5.1. Atemweite
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Atemweite stellt sich bei jedem ungestörten Einatmungsvorgang ein. Je nach seelischer Gestimmheit sowie den persönlichen Atmungsgewohnheiten des Einzelnen wird sie verstärkt im Brustkorb, unter den Rippen, im unteren Rücken, in den Flanken oder im Bauch wahrgenommen.
Unter seelischer Anspannung (etwa beim Bühnenauftritt) hat der Atem die Tendenz, eher den oberen Atemraum anzusteuern, mit den bekannten einschränkenden Folgen für den stimmlichen Ausdruck. Diese Beobachtung entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung, lässt sich aber auch experimentell erhärten. Sehr aufschlussreich dazu sind die Versuche des Arztes und Atemtherapeuten Volkmar Glaser, der Versuchspersonen elastische Bänder im oberen, mittleren und unteren Rumpfbereich anlegte (damit ähnliche Atemregionen unterscheidend wie die Atemtherapeutin Ilse Middendorf) und die Atemkurven unterschiedlicher seelisch-intentionaler Zustände der Probanden aufzeichnete: Ruheatmung, gespannte Aufmerksamkeit, Gelassenheit, kraftvolle Überlegenheit, Lampenfieber etc. Diese »pneumografisch registrierten Umfangsveränderungen des Rumpfes bei der Atmung«19 zeigen charakteristische Ausprägungen. Bei der Ruheatmung zeigt sich in allen drei Atemkurven eine weitgehend identische Girlandenform; beim Lampenfieber ist die untere Bewegungskurve gegenüber der mittleren und oberen stark abgeschwächt.
Auftrittssicherheit ist an die Voraussetzung gebunden, dass der Atem sich nicht eingeengt fühlt, nicht in den Brustraum hochgezogen wird und sich dort staut, sondern in der Leibmitte sein Aufenthaltsrecht behält. In Belastungssituationen haben wir oft das Gefühl: Der Atem...
















