Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Übermaß und Aberwitz – Der Schauspieler Bernd Grawert (02/2013)
Bekanntlich ist Deutschland von der Krise im Euroland nicht in der Weise betroffen wie insbesondere seine südlichen Nachbarn. Trotzdem frisst sich die Finanzkrise immer tiefer auch in unsere Lebenswirklichkeit und erweist, so der Direktor des NRW-KULTURsekretariats Christian Esch, ihre tiefe systemische Wirkung ausgerechnet in den Kommunen, wo sie „zu den größten, weil spürbarsten Verwerfungen führt, bis hin zur Spaltung der Bevölkerung nicht nur in Arm und Reich“.
So wie Krankheiten gerade dort virulent werden, wo der Körper am schwächsten ist, trifft die Krise vor allem das Ruhrgebiet. Zunehmend rächt sich, dass in der dichtesten Theaterlandschaft der Welt der Strukturwandel nicht wirklich stattgefunden und die Politik keine Antwort auf die Deindustrialisierung gefunden hat. Neben Christian Eschs Positionspapier veröffentlichen wir einen Diskussionsmitschnitt aus Oberhausen, wo Peter Carp, Intendant des Theaters Oberhausen, Rainer Häusler, Kämmerer der Stadt Leverkusen und Autor des Buches „Deutschland stirbt im Westen“, Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, Apostolos Tsalastras, Kämmerer und Kulturdezernent der Stadt Oberhausen, Schorsch Kamerun, Sänger, Autor und Regisseur, sowie Anja Dirks, Leiterin des internationalen Festivals Theaterformen in Hannover und Braunschweig, miteinander über mögliche Lösungen des Desasters diskutierten.
Vorläufiges Fazit: Der Weg kann nur irgendwo zwischen Stadttheater und freier Szene verlaufen. Dringend gesucht werden neuartige Theatermodelle, kreative Lösungen, die, von Ort zu Ort unterschiedlich, nicht nur innovative Produkte schaffen, sondern bereits im Vorfeld durch unkonventionelle Ansätze überzeugen. Gelänge es, die Krisenlandschaft als Experimentierfeld zu begreifen, das den Wagemutigen offensteht, wäre schon vieles gewonnen.
„Alles ist immer in Bewegung!“ heißt auch das Credo in Mirka Dörings Artikel über die Bühnen von Florian Lösche, der selbst mit begeisterter Ungläubigkeit darüber zu staunen scheint, „was er da realisiert“. Ein Unterton von Bewunderung schwingt ebenfalls mit, wenn Gunnar Decker über Schauspielkoloss Bernd Grawert berichtet: „Ein Schauspieler, der das Lustprinzip auf intelligente Weise kultiviert, wohl wissend, dass hier auch immer die Unlust droht. Er lässt skeptische Brüche zu, spielt Distanzen nicht weg.“
Lust auf das Andere macht Renate Klett, die über Les Récréâtrales, das große Theaterfestival von Burkina Faso, berichtet, das alle zwei Jahre in der Hauptstadt Ouagadougou stattfindet: „So anspruchsvoll wie sein Titel, ein Wortspiel aus résistance und création théâtrale, ist auch das Programm.“ Besonders Regisseur Martin Ambara aus Kamerun und sein philosophisches Großspektakel „Al Mustapha“ erregen unsere Neugier. „Das Gesamtkunstwerk aus orientalischen Lebensweisheiten, einer Art szenischem Probentagebuch und ketzerischen Theaterthesen verlangt den physischen Totaleinsatz aller Darsteller/-innen und von den Zuschauern eine Offenheit, zu der nicht alle bereit sind. Aber wer sich drauf einlässt, wird belohnt. Feuer und Lichtblitze aus allen Höhen und Tiefen, durcheinanderwirbelnde Schauspieler und Sentenzen, eine Verschwörung, die die Grenzen des Gewohnten zu sprengen und sämtliche Sterne und Metaebenen vom Himmel zu reißen vermag.“ Schöner und leidenschaftlicher kann man Theater kaum beschreiben. Auf nach Kamerun, ihr Philosophen, kann man da nur wünschen. //
Die Redaktion
















