Theater der Zeit

Deutschland

von Maria Nesemann

Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)

Assoziationen: Europa

Originaltitel in der Printausgabe: 3.1 Deutschland

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3.1.1 Stand der Forschung

In Deutschland gibt es bislang keine staatliche bundesweite repräsentative Bevölkerungsbefragung zur Theaternutzung. Während in Frankreich und England in regelmäßigen Abständen vom zuständigen Ministerium Bevölkerungsbefragungen zur Kulturnutzung in Auftrag gegeben werden, ist das in Deutschland nur in einzelnen Bundesländern oder Kommunen der Fall: So hat beispielsweise die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt 2019 erstmals eine repräsentative Bevölkerungsbefragung beauftragt, die als alle zwei Jahre stattfindende Langzeitstudie geplant ist.1 Zwei aktuelle bundesweite repräsentative Bevölkerungsbefragungen, die sich mit den Einstellungen zu und der Nutzung von Theaterangeboten beschäftigen, sind die 2020 veröffentlichte Studie Theater in der Legitimationskrise? Interesse, Nutzung und Einstellungen zu den staatlich geförderten Theatern in Deutschland der Universität Hildesheim aus dem Forschungsprojekt Krisengefüge der Künste, in dessen Rahmen auch die vorliegende Arbeit entstanden ist, und die 2023 und 2025 veröffentlichte Studie Relevanzmonitor Kultur. Stellenwert von Kulturangeboten in Deutschland, die vom Liz Mohn Center der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben und von der Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH durchgeführt wurde. Die Bertelsmann-Studie soll ein weiteres Mal 2027 durchgeführt werden. Bislang gibt es allerdings – ebenfalls anders als in Frankreich und England – ansonsten kaum Langzeitstudien zur Kulturnutzung. Ausnahmen stellen die Studien der über längere Zeiträume arbeitenden Forschungsinstitute dar, die mehrere Erhebungen mit identischem Forschungsdesign über einen längeren Zeitraum hinweg durchführten – allerdings meist auf einen bestimmten Aspekt der Kulturnutzung, eine bestimmte Zielgruppe oder einen bestimmten Ort zugeschnitten (Allensbach Institut für Demoskopie, Zentrum für Kulturforschung, Institut für Kulturelle Teilhabeforschung). Publikumsstudien an den öffentlichen Theatern werden ebenfalls nicht flächendeckend und regelmäßig durchgeführt. Anders als in England sind diese meist nicht von den jeweiligen Fördergebern vorgeschrieben. Einen Überblick über die Entwicklung der Publikumszahlen an den öffentlich getragenen Theatern in der Bundesrepublik bietet die vom Deutschen Bühnenverein jährlich veröffentlichte Theaterstatistik. Eine weitere Beschäftigung mit Theaternutzung bzw. ihrem Ausbleiben stellt die Nicht-Besucher:innen-Forschung dar. Grundlegende qualitative Forschung zu Besuchsmotivation von und -barrieren für Personen, die selten Theaterangebote wahrnehmen, stellt die Monografie Nicht-Besucherforschung. Die Förderung kultureller Teilhabe durch Audience Development dar.2 Diese untersucht aufbauend auf einer Sekundäranalyse von Studien zur Kulturnutzung und dort erhobenen Barrieren und Motivationen, welche Gründe dazu führen, dass Personen trotz vorhandener Teilhabevoraussetzungen keine oder wenige Theaterangebote in Anspruch nehmen.

