Bericht
Vom Schlachthaus zur Diskurskabine
Die 15. Prager Quadriennale für Szenographie und Performance Design
von Thomas Irmer
Assoziationen: Kostüm und Bühne Dossier: Tschechien
Erschienen am 19.6.2023
Hier hat man früher Tiere geschlachtet und Fleisch en gros verkauft. In den 1990ern wurde das weiträumige Areal im Norden Prags dann zum Holešovice-Markt, ein ganzes Viertel mit kleinen Straßen zwischen zahlreichen Gebäuden im frühen Industriezeitstil, die heute neben traditionellen Markthallen Klamottenläden von Vietnames:innen (Nachfahren von zu sozialistischen Zeiten rekrutierten Vertragsarbeitern), Cafés, Elektronikshops und vegane Restaurants beherbergen. Das Gelände mit Hipness-Faktor ist so riesig, dass immer noch gar nicht alles genutzt wird. Diese Lücke wurde nun für die Prager Quadriennale zum Hauptveranstaltungsort, denn der weltweit größten internationalen Ausstellung für Szenographie stand ihr angestammter Platz im nahegelegenen Industriepalast nicht zur Verfügung. Das Jugendstiljuwel wird gerade renoviert.
Für die PQ 23 bedeutete der neue Ort auch eine völlig veränderte Ausstellungsarchitektur. Denn wo der Industriepalast den Charakter von zwei großzügigen Messehallen für die einzelnen Pavillons aus den teilnehmenden Ländern bot, lassen die dafür ausgesuchten und viel kleineren Gebäude auf dem Markt eher den Eindruck einer fragmentierten und geradezu improvisierten Ausstellung entstehen. Ein fast unterschiedsloses Nebeneinander von dort auch sonst vorhandenen Einrichtungen wie Schuh- und Hutverkäufen und den Präsentationen aus insgesamt sechzig Ländern. Das sei so gewollt, ist aus der PQ-Leitung unter Markéta Fantová zu hören. Man könnte es im Sinne der 1967 gegründeten...
Erschienen am 19.6.2023