5.2. Atemfluss
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Diese Atemqualität scheint so selbstverständlich mit dem alltäglichen Lebensvollzug verbunden zu sein, dass man fragen könnte, welche Übungsnotwendigkeiten hier vorliegen. Johann Wolfgang von Goethe hat diesem Urvorgang alles Lebendigen 1813 einen gereimten Aphorismus gewidmet. Mit Dankbarkeit preist er das Lebensfördernde des Atemvorgangs mit seiner Doppelbewegung von »Einziehen« und »Entladen«, wobei das »Sich-ihrer-Entladen« (der Atemfluss!) als »erfrischend« ein besonderes Lob erhält.
Im Atemholen sind zweierlei Gnaden
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt [...].23
Beobachtet man auf der Theaterbühne, aber gerade auch im Alltag, Menschen beim Vollzug dieser anscheinend so selbstverständlichen Doppelbewegung, so fällt auf, dass alle möglichen Variationen vorherrschen. Neben der (in der Regel) unhörbaren Einatmungsbewegung des ausgebildeten Sängers oder Darstellers, der sich eine Ausatmungsbewegung anschließt, die ganz von der Stimme dominiert ist und keinerlei Atemauffälligkeiten aufweist, erleben wir in anderen Situationen (und Inszenierungen!) einen geräuschvoll eingezogenen, schnappenden oder pfeifenden Atem, dem sich eine überlange Sprechphase mit am Ende herausgepresstem Atem anschließen kann, oder wir hören stoßweise vorgebrachte Atemtakte, die sehr rasch wieder nach einer mühsam vollzogenen Atemergänzung verlangen. – Werden wir sensibel für das Atemphänomen des Atemflusses, so erweist sich, dass sich nur bei den wenigsten Menschen die...
















