5. Atemqualitäten
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Man könnte erwarten, dass sich an dieser Stelle, nach den vorangegangenen sprechwissenschaftlichen Überlegungen zur Texterschließung und Textgestaltung, und vor der Untersuchung einzelner literarischer Textbeispiele, ein Kapitel über Stimmtraining anschließt. Das wäre durchaus denkbar. Jede stimmbildnerische Maßnahme, die dazu beiträgt, Schauspielerstimmen von Mustern und Einschränkungen zu befreien, sie tragfähiger, modulationsreicher und ansprechbarer werden zu lassen, unterstützt selbstverständlich auch die Gestaltung literarischer Texte. Und da die Entfaltung der Atemqualitäten, denen sich das folgende Kapitel widmet, von der Entwicklung der Stimme gar nicht zu trennen ist, werden sich immer wieder Verweise auf Methoden der Stimmbildung finden (in unserem Fall die von Kristin Linklater und Eugen Rabine), die wiederum günstigen Einfluss auf den Atem nehmen können.
Wenn an dieser Stelle nicht die Stimme, sondern der Atem im Mittelpunkt steht, so hat dies mit dem in der Einleitung schon genannten Grundgedanken dieser Arbeit zu tun: dass nämlich in dem Maße, in dem literarische Texte zugänglich geworden sind, sich viele Gestaltungsprobleme von selber lösen. Diese Zugänglichkeit ist, mehr noch als an die Stimme, an einen beweglich und differenziert arbeitenden Atem gebunden.1 Der Literaturwissenschaftler Karlheinz Stierle weist darauf hin, dass literarische Texte beim Übergang von der Schriftlichkeit zum gesprochenen Wort ihren Aggregatzustand ändern müssen. Wir entnehmen...
















