Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Angst und Widerstand – Thema Afghanistan (10/2021)

Bis vor Kurzem traf sich die Afghan Girls Theater Group, ein Kollektiv junger Schauspielerinnen zwischen 16 und 23 Jahren, einmal wöchentlich in ihrem Probenraum in Kabul, um an Inszenierungen zu arbeiten, die sich mit der Situation der Frauen in Afghanistan auseinandersetzen. Oft spielten sie fernab konventioneller Bühnen, eigneten sich öffentliche Räume an und kämpften so auch gegen die soziale Stigmatisierung, der sich Schauspielerinnen in Afghanistan aufgrund ihres Berufes ausgesetzt sehen.

Mit der gewaltsamen Machtübernahme der Taliban fand die Arbeit der Afghan Girls Theater Group – wie die vieler Künstlerinnen und Künstler generell – ein abruptes Ende. Die Theaterwissenschaftlerin Hannah Neumann, die über die letzten Wochen hinweg unentwegt mit den jungen Frauen im Kontakt stand, berichtet in unserem Schwerpunkt zum Thema Afghanistan von dramatischen SMS-Wechseln, ihrem verzweifelten Verfassen von Evakuierungslisten mit stetem bangen Seitenblick aufs Handy, ob die Luftbrücke noch steht – und wirft dabei auch kritische Fragen an die Bundesregierung sowie an einige Praktiken des internationalen Kulturaustauschs auf. Über Letzteren berichtet ausführlich der ehemalige Leiter des Goethe-Instituts Kabul Ibrahim Hotak im Gespräch mit Patrick Wildermann – während sich der Theaterwissenschaftler Matt Cornish dem Thema aus der US-amerikanischen Perspektive nähert und dezidiert das Versagen des Westens in den Blick nimmt: Wo sind die Anti-Kriegs-Stücke, und welche Narrative dominieren eigentlich die westliche Auseinander­setzung mit Afghanistan? Ein besonderer Spezialist für die Frage, wie die amerikanische (und natürlich auch die europäische respektive speziell die deutsche) Außenpolitik im Kunst- und Kulturbetrieb reflektiert werden, ist der Schauspieler Sebastian Blomberg. Er spielt zurzeit gleich in mehreren Produktionen, die die Schuld des Westens an den Kriegen in Afghanistan und im Irak thematisieren und hat über seinen Politiker-Rollenstudien – in Hamburg steht er zum Beispiel in Rainald Goetz’ Stück „Reich des Todes“ als Dick Cheney auf der Bühne – auch eine entsprechende Expertise in der Ein­ordnung von Regierungsstilen generell entwickelt. „Dieser Politikertypus des Aushalters, des Aus­sitzers, des Weglächlers, wie ihn Merkel verkörperte, ist scheinbar der erfolgreichste“, resümiert er im ­Gespräch mit Dorte Lena Eilers und klagt: „Leute, die sich wirklich trauen, einen Politikwechsel einzufordern, kriegen auf die Zwölf.“

Angela Merkel ist nun seit dem 26. September als Regierungschefin definitiv und endgültig Geschichte – nachdem sie einen ihrer letzten Auftritte als Bundeskanzlerin tatsächlich in einem ­Theater bestritten hatte! Martin Krumbholz beobachtete sie im Düsseldorfer Schauspielhaus im ­Gespräch mit der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie und berichtet, dass es außer um Feminismus, Nigeria und die DDR auch um die Frage ging, ob die Literatur uns eigentlich zu besseren Menschen macht.

Woran sich natürlich nahtlos diejenige anschließen ließe, ob uns auch die Politik zu einer ­besseren Gesellschaft machen wird – sprich, ob mit der neuen Bundesregierung in der Post-Merkel-Ära die richtigen Zukunftsweichen gestellt werden. An der Kunst soll’s jedenfalls nicht scheitern: Dietmar Dath denkt mit seinem Sci-Fi-Theaterstück „Restworld“, das wir in dieser Ausgabe drucken, weit voraus und imaginiert eine (vielleicht nicht mehr ganz so ferne) Welt, in der die Maschinen ­immer menschlicher und die Menschen immer automatischer werden. Der Theater-Video-Künstler Luis ­August Krawen, den wir im Künstlerinsert vorstellen, entwirft schon heute die digitalen Bildwelten von morgen. Das Berliner Theater-Architektur-Kollektiv raumlabor, das Patrick Wildermann porträtiert, hat soeben den Goldenen Löwen der Architekturbiennale Venedig für die „Floating University“ gewonnen, ein Projekt, das mit neuen Strukturen für unser Zusammenleben experimentiert – wie übrigens, auf eine ganz andere Art, auch Christopher Rüpings Inszenierung des Monats, „Das neue Leben“ nach Dante Alighieri, in der die Persönlichkeiten der Mitwirkenden mit ihren unterschied­lichen Sozialisationen und Verwurzelungen im Mittelpunkt stehen. Die Theaterfestivals von Hamburg über Mülheim bis Zürich beweisen mit Produktionen zu Umwelt, Klimawandel oder Feminismus ebenfalls thematische Gesellschaftsrelevanz. Und, ganz wichtig: Sie öffnen, wie Daniele Muscionico aus der Schweiz berichtet, auch geografisch den Blick weit über den eigenen Tellerrand hinaus – so wie unser Kolumnist Ralph Hammerthaler, der sich diesmal aus Pristina meldet, um von Alida Bremer zu erzählen, der „sprühendsten Frau der Balkanliteratur“.

Die Redaktion

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