3.1.2 Entwicklung der Theaternachfrage

Die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins, seit 1967 einmal jährlich veröffentlicht, gibt unter anderem Auskunft darüber, wie viele Besuche die öffentlich getragenen teilnehmenden Theater in der jeweiligen Spielzeit insgesamt verzeichneten.3 Erst in der Theaterstatistik 2019/2020 wurde der Begriff „Besucher“ durch den treffenderen Begriff „Besuche“ ersetzt – handelt es sich doch um die in einer Spielzeit gezählten Besuche insgesamt und nicht um Besucher:innen, bei denen davon auszugehen ist, dass ein Teil mehrmals pro Spielzeit das Theater besucht. Es lassen sich somit keine Rückschlüsse darauf ziehen, welcher Anteil der Bevölkerung Theaterangebote in Anspruch nimmt – hier würden die mehrfachen Besuche einzelner Besucher:innen das Ergebnis verfälschen.4 Wohl aber kann bei einem Blick auf die in der Summentabelle „Besuche in der Spielzeit“ zusammengefassten Besuche aller teilnehmenden Theater im Verlauf der Jahre eine Entwicklung der Theaternachfrage insgesamt festgestellt werden. Vergleicht man die Besuche der letzten zwanzig Spielzeiten, sind diese in der Gesamtschau rückläufig: Lagen die Besuche in der Spielzeit 2002/2003 zuletzt bei über 22 Millionen, kamen sie seit der Spielzeit 2016/17 über 20,45 Millionen nicht mehr hinaus.5 Dazu kommt, dass sich die Anzahl der angebotenen Veranstaltungen stark erhöht hat, die Nachfrage aber nicht mitgewachsen, sondern, im Gegenteil, gesunken ist.6 Einen Vergleich des Anteils der Bevölkerung, der Theaterangebote nutzt, lassen die Eurobarometer-Daten für Deutschland von 2007 und 2013 zu: Während 2007 37 % angaben, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal ein Theater besucht zu haben, waren es im Jahr 2013 nur noch 30 %.7

3.1.3 Aktuelle Daten zur Theaternachfrage insgesamt

Aktuelle Daten zur Theaternachfrage insgesamt in der deutschen Bevölkerung liefern die repräsentativen Bevölkerungsbefragungen von Mandel (2020) und der Bertelsmann Stiftung (2023 und 2025). In der Studie von Mandel, deren Erhebung im Juni 2019 stattfand, gaben 10 % der Befragten an, im vergangenen Jahr viermal und häufiger, 31 %, ein- bis dreimal und 59 %, keinmal im Theater gewesen zu sein.8 Die Ergebnisse der zweiten Bertelsmann-Befragung im Februar 2025 sind noch drastischer: Viermal und häufiger nahmen laut dieser Studie nur 5 % der Befragten im vergangenen Jahr ein Theaterangebot wahr, ein- bis dreimal gaben 23 % an, im Theater gewesen zu sein, und 71 % machten die Angabe, keinmal ein Theater besucht zu haben.9 Während in der Studie von Mandel unter Theater „Oper, eine Operette, ein Schauspiel oder ein Ballett“ gefasst wurde, wurden bei der Bertelsmann-Studie „Oper-, Ballett-, Tanzaufführungen“ und „Musicals“ als zwei weitere Kategorien abgefragt. Aber auch hier ähneln sich die Angaben: Gefragt nach Oper-, Ballett-, Tanzaufführungen gaben 84 % gar nicht, 15 % ein- bis dreimal, 1 % viermal und mehr an, bei Musicalbesuchen 86 % gar nicht, 11 % ein- bis dreimal, 2 % viermal und mehr.10

Die beiden Bevölkerungsbefragungen haben also leicht voneinander abweichende Kategorien und unterschiedliche Befragungszeiträume, kommen aber beide zu dem Schluss, dass Theaterangebote nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung regelmäßig wahrgenommen werden und eine große Mehrheit (deutlich über die Hälfte) nicht ins Theater geht. Die beiden Bertelsmann-Befragungen im Vergleich zeigen, dass die Theaternutzung nach der Pandemie wieder leicht angestiegen ist: 2023 waren es nur 22 %, die angaben, im vergangenen Jahr im Theater gewesen zu sein, 2025 dagegen 29 %. Erste Erkenntnisse aus Berlin vom Institut für Kulturelle Teilhabeforschung, das vor der Pandemie, währenddessen und danach (2019, 2021 und 2023) repräsentative Bevölkerungsbefragungen zur kulturellen Teilhabe in Berlin durchführte, zeigen allerdings im prä- zu postpandemischen Vergleich, dass sich der Abnahmetrend bei Besuchen von klassischen Kulturangeboten verstärkt und verstetigt hat.11

