Theater der Zeit

Auftritt

Theater und Orchester Neubrandenburg/Neustrelitz: Zugvögel in Sepia

„Wege übers Land“ nach dem Roman von Helmut Sakowski – Regie Maik Priebe, Bühnenbild Susanne Maier-Staufen, Kostümbild Christine Jacob, Sounddesign Johannes Winde, Dramaturgie Annett Hardegen

von Juliane Voigt

Assoziationen: Mecklenburg-Vorpommern Theaterkritiken Susanne Maier-Staufen Maik Priebe Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz

Jonas Holdenrieder, Flavia Lovric-Caparin und Stephanie Schönfeld in „Wege übers Land“ in der Regie von Maik Priebe. Foto Bernd Uhlig
Jonas Holdenrieder, Flavia Lovric-Caparin und Stephanie Schönfeld in „Wege übers Land“ in der Regie von Maik PriebeFoto: Bernd Uhlig

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Es ist Kriegsende, Millionen Deutsche sind auf der Flucht aus Polen, die Frau zieht einen Leiterwagen auf Wegen übers Land, vollgepackt mit dem lieben Bisschen und drei Kindern und als sie in das Dorf zurückkommt, in dem sie früher gelebt hat, hilft sie, die DDR aufzubauen. Früher hießen Serien noch Mehrteiler. Jedenfalls haben diesen Mehrteiler „Wege übers Land“ fast 80 Prozent der DDR-Bevölkerung angesehen, ein Straßenfeger an drei Abenden im September 1968. Mit Ursula Karusseit in der Hauptrolle. Und diesem sympathischen kommunistischen Bürgermeister Manfred Krug und Armin Müller-Stahl und Angelika Domröse, DEFA-Starbesetzung also. Es gehört schon Chuzpe dazu, diesen bedeutungsgeladenen Stoff auf eine Theaterbühne zu bringen. Es ist seine letzte Inszenierung, bevor Schauspielchef Maik Priebe das Theater Neubrandenburg/Neustrelitz verlässt. „Wege übers Land“ erstmals auf einer Theaterbühne, unweit des Ortes also, an dem Helmut Sakowski dieses überaus erfolgreiche Nachkriegs-Epos geschrieben hat. Und wenn’s ginge, wünschte man auch diesem Theaterabend 80 Prozent der Deutschen als Zuschauer.

Gertrud Habersaat wird hier gespielt von Stephanie Schönfeld, von Maik Priebe als Gast für die Inszenierung eingeladen, eine Schauspielerin, die man aus Andreas-Dresen-Filmen kennt. Fünf Stunden lang war sie als Gertud Habersaat in dieser Inszenierung fast ununterbrochen auf der Bühne. Sie ist die Figur, an der sich einerseits die Geschichte horizontal durch die Zeit bewegt. Als Gertud Habersaat macht sie andererseits selbst auch noch eine persönliche Entwicklung durch. Neuroplastisch sozusagen. Von einem eiskalten Stück Materie zu einem empathischen, warmen, lebendigen, fühlenden Wesen. Eine bravouröse schauspielerische Leistung. Gertrud Habersaat hat ein neues Gesicht – das von Stephanie Schönfeld.

Die Inszenierung erzählt szenisch, chronologisch. Sozusagen im Vorbeigehen wechseln die Requisiten, die Kostüme, das Bühnenpersonal, der Erzählfluss wird nicht von Umbaupausen gestört, eingerahmt in einen Halbpanorama aus Mecklenburger Weite und Zugvögeln in Sepia. Der Leßtorff-Hof rollt als großer Wäscheschrank voll mit weißer Bügelwäsche auf Kante gelegt und Kästen voller Silberbesteck heran, Gertrud mit Haarkranz und Schürze steht dem Hof vor. Sie hat die Wirtschaft im Griff. Nichts deutet auf ihre peinliche Herkunft hin, aber in Rakowen lässt sich nichts verheimlichen, Dorf ist Dorf. Eine alte Kochmaschine auf Rädern ist die Tagelöhnerhütte ihrer Herkunft, der Alkoholismus und die Doofheit der Mutter allerdings erheiternd, denn als Gast hat sich hier Maik Priebe die Schauspiellegende Angelika Waller herangeholt, der es gelingt, aus der undankbaren Rolle eine tragende zu machen.

