2.8. Ein multisensorischer Zugang zur Literatur: »Hermeneutik der Sinne«
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Kaum ein Denker seiner Generation hat sich stärker als Helmuth Plessner mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit unsere unterschiedlichen Sinnesmodi als Basis und Voraussetzung kulturellen und insbesondere künstlerischen Schaffens zu denken sind. In seinem 1923 erschienenen Frühwerk Die Einheit der Sinne. Grundlagen einer Ästhesiologie des Geistes arbeitet er an der Einlösung eines ambitioniert formulierten Forschungsprogramms: »Die Ästhesiologie des Geistes ist die Wissenschaft von den Arten der Versinnlichung der geistigen Gehalte und ihren Gründen. Sie zeigt, dass zu bestimmten Sinngebungen bestimmte sinnliche Materialien nötig sind[...].«75 Mit obigem Zitat ist ein notwendiger Zusammenhang von kultureller Sinngebung und sinnlichem Material postuliert.
Von Bedeutung für unsere Untersuchung ist Plessners Interesse an einer Untersuchung einzelner Sinnesfunktionen. Er kritisiert die bei Kant vorgefundene summarische Rede von »Sinnlichkeit« (als allgemein gefasster Gegenpol zum »Verstand«) und besteht auf einer Differenzierung nach einzelnen Sinnesmodi:
So kann es nicht zweifelhaft sein, ein wie ungenügendes Fundament die formale Einheit der Sinnlichkeit darstellt, in welcher die Unterschiede der Sinne verschwinden und die Fülle des Verstehens leer ausgeht. Ein Unvermögen zur Spezifizierung der Sinne bedingt ein entsprechendes Unvermögen in der Beantwortung des Erkenntnisproblems.76
Die Untersuchung einzelner Sinne unter der Fragestellung, für welche geistigen Gehalte gerade sie eine Grundlage bieten können, kann dazu...
