3.1.4 Zusammensetzung des Publikums

Im Folgenden genauer in den Blick genommen werden die Parameter Geschlecht, Alter und formale Bildung. Diese werden in den beiden Bevölkerungsbefragungen, die hier im Fokus stehen, untersucht und gelten als zentrale soziodemografische Faktoren, die einen Einfluss auf die Häufigkeit von Theaterbesuchen haben. Weitere Parameter, die in der Bertelsmann-Befragung untersucht werden, sind die finanzielle Situation und die Größe des Wohnortes. In den letzten Jahren wurde außerdem vermehrt mit der Lebensstil-Typologie gearbeitet, die mit „Fragen zu lebensbereichsspezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen (z. B. Zustimmung zu Aussagesätzen, wie ‚Ich informiere mich umfassend über Politik und Zeitgeschehen‘ oder ‚Selbstverwirklichung ist mir in meinem Leben sehr wichtig‘)“ arbeitet.12 Hier wird davon ausgegangen, dass soziodemografische Merkmale allein nicht ausreichen, um Faktoren für einen Kulturbesuch zu beschreiben, weil dieser auch vom sozialen Milieu/Lebensstil, zu dem sich die Befragten zugehörig fühlen, abhängt.13 In der Studie Kulturelle Teilhabe in Berlin 2023 des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung wird das Lebensstilmodell leicht angepasst und anhand von neun „Kulturmilieus“ gezeigt, dass soziodemografische und -ökonomische Merkmale nicht immer einen direkten Rückschluss auf das Kulturnutzungsverhalten zulassen. So geht beispielsweise der formale Bildungsgrad nicht immer mit einem hohen Einkommen oder einer Nähe zur klassischen Kultur einher.14 Allerdings wird auch hier gezeigt, dass es innerhalb der Kulturmilieus deutliche Schwerpunkte bezüglich Alter und formaler Bildung gibt.15 Da es für das Kulturmilieumodell bislang keine bundesweit erhobenen Daten zur Theaternutzung gibt, auf die sich hier bezogen werden kann, wird mit den Kategorien Geschlecht, Alter und formaler Bildung gearbeitet.

Theaternachfrage und Geschlecht16

Ein deutlicher Unterschied, der sich in allen untersuchten Studien feststellen lässt, ist der zwischen männlichen und weiblichen Theaterbesucher:innen. Frauen gehen, allen untersuchten Studien zufolge, öfter ins Theater als Männer. Laut der Bertelsmann-Studie haben in den letzten zwölf Monaten 33 % Frauen und 26 % Männer Theateraufführungen besucht.17 Auch die Eurobarometer-Studien zeigen ähnliche Verhältnisse: 2013 gaben 32 % Frauen und 28 % Männer an, mindestens einmal im vergangenen Jahr im Theater gewesen zu sein.18