Wir sind im Jahr 1939, „Kein schöner Land“ erklingt, ein Volkslied, das von der Hitlerjugend besudelt wurde, die Hymne der Wandervogelbewegung. Im Dorf wird die erste Hakenkreuzfahne gehisst. Und Gertrud muss einen heiraten, den sie nicht wollte, weil sie zu hoch gepokert hat. Sie hatte sich Hoffnung auf den Hoferben Jürgen Leßtorff gemacht, gespielt von Niklas Korth. Aber der macht Karriere bei den Nazis. Und teilt ihr den Emil Kalluweit zu (Christian Ehrich), den sie nicht mag. Immerhin, einen Hof kriegt sie so. In Polen, was jetzt Deutschland ist, wo es Höfe und Land gibt, die von den Polen für die Deutschen geräumt werden. Das geschieht nach der ersten Pause. Die Nazizeit hüllt die Figuren auf der Bühne in Kleider, Anzüge, Mäntel aus grauen Armeedecken (Kostüme Christine Jacob). Gertrud hat ein Kind gefunden, es ist ein jüdisches Mädchen, sie behält es, an den Gleisen hinter Stacheldraht kauern Menschen. Aus „Kein schöner Land“ ist die Blume des Bösen erblüht. Aber Getrud Habersaat entdeckt, dass sie ein Herz hat.

Der Abend hält noch weitere Handlungsstränge bereit. Die Gauleitung in Krakau sitzt im Schwitzbad, unter ihnen ist Jürgen Leßtorff, der Hoferbe, der Emporkömmling. Wortführer ist der berüchtigte Gauleiter Hans Frank, gespielt von Thomas Pötzsch, die Frage nach dem Verbleib der Juden wird von den Männern mit Handtüchern um die Hüfte, ausführlich erörtert, zynisch, man sich Sorgen um das psychische Wohlergehen der Mörder. Und in kurzen Szenen wird die Geschichte von Willy Heyer gezeichnet. Der Kommunist, der seine Frau in einem Krankenzimmer verliert, in den kommunistischen Untergrund geht, ins KZ kommt, dort weiter im Widerstand ist, schließlich in das Dorf Rakowen kommt und als Bürgermeister den alten Nazis den Kommunismus erklären will. Nicht erklären, er handelt, aber so, dass er sich keine Freunde macht. Da muss er auch noch was lernen. Gespielt wird Willy Heyer von Erik Born, ihn wird man in Zukunft noch brauchen. Sowohl im Kommunismus als auch auf dieser Bühne.

Gertrud ist zeitgleich in höchster Not und nutzt die Stellung ihres früheren Liebhabers für die Adoption des Mädchens. Aus Krakau kommt mit sie aber mit einem weiteren Kind wieder. Ihr Mann verlässt sie und meldet sich freiwillig an die Front. Das Kind ist eine Puppe, die von Flavia Lovric-Caparin gespielt wird, Maik Priebe hat auch Studierende der Schauspielschule Ernst Busch in die Inszenierung geholt, die Puppenspielerin lässt das Kind auf den Armen der Adoptiv-Mutter zum Leben erwachen.

Nach der zweiten Pause sind knapp vier Stunden Theaterabend vergangen. Man ist drin, die Geschichte bedrückt, es ist verhalten. Gertrud hat sich gerade mit den Kindern auf den Weg gemacht, zurück nach Rakowen, zieht diesen Karren – eigentlich nur ein Tisch, aber es funktioniert – mit ihren Habseligkeiten hinter sich her. Sie muss die Kinder schützen, inzwischen sind es drei, es schneit, es ist Nacht, sie ist allein, sie hat kein Essen, kein Dach überm Kopf, sie ist verzweifelt – aber es ist ein schönes Bild (Bühne Susanne Maier-Staufen).

Der Kommunismus, in dem das alles endet, verklärt sich dann als sowas wie in eine religiöse Utopie. Alle tragen weiße Kleider, Hosen, Kostüme. Wie in einer Sekte. Die neue Welt wird aufgebaut. Aus einer großen Ruine. Mit dem Personal aus dem ersten Teil, die einerseits mit den Ideen und agitatorischen Reden dieses dynamischen Bürgermeisters ihre Probleme haben, andererseits versuchen, ihre Kriegsverbrechen zu vertuschen. Auch Gertrud hat Schuld auf sich geladen. Als sie denkt, es ist schon lange vorbei, kommt eine Mutter aus Polen und will ihr Kind zurück.

Wer die Filme „Wege übers Land“ nicht gesehen hat, kann sich den Stoff jetzt im Theater ansehen. Die fünf Stunden fliegen vorbei. Die Geschichte darum, wie Menschen Schuld auf sich laden, irgendwelchen Führern folgen, dafür ihre Gewissen verraten, sich vor lauter Angst um ihr persönliches Wohlergehen um die Menschlichkeit drücken, ist nicht vorbei und aus den Menschen nicht herauszukriegen. Aber dieses Epos ist lang genug, um sich auch die Folgen anzusehen.

Erschienen am 2.4.2025

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