Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Wandlungen der theater-ästhetischen Tendenz bei der Erbaneignung (07/1977)
Überlegungen zum Erbe und über das Erben begleiten seit jeher die Theaterarbeit in unserer Republik. Wir erörterten grundsätzliche kultur- und theaterpolitische Fragen, diskutierten das Verhältnis von Tradition und Neuerertum und praktische Versuche theaterkünstlerischer Gestaltung. Gelegentlich wurde - besonders durch theoretische Debatten über Werktreue, Adaption, Historizität - die Hoffnung genährt, endlich seien diese Probleme prinzipiell gelöst; es hatte den Anschein, als ginge es nun vor allem noch um die Durchsicht der Weltdramatik und um die Erweiterung der Spielpläne entsprechend aktuellem Bedarf und heutigen künstlerischen Möglichkeiten. Doch dann kam eine neue Welle der Erbe-Diskussion, oft verursacht durch Auseinandersetzungen mit dem Gegner um die nationale Frage und den Klassenkampf auf kulturellem Gebiet. Gerade diese unbestreitbare Zuspitzung provozierte Unbehagen und Unzufriedenheit über »ungeklärte Fragen«, verstärkte die Sehnsucht nach endgültiger Lösung. Aber darin liegt die Gefahr eines großen Mißverständnisses.
Unsere Theaterpraxis weist bedeutsame Wandlungen in der Erberezeption aus. Wir erinnern an die viel zitierten repräsentativen Beispiele der drei »Nathan-«Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, an die verschiedenen »Wallenstein«-Aufführungen in der Republik oder auch an »Faust«, Mozart-Opern u. a. m. - Von Inszenierungen der letzten drei bis vier Jahre und der theoretischen Diskussion auf dem III. Verbandskongreß gingen wiederum Impulse aus, die eine neue Sicht auf das Erbe vermitteln. Drastisch formuliert: als Erbe wird nicht mehr nur die überlieferte Kunst (als Widerspiegelung von Geschichte) begriffen, sondern die Geschichte selbst in ihrer widerspruchsvollen Totalität - und Kunst als Bestandteil von ihr. Die subjektiv einmalige Gestaltung des Gegenstandes gehört dabei nicht nur zur Sache, sie ist in hohem Maße die Sache selbst. Das Kunstwerk ist nicht nur ein Dokument über Geschichte, es ist ein konkreter Beitrag zu ihrer Gestaltung und damit selbst Geschichte. [...].
Aus Rolf Rohmer: Der Gang durch Widersprüche. Zu Wandlungen der theater-ästhetischen Tendenz bei der Erbeaneignung, S. 1 (S. 1-3).
