Theaternachfrage und Alter

Mehr ältere als jüngere Menschen gehen ins Theater. Auch das zeigen alle der untersuchten Bevölkerungsbefragungen. In der Studie von Mandel gaben 38 % der 18- bis 39-Jährigen, 41 % der 40- bis 59-Jährigen und 44 % der Befragten ab 60 Jahren an, im vergangenen Jahr im Theater gewesen zu sein.19 Bei der Bertelsmann-Befragung ist im Vergleich von 2023 und 2025 hervorzuheben, dass sich zwar insgesamt die Theaternutzung wieder erhöht hat (von 22 auf 29 %, siehe oben), in der jüngsten dort befragten Gruppe aber gleich geblieben ist: 25 % der 18- bis 29-Jährigen gaben sowohl 2023 als auch 2025 an, ins Theater zu gehen. Bei den älteren Gruppen nimmt die Theaternutzung dagegen deutlich zu: Bei den 30- bis 44-Jährigen von 17 % auf 26 %, bei den 45- bis 59-Jährigen von 20 % auf 28 %, bei den Personen über 60 von 24 % auf 34 %.20 Hier zeigt sich: Das Publikum, das nach der Pandemie nicht zurückkommt, ist das der Jüngeren. Nun könnte der Befund, dass mehr ältere als jüngere Menschen ins Theater gehen, erst einmal nahelegen, dass mit zunehmendem Alter das Interesse an Theater zunimmt und man in die Theaternutzung „hereinwächst“. Karl-Heinz Reuband stellte bei einer Untersuchung der Besuchshäufigkeit unterschiedlicher Altersgruppen in Nordrhein-Westfalen in den Zeiträumen 1994 bis 1998 und 2012 bis 2015 allerdings fest, dass sich die Verhältnisse insgesamt verschoben haben:21 In den 1990er Jahren war der Anteil der Theaterbesucher:innen in den Altersgruppen zwischen 14 und 59 Jahren wesentlich höher als in den 2010er Jahren. Die Anzahl der Theaterbesucher:innen ab sechzig Jahren dagegen stieg deutlich an in den 2010er Jahren. Reuband geht deshalb davon aus, dass es sich weniger um einen Alterseffekt denn um einen Kohorteneffekt handelt – dass die Kohorte der vor der Jahrtausendwende jüngeren, interessierten Theatergänger:innen also älter geworden ist, nachwachsende Kohorten aber kein ebenso hohes kulturelles Interesse zeigen:

Die Befunde legen nahe, dass sich in ihrem Verlauf primär Kohorteneffekte widerspiegeln: Die Jüngeren, die sich in den 1970er und 1980er Jahren so sehr der Kultur zugewandt hatten, sind älter geworden. Ihre bisherigen kulturellen Praktiken aber haben sie weitgehend beibehalten. Dagegen zeichnen sich die nachwachsenden Kohorten durch ein geringeres kulturelles Engagement aus. Wenn dieses Engagement in ihrem weiteren Lebensverlauf auf diesem Niveau verbleibt, die älteren Kohorten wegsterben und auch keine neuen Kohorten mit erhöhtem Kulturengagement dazukommen, wird sich die Erosion kultureller Partizipation in der Gesellschaft weiter fortsetzen.22

Theaternachfrage und formale Bildung

Den größten Einfluss auf das Besuchsverhalten hat laut aller hier zitierten Studien die formale Bildung. Bei Mandel wird unterschieden zwischen Theaterbesucher:innen mit einfacher Bildung (25 %), mittlerer Bildung (29 %) und hoher Bildung (46 %).23 In der Bertelsmann-Studie gibt es ebenfalls eine Dreiteilung: Befragte mit Hauptschulabschluss (24 %), mit mittlerem Abschluss (25 %) und mit Abitur/Studium (35 %).24 In der Eurobarometer-Studie 2013 gaben 16 % derer, die ihren Bildungsweg unter 15 Jahren beendet haben, 22 % derer, die ihren Bildungsweg zwischen 15 und 19 Jahren beendet haben, und 49 % derer, die ihren Bildungsweg mit über zwanzig Jahren beendet haben, an, mindestens einmal im vergangenen Jahr im Theater gewesen zu sein. Von den befragten Personen (es wurde ab dem Alter von 15 Jahren befragt), die angaben, sich noch in der Ausbildung/dem Studium zu befinden, gingen 41 % im vergangenen Jahr ins Theater.25 Es lässt sich also festhalten, dass der Bildungsweg einen entscheidenden Einfluss darauf hat, ob Personen ins Theater gehen. Eng mit der formalen Bildung hängen das Einkommen, das in der Bertelsmann-Studie erhoben wird, die Schwierigkeit, Rechnungen zu zahlen, und die Einordnung auf der sozialen Leiter, die im Eurobarometer untersucht werden, zusammen – je höher die finanzielle und gesellschaftliche Stellung, desto eher gaben Personen an, Theatergänger:innen zu sein.

