Kolumne
Theaterkritik - wie und für wen?
von Rolf Rohmer
Erschienen in: Theater der Zeit: Theaterkritik - wie und für wen? (03/1979)
Assoziationen: Debatte Dossier: TdZ-Geschichte

Viele Überlegungen unserer Kritiker laufen auf das Quantitätsproblem hinaus: gäbe es mehr Platz, könnten wir mehr Aspekte in der Kritik unterbringen und Bedürfnisse besser befriedigen. Ich will diese Sorgen nicht als unbegründet bezeichnen. Wir sollten aber doch' unnachsichtiger hinter den pragmatischen Fragen Wesen und Funktion der Theaterkritik aufdecken.
Mir scheint, es gibt Unklarheiten über das Verhältnis von Gegenstand kritischer Tätigkeit und Funktion von Kritik. Eine der Forderungen an die Kritik ist beispielsweise, mehr Beschreibungen zu liefern, weil dadurch die kritische Verständigung mit den produzierenden Künstlern stattfinden könnte: man soll belegen, was man gesehen hat. Ebenso seien Beschreibungen für das Publikum nötig, um ihm Vermittlungen für das kritische Urteil zu geben. Wer die Geschichte der Theaterkritik überschaut, wird sehen, daß früher weniger Beschreibungen geliefert wurden. Zeugt das davon, daß die Kritiker damals Pflichten nicht genügend gerecht wurden? Sind wir zu größerer Sachkundigkeit entschlossen, weil veränderte Zuschaukunst und ernsthaftere Einsicht in die gesellschaftliche Bedeutung des Theaters das erfordern? Das letztere gewiß! Dennoch sagt der Unterschied nicht nur etwas über Theaterkritik und ihr Verhältnis zum Theater, sondern auch etwas über Kultursoziologie aus.
Offensichtlich funktionierte Theaterkritik damals anders, und das äußerte sich in der Proportionsfrage. Der Kritiker konnte offenbar mit einem Publikum rechnen, dessen...

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