Theaternutzung
von Maria Nesemann
Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)
Originaltitel in der Printausgabe: 3. Theaternutzung
Ein Gemeinschaftsgarten, Public Viewing von Fußballspielen, eine Eislaufparty im Theater: Die öffentlich geförderten Theater in Deutschland, Frankreich und England entwickeln zunehmend Angebote, die auch Personengruppen ansprechen sollen, die bislang nicht ins Theater kommen.1 Höchst interessant ist, dass die (ausbleibende) Theaternutzung also auf der einen Seite eine virulente, dringliche Herausforderung zu sein scheint und die Theater in Reaktion darauf diverse Angebote entwickeln (siehe Kapitel 5). Auf der anderen Seite schien die Auseinandersetzung damit, wer Theater nutzt und wer nicht – für wen sich die Theater also öffnen wollen –, bis vor einigen Jahren vor allem in der deutschen Fachöffentlichkeit kaum eine Rolle zu spielen. Eine Diskursanalyse theaterfachöffentlicher und kulturpolitischer Medien in Deutschland zeigte, dass zwar seit den 2010er Jahren zunehmend die homogene Zusammensetzung des Theaterpublikums thematisiert wurde, aber relativ vage blieb, wer stattdessen angesprochen werden sollte. „In die Stadtgesellschaft hinein zu wirken“, ist im deutschen Diskurs eine beliebte, aber auch für seine Unkonkretheit exemplarische Formulierung. Die quantitative Auslastung der Häuser wurde lange kaum thematisiert.2 Erst die COVID-19-Pandemie führte in der deutschen Theaterfachöffentlichkeit zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für das Thema Theaternutzung und einen offenen Umgang mit dem sogenannten „Publikumsschwund“:
Neu ist nun die postpandemische Zuspitzung der Lage, die für manche, wenig oder nicht staatlich geförderte Häuser zur existentiellen Bedrohung werden kann. Ebenfalls neu ist dabei die Tatsache, dass offen über den Publikumsschwund gesprochen wird, dass hässliche Zahlen genannt statt geschönt werden. Und dass auf überregionalem Level darüber gesprochen wird, wo ‚leergespielte‘ Häuser vor der Pandemie meistens nur im Kontext tendenziöser Lokalberichterstattung über ungeliebte Neu-Intendant:innen vorkamen.3
Bevor genauer in den Blick genommen wird, warum in Deutschland, anders als in England und Frankreich, das Thema Theaternutzung so lange wenig Beachtung fand und in welchen Maßnahmen sich die Bemühungen um eine erhöhte und erweiterte Theaternutzung zeigen, widmet sich das folgende Kapitel der empirischen Überprüfung der Annahme, dass das Theaterpublikum abnimmt und homogen zusammengesetzt ist. Auf der Grundlage von Studien zur Theaternutzung wird untersucht, inwiefern sich die Nachfrage und Zusammensetzung von Theaterpublikum in Deutschland, England und Frankreich im Laufe der Jahre verändert hat. Der Vergleich von Studien zur Theaternachfrage in den drei Ländern kann Hinweise darauf geben, inwieweit es sich hier um länderübergreifende Entwicklungen handelt. Dabei können generelle Tendenzen anhand von einzelnen Studien in den drei Ländern nachgezeichnet werden. Für einen direkten Vergleich der Theaternutzung und Publikumszusammensetzung sind allerdings internationale Studien hilfreich, die Daten in allen drei Ländern erhoben haben. Das ist der Fall bei zwei Eurobarometer-Studien der Europäischen Kommission. Diese sind aufgrund der internationalen Erhebung von zentraler Bedeutung für den Vergleich, ihre Erhebungszeiträume liegen aber schon relativ weit zurück (2007 und 2013). Das Kapitel widmet sich außerdem der Untersuchung von Einstellungen in der Bevölkerung hinsichtlich Theater. Erkenntnisse hierzu sind unabdingbar, um Aussagen hinsichtlich der wahrgenommenen Legitimität von Theater und seiner öffentlichen Förderung in der Gesellschaft treffen zu können.
Im Folgenden wird zunächst jeweils für die drei Länder einzeln ein Überblick über die vorhandene Studienlage zur Theaternutzung gegeben und es werden für die Forschungsarbeit relevante Erkenntnisse herausgegriffen und kontextualisiert. Dabei wird sich vor allem auf repräsentative Bevölkerungsbefragungen bezogen, ergänzt durch Ergebnisse aus Publikumsstudien (die aber natürlich nur das bereits vorhandene Publikum als Gegenstand der Forschung haben) und der Nicht-Besucher:innenforschung (soweit vorhanden). Auf aktuelle Daten, die sich auf die Theaternutzung nach der Pandemie und deren Auswirkungen beziehen, wird soweit möglich ebenfalls Bezug genommen. Allerdings ist die Studienlage hierzu zum jetzigen Zeitpunkt – für die Länder einzeln und im internationalen Vergleich – noch lückenhaft. Die Sekundäranalyse strebt keine Kritik der Einzelstudien an, sondern stellt zusammenfassend zentrale Erkenntnisse der Studien vor. Renz warnt in seiner Sekundäranalyse von Nichtbesucher:innen-Forschung davor, konkrete Prozentzahlen unterschiedlicher Studien in einen Vergleich zu setzen:
Die Relevanz eines standardisierten Merkmals ergibt sich erst durch seine empirische Überprüfung. Demnach läge es nahe, in der folgenden Ergebnisdarstellung die Merkmale jeweils mit konkreten Prozentzahlen im Sinne von univariaten Häufigkeitsanalysen zu verbinden. Dies wäre z. B. der prozentuale Anteil der Bevölkerung, welcher aufgrund von zu hohen Eintrittspreisen öffentlich geförderte Kultureinrichtungen nicht besucht. Allerdings verbieten die unterschiedlichen theoretischen und methodischen Prämissen des sehr heterogenen Datenmaterials ein solches Vorgehen.4
Unterschiedliche theoretische Vorannahmen (bei internationalen Vergleichen noch verstärkt beispielsweise durch unterschiedlich verwendete Kulturbegriffe) und methodische Vorgehensweisen machen einen direkten Vergleich relativer Zahlen sehr problematisch. Stattdessen, so schlägt auch Renz vor, lassen sich übergeordnete Erkenntnisse ableiten.5 Für einen direkten Vergleich von Erkenntnissen aus den drei Ländern werden deshalb im Folgenden vor allem die Eurobarometer-Studien herangezogen, die länderübergreifend und zu einheitlichen Zeitpunkten mit einheitlichen Parametern gearbeitet haben.

