3.1.5 Einstellungen zum Theater

In der Studie von Mandel sagten insgesamt 14 % der Befragten aus, der Staat solle zukünftig weniger, 49 % genau so viel und 37 % mehr Geld für Theater ausgeben. Auch diejenigen, die das Theaterangebot selbst nicht wahrnehmen, sind doch größtenteils für eine gleichbleibende (50 %) oder erhöhte (32 %) Theaterförderung.26 In eine ähnliche Richtung gehen die Zustimmungsergebnisse zu der Aussage „Theaterhäuser sollten weiterhin mit öffentlichen Mitteln/Steuergeldern finanziert werden“, die in der Bertelsmann-Befragung abgefragt wurde. 78 % stimmten dieser Aussage eher oder voll und ganz zu, obwohl 34 % der Befragten aussagten, die meisten der Theaterangebote richteten sich nicht an sie, und 25 %, sie fühlten sich im Theater fehl am Platz.27 Diese Werte haben sich im Vergleich von 2023 zu 2025 nur geringfügig verändert.

Im Vergleich geringe Zustimmung zeigte die Studie von Mandel bei den Jüngeren: Die Gruppe der 18- bis 39-Jährigen gab deutlich häufiger an, die Mittel für Theater kürzen zu wollen (22 % im Vergleich zu jeweils 10 % bei den Gruppen 40 bis 59 und über 60).28 In der Bertelsmann-Befragung waren es dagegen die 45- bis 59-Jährigen, die am wenigsten Zustimmung zur öffentlichen Theaterförderung gaben (73 % im Vergleich zu 78 % bei den 18- bis 29-Jährigen, 76 % bei den 30- bis 44-Jährigen und 82 % bei den über 60-Jährigen).29 Je jünger die Befragten, desto mehr vertreten ist die Einstellung, Theater richte sich nicht an sie (46 % der 18- bis 29-Jährigen), und sie fühlten sich fehl am Platz (36 % der 18- bis 29-Jährigen).30 Dass fast die Hälfte aller Befragten der jüngsten Altersgruppe sich nicht als Zielgruppe von Theatern sieht, ist ein alarmierender Befund, wenn Theater in Zukunft weiterhin die Teilhabe möglichst vieler anstreben.

3.1.6 Erwartungen an Theater, Besuchsmotivationen und -barrieren

Auf Platz eins der genannten Erwartungen an Theater lag in der Befragung von Mandel, dass die Preise einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichten (92 %), auf Platz zwei, dass es Angebote für Kinder und Jugendliche gebe (89 %), auf Platz drei, dass humorvolle Stücke angeboten werden (86 %) und auf Platz vier, dass die Stücke verständlich seien (80 %). Auf Platz fünf wird die Erwartung, Theater solle als Treffpunkt fungieren, genannt (73 %). Erst dann folgen Erwartungen zur künstlerischen Ausrichtung: Aktuelle/experimentelle Stücke (66 %) und klassische Stücke (60 %). Mitspielangebote, die zunehmend angeboten werden und als wichtiges Mittel für verbesserte Teilhabe gehandelt werden, landen mit 33 % Zustimmung auf dem letzten Platz.31 Ganz ähnliche Befunde liefert die Bertelsmann-Befragung: 89 % der Befragten finden es wichtig oder sehr wichtig, dass die Theaterpreise so gestaltet sind, dass Menschen aus allen sozialen Schichten die Möglichkeit für einen Besuch haben, 85 % erwarten Stücke, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richten, 85 % Stücke, bei denen man lachen kann, und 83 % Stücke, die für jeden verständlich sind. Mitspielangebote werden hier unterschieden in Auftrittsmöglichkeiten für Laiengruppen (finden 73 % wichtig oder sehr wichtig), Möglichkeiten zum Einbringen in die Spielplangestaltung (28 %) und Stücke, bei denen man spontan mitmachen kann (13 %). Theater als Treffpunkt wurde 2023 von 80 % der Befragten als wichtig oder sehr wichtig erachtet. In der Befragung 2025 wurde der Zusatz „auch über die aktuellen Öffnungszeiten hinaus“ ergänzt – dadurch erklärt sich die geringere Zustimmung von nur 45 %.32

