Auftritt
Staatstheater Stuttgart: Die Schönheit siegt im Computerspiel
„Pretty Privilege“ von Wilke Weermann (UA) – Regie: Wilke Weermann, Bühne Johanna Stenzel, Kostüme Teresa Vergho, Musik und Sounddesign Constantin John, Video Christian Neuberger
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Wilke Weermann Schauspiel Stuttgart

In Schönheit stirbt die Menschlichkeit. Zumindest in Wilke Weermanns neuem Stück „Pretty Privilege“. Den knallharten Anforderungen der Filmindustrie ist die Schauspielerin Sybil Vane nicht mehr gewachsen. Deshalb lässt sie ihr digitales Ebenbild erstellen, das eingefroren und wie aus dem Katalog von den Bildschirmen lächelt. Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, geschrieben im Jahr 1891, hat der junge Regisseur im Auftrag des Schaupiels Stuttgart aus heutiger Sicht überschrieben. In Zeiten digitaler Perfektion und des erbitterten Kampfes um die Vorherrschaft bei den Algorithmen ist die Angst vor der Vergänglichkeit größer denn je.
Spielerischer als viele seiner Altersgenossen geht der 33-jährige Regisseur mit den Möglichkeiten um, die Digitalität dem Theater öffnet. Weil Weermann, der viele Stücke selbst schreibt und inszeniert, die technischen Möglichkeiten kennt und beherzt weiterentwickelt, kommt seine Kunst den fragmentierten Sehweisen des 21. Jahrhunderts entgegen. Dass er den Fokus dabei auf die Schauspieler:innen legt, die zerrissene Figuren zeigen, macht den Reiz seiner Arbeiten aus.
Aus der Zeit gefallen wirkt Johanna Stenzels Bühne im Kammertheater. Die fahlen Farben wechseln oft, durch die Lichtregie entsteht eine unruhige Atmosphäre. Der Raum erinnert ebenso an eine Filmkulisse aus den 1950er-Jahren wie an ein kaltes Versuchslabor. Stark spielt Stenzel mit diesen Assoziationen, ohne sie zu überfrachten. Die Kostüme stellen die Menschen aus, machen sie zu Kunstfiguren. In verfremdende Plüschkostüme zwängt Teresa Vergho die Menschen selbst, die dem Perfektionsanspruch immer weniger genügen. Umso besser funktionieren dagegen ihre digitalen Ebenbilder, die durch KI kaum noch vom Original zu unterscheiden sind.
Tim Bülow in der Rolle des Dorian Gray trägt einen Muskelbody aus Latex. Dem Schauspieler liegt die Rolle des „most measured man“ bestens. Nonstop vermisst eine Gesundheitsuhr seine Körperdaten, wie er in einer Talk-Show verrät. Diesem digitalen Spiegel, den Wildes Dorian Gray noch nicht kannte, entgeht nichts. Bülow entwickelt die Kunstfigur mit viel Selbstironie. „Sehe ich gut aus?“ Sehe ich aus wie ein Mensch, der gut ist?“, fragt er seinen Fitness-Coach. „Dein Körper ist ein Kunstwerk“, sagt sein Fitnesstrainer und Freund Basil. Der war bei Oscar Wilde ein Maler, der Dorian Gray porträtierte. Heute sind es die Coaches, die das Image der Menschen prägen. Sebastian Röhrle demontiert nicht nur die Allmacht der Figur. Basils Körperkult hat nichts mehr mit Kunst zu tun. Ihn interessieren nur Laborwerte. Doch das rächt sich. Sein Körper zerfällt.
Virtuos spielt Teresa Annina Korfmacher mit dem Widerspruch ihrer starken Persönlichkeit und des digitalen Ebenbilds, das die Kinokassen füllt. Ihre Sybil ist so eitel, dass sie die eindringlichen Warnungen der Schwester einfach beiseiteschiebt. Blind verlässt sie sich auf die Ärztin Kober-Billstedt, in Pauline Großmanns Interpretation eine eiskalte Wissenschaftlerin.
Mina Pecik in der Rolle der Schwester Jane erhebt die Stimme der Vernunft, setzt dem digitalen Schönheitswahn eine starke Stimme entgegen. Doch Sybil hört sie erst dann, als sie ihr Leben an die Filmindustrie verscherbelt. Teresa Annina Korfmacher schöpft die Komplexität ihrer Rolle aus. Ohne Rücksicht auf Verluste peitscht sie die Karriere voran. Doch am Ende gibt es von ihr nur noch das Kamerabild, ewig lächelnd in künstlichen Posen. Die tragische Fallhöhe des Menschen Sibyl zeigt Korfmacher schonungslos. Humorvoll dekonstruiert Felix Jordan Henry, der bei Wilde ein unbelehrbarer Dandy war. Panikattacken und Zukunftsängste zertrümmern das coole Kamerabild, das er in Talkshows verkörpern will.
Wilke Weermanns „Pretty Privilege“ denkt Oscar Wildes Erzählkunst aus heutiger Sicht weiter. Dabei sind technische Spielereien keineswegs Triebfeder seiner Arbeit. Der Regisseur entwickelt eine zeitgemäße, fesselnde Dramaturgie, die von der Filmsprache inspiriert ist. In diese Bilderwelt einzutauchen, ist so aufregend wie ein Computerspiel. Dabei geht der Text in die Tiefe. Dass Weermanns Figuren manchmal in die Künstlichkeit abdriften, lässt das bemerkenswerte Stuttgarter Ensemble mit starken Rollenporträts vergessen.
Erschienen am 11.2.2026




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