Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Jürgen Holtz – Schauspieler und Scharfdenker (04/2015)

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Die Worte seien ihm schon wie Asche im Mund. Das sagt ein Intendant, der vor nicht mal einem Jahr enthusiastisch, zupackend, mitreißend einen schwierigen Posten antrat. Der mit Zahlen beschossen wurde. Und mit künstlerisch erfolgreichen Produktionen reagiert. Sewan Latchinian, Intendant des Volkstheaters Rostock, schreibt Gunnar Decker, „glaubte als Retter zu kommen“. Gesucht jedoch war: „ein Abwickler“. „Am 25. Februar beschloss die Rostocker Bürgerschaft mit 26 zu 21 Stimmen den Abbau von (…) Musiktheater und Tanz.“ Der mecklenburg-vorpommerische Kultusminister Mathias Brodkorb habe gedroht, die Landeszuschüsse an Rostock nicht auszuzahlen, wenn die Bürgerschaft anders entscheide. „Schönes Demokratieverständnis!“

Schönes Kulturverständnis! Mit solchen Politikern ist keine Politik zu machen, und eine Zukunft sowieso nicht, sehen sie doch nicht, dass die Zukunft, die vielmehr Gegenwart ist, schon bereitsteht. „Next Generation“ nennt sich ein Projekt, das in Stefan Keims einführendem Text zu unserem Kinder- und Jugendtheater-Schwerpunkt im Mittelpunkt steht. Entwickelt wurde es am Bochumer Schauspielhaus von Nuran David Calis gemeinsam mit 37 „Ghetto-Kids“. Dies ist nur eines der Beispiele, von denen Stefan Keim, die Hausporträts über das Junge Ensemble Stuttgart und das Dresdner Theater Junge Generation sowie Jutta Maria Staerk, künstlerische Leiterin am COMEDIA Theater Köln, Stefan Fischer-Fels, künstlerischer Leiter des Berliner GRIPS Theaters, und Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue in Berlin, berichten. Das KJT ist – von vielen nach wie vor verkannt – ein integraler Bestandteil der künstlerischen Szene: experimentierfreudig, kreativ, performativ, authentisch, wild – und ja: demokratisch. Es schließt niemanden aus. „Die Jugendlichen sind da, im selben Raum, man kann sie nicht wegklicken. Und will es auch gar nicht (…) Im Gegenteil, sie versprühen eine mitreißende positive Energie, Lust auf Zukunft.“

„Die Parlamente und der Staat müssen ihre Ideologie der Versorgung aufgeben. Dann sehen und verstehen sie, dass Kultur und Soziales zwei Seiten derselben Medaille sind, die Allgemeinheit heißt. Sie ist die Waage. Die Allgemeinheit verarmt, wenn die Kultur verarmt und/oder der Quotenpornografie verfällt.“ Diese Sätze stammen von Jürgen Holtz, Schauspieler, Scharfdenker, Theatervisionär, der sich derzeit, wie er sagt, häufig Gedanken um die Vergänglichkeit mache. Soeben ist im Verlag Theater der Zeit ein umfangreiches Buch von ihm erschienen: „‚He, Geist! Wo geht die Reise hin?‘ Reden. Einreden. Widerreden“ mit Texten und Zeichnungen von ihm. Gunnar Decker hat den 82-Jährigen porträtiert.

Jürgen Holtz spielt momentan den Zirkusdirektor Caribaldi in „Die Macht der Gewohnheit“ am Berliner Ensemble, dessen aus Machtposen entstandene Einsamkeit uns zu einem weiteren „Zirkusdirektor“ führt: Richard III., gespielt von Lars Eidinger an der Schaubühne Berlin. Ein sich verbrennender Bühnenstar, wie Thomas Irmer schreibt, „der Eidinger als viel diskutierter Hamlet der Ostermeier-Inszenierung von 2008 in diesem Shakespeare-Zusammenhang immer noch ist“. Jan Pappelbaum hat für diesen „Meister der Interaktion“ ein komplettes Globe Theatre in die Schaubühne gesetzt, dessen wahnwitzige Konstruktion er im Gespräch mit Ute Müller-Tischler erklärt.

Alt in neu, neu in alt: Das Elektrotheater Stanislawski in Moskau geht genau den umgekehrten Weg. Im traditionsreichen Gebäude des ehemaligen Stanislawski-