Als primäre Hinderungsgründe für den Theaterbesuch wurden in der Befragung von Mandel Zeitmangel (36 %), mangelndes Interesse (28 %) und zu hohe Kosten und begrenzte Auswahl/schlechte Qualität (jeweils 12 %) angegeben. Mangelndes Interesse nennen Männer deutlich öfter als Frauen (40 % im Vergleich zu 17 %), die Jüngeren öfter als die Älteren (36 % der 18- bis 39-Jährigen im Vergleich zu 26 % der 40- bis 59-Jährigen und 24 % der Personen ab 60 Jahren) und die Nie-Besucher:innen öfter als Kern- und Gelegenheitsbesucher:innen (41 % im Vergleich zu 5 % der Kernbesucher:innen und 8 % der Gelegenheitsbesucher:innen).33 In der Bertelsmann-Befragung wurde nach Veränderungswünschen gefragt, die sich in vorhandene Barrieren übersetzen lassen. Hier wurde der Wunsch geäußert nach mehr Angeboten, die von Interesse für die Befragten sind (37 %), und nach günstigeren bzw. kostenlosen Tickets (27 %).34 In der Studie von 2023 gaben 40 % als Barriere fehlendes Interesse an, 29 % gaben an, zu wenig Freizeit zu haben.35 Vergleicht man dieses Ergebnis mit dem von Mandel, sieht man, dass sich hier die Hinderungsgründe Zeit und Interesse umkehren. Es wird zu beobachten sein, ob diese – eventuell mit der Pandemie zusammenhängende Entwicklung – sich wieder verändert. Die Studie des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung von 2023 für Berlin legt allerdings nahe, dass sich die Prioritäten von Kulturnutzer:innen nachhaltig verändert hätten:

Die Top-3-Hintergründe in der Bevölkerung waren vor der Pandemie in Berliner Studien, aber auch in vielen weiteren Untersuchungen in der Regel zu wenig Freizeit, Mangel an Finanzmitteln und Mangel an interessanten Angeboten. Über die COVID-19-Pandemiezeit haben sie sich verschoben. Es kristallisiert sich aus den vorliegenden Daten ein Bild heraus, das inzwischen auch mehrere andere Studien angedeutet haben: Im Vordergrund steht nun eine Umgewöhnung im Freizeitverhalten. So stehen an oberster Stelle der Hinderungsgründe inzwischen, dass Menschen ihre Freizeit anders verbringen, sich an mehr Zeit zu Hause gewöhnt und weniger Lust haben, auszugehen.36

Nicht nur die Pandemienachwirkungen, auch die veränderten Erwartungen der nachwachsenden Generationen könnten hier eine Rolle spielen: Bei den Veränderungswünschen lassen sich in der Bertelsmann-Befragung bezogen auf die Altersstruktur deutliche Unterschiede erkennen: Mit Abstand am häufigsten gab die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen an, es müsse mehr interessante Angebote für sie geben (52 % im Vergleich zu unter 40 % in den anderen Altersgruppen) – das entspricht der bereits genannten Einstellung vor allem unter Jüngeren, das Theater sei kein Ort für sie. Interessant ist auch, dass sich vor allem die Jüngeren, die am vertrautesten mit digitalen Medien sind, wünschen würden, leichter an Informationen zu interessanten Angeboten zu kommen (43 % im Vergleich zu 35 % und weniger in den anderen Altersgruppen) – das lässt darauf schließen, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Theater sich weiterhin mehr an älteren Zielgruppen und deren Mediennutzung orientiert. Die Jüngeren wünschen sich außerdem am häufigsten inhaltlich diversere und vielfältigere Angebote (21 % im Vergleich zu 11 bis 12 % in den anderen Altersgruppen) und, dass Theater gesellschaftliche und politische Debatten anstößt (67 %).37


