in Auftrag. Und als es fertig ist, bemerkt er konsterniert: ‚Das Bild steht ja auf dem Kopf!‘“ Absurd? Bezogen auf den realen Fall, der für diese Analogie Pate gestanden hat, allemal: Frank Castorf inszeniert am Münchner Residenztheater Brechts Baal. Und wie das so ist, wenn er inszeniert, stellt er dabei ein Stück auch gern mal auf den Kopf. Ein Regiestil, der nicht erst seit gestern bekannt ist. „Umso verwunderlicher“, schreibt Christoph Leibold, „ist nun die Empörung des Suhrkamp Verlags und der Brecht-Erbin Barbara Brecht-Schall.“ Sie zogen vor Gericht, um das, was in ihren Augen nicht das ist, was es sein sollte, verbieten zu lassen. Absurd?

„Der Schutz geistigen Eigentums“, fährt Christoph Leibold fort, „ist wichtig. Im Copy-and-paste-Zeitalter sogar wichtiger denn je.“ Aber das Residenztheater zahle ja Tantiemen und klaue nichts. Das Fragwürdige sei hier die Deutungshoheit, die aus diesem Recht abgeleitet werde. Warum solle Barbara Brecht-Schall besser über „Baal“ Bescheid wissen als Frank Castorf? „Dramen“, schließt unser München-Korrespondent in seinem Kommentar, „brauchen Gedankenfreiheit, um auf der Bühne lebendig zu werden.“ Wobei „lebendig werden“ eben auch das bedeutet: den Glutkern freilegen, den Schmerz, die Kritik.

Wer sich auf Konzepte von Antonin Artaud bezieht, auf die Dramatik Heiner Müllers oder Körperkonstruktionen eines Francis Bacon, gehört wie Frank Castorf zu ebenjenen Künstlern, die dies nicht scheuen. Der brasilianische Tänzer-Choreograf Ismael Ivo zählt schon lange zu den gefragtesten und zugleich radikalsten Protagonisten der internationalen Tanzszene. Seine Haltung, schreibt Johannes Odenthal, sei immer kämpferisch, seine Arbeit auf Themen wie Gewalt, Rassismus oder Unterdrückung bezogen. Wo aber steht der zeitgenössische Tanz heute? Wie verfahren wir mit herausragenden Gesamtwerken, die zwar fortgeschrieben werden, deren Protagonisten aber nicht mehr zu einer jungen, aufbrechenden Tanzszene gehören? Und wie kann der zeitgenössische Tanz seine gesellschaftspolitische Bedeutung behaupten? Dies erkunden wir im Schwerpunkt dieses Heftes anhand der Werke von Ismael Ivo, Arbeiten von VA Wölfl und des Erbes von Pina Bausch.

Mit dem Thema Erbe setzt sich auch die israelische Regisseurin Yael Ronen auseinander. Ihr Stück „Dritte Generation“ mit israelischen, palästinensischen und deutschen Schauspielern machte sie bekannt. Mit „Common Ground“, einem Stück, bei dem Schauspieler mit Wurzeln in Bosnien, Serbien und Kroatien zusammen auf der Bühne stehen, ist sie nun zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Christoph Leibold porträtiert die Regisseurin, deren entwaffnende Stärke es ist, mit beißendem Witz Klischees zum Explodieren zu bringen.

„Wo ist unsere Wut hin? Sie scheint nicht mehr jene in Farbprismen zerlegbare Wut zu sein, sondern eine schwarze Wut (…)“, die stets Verbindungen unterhalte zu dem Hauptgefühl unserer Zeit: Angst. Die Schriftstellerin Kathrin Röggla zählt zu den schärfsten Beobachtern unserer Zeit. In ihrer Essenpoetik, einer dreiteiligen Vorlesungsreihe, die sie im Wintersemester 2014/15 an der Universität Duisburg-Essen hielt, gibt sie Einblick in ihre Schreibwerkstatt. Wir veröffentlichen einen Ausschnitt aus diesem Text, der vorausblicken soll auf eine Diskursreihe, in der sich Theater der Zeit ab Mai dem Thema Neuer Realismus widmet.

Ein Mann. Ein Keyboard. So beginnt unser Stückabdruck im März, Ralph Hammerthalers Alleinunterhalter, der ab Mai 2015 am Neuen Theater Halle gezeigt werden wird. Es spielt: der Intendant selbst, Matthias Brenner. Der Theaterleiter als Alleinunterhalter? „Die Sehnsüchte und Nöte des allein vor einem Publikum stehenden Auftrittskünstlers kenne ich“, sagte er im Gespräch mit Gunnar Decker. Dabei scheinen für die Politik diejenigen, die auf der Bühne stehen, immer am leichtesten entbehrlich, weshalb für Theater, vor allem auch in kleineren Städten, die wichtigste Aufgabe sei, Wertediskussionen anzustoßen, die in der Gesellschaft sonst kaum geführt werden. „Das bloße Erfolgreich- sein-Wollen reicht doch nicht.“ Die Trivialisierung ist die Apokalypse. //

Die Redaktion

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