Anmerkungen

  1. Vgl. Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt Berlin o. J.
  2. Renz 2016.
  3. In der Theaterstatistik sind die meisten, aber nicht alle öffentlichen Theaterunternehmen aufgeführt. Die Theaterbetriebe können frei entscheiden, ob sie ihre Zahlen für die Theaterstatistik zur Verfügung stellen. In der Ausgabe 2022/2023 waren es 134 öffentlich getragene Theater, die ihre Daten teilten. Vgl. Deutscher Bühnenverein 2025, S. 263.
  4. Tillmann Triest merkt in seinem Artikel Kennzahlen der Theater als legitime Entscheidungsgrundlage? Zur politischen Dimension der Theaterstatistiken des Deutschen Bühnenvereins außerdem an, dass die Daten der Theaterstatistik nicht von Kontrollinstanzen überprüft werden. Vgl. Triest 2023, S. 101. Sie sind trotz möglicher Fehler aber eine wichtige Quelle, stellen sie doch die größte Sammlung von Daten zur deutschen Theaterlandschaft dar. In der Entwicklung der Besuchszahlen insgesamt über die letzten zwei Jahrzehnte, die im Folgenden in den Blick genommen wird, ist außerdem davon auszugehen, dass grobe Fehler auszuschließen sind.
  5. Eine ausführliche Betrachtung der Entwicklung der Theaterstatistik bietet Reiner Glaaps Monografie Publikumsschwund? Ein Blick auf die Theaterstatistik seit 1949. Vgl. Glaap 2024.
  6. Vgl. Eilts 2021, S. 311.
  7. Vgl. Europäische Kommission 2012, 2014.
  8. Vgl. Mandel 2020, S. 14.
  9. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 19.
  10. Vgl. ebd., S. 19.
  11. Vgl. Tewes-Schünzel et al. 2024, S. 21.
  12. Renz/Tewes-Schünzel 2021.
  13. Vgl. ebd.
  14. Vgl. Tewes-Schünzel et al. 2024, S. 18.
  15. Vgl. ebd., S. 18.
  16. Im Folgenden wird nur zwischen Männern und Frauen unterschieden und damit eine Geschlechter-Binarität suggeriert. Die Autorin ist sich bewusst, dass dieses Modell übersieht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Da die Studien, mit denen gearbeitet wird, aber nur zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht unterscheiden, kann auch nur mit diesen Angaben gearbeitet werden.
  17. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 18. Für die Kategorien Musicals und Oper, Ballett und Tanz, die in der Bertelsmann-Studie unterschieden werden, gelten ähnliche Verhältnisse: Musicals: Männer 14 %, Frauen 18 %; Oper, Ballett, Tanz: Männer 11 %, Frauen 17 %. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 16.
  18. Vgl. Europäische Kommission 2014.
  19. Vgl. Mandel 2020, S. 15.
  20. Vgl. Bertelsmann 2023, S. 13 und Bertelsmann 2025, S. 18.
  21. Reuband 2016.
  22. Ebd., S. 24.
  23. Vgl. Mandel 2020, S. 15.
  24. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 18.
  25. Vgl. Europäische Kommission 2014.
  26. Vgl. Mandel 2020, S. 27.
  27. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 26.
  28. Vgl. Mandel 2020, S. 26.
  29. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 27.
  30. Vgl. ebd.
  31. Vgl. Mandel 2020, S. 28.
  32. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 31.
  33. Vgl. Mandel 2020, S. 23 f.
  34. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 33.
  35. Vgl. Bertelsmann 2023, S. 31. Zur Barriere fehlender Freizeit gibt es leider in der Bertelsmann-Befragung 2025 keine Angaben. Es wird sich hier deshalb ausschließlich auf die Daten aus 2023 bezogen.
  36. Allmanritter/Tewes-Schünzel 2023, S. 11.
  37. Vgl. Bertelsmann 2025, S. 32, 35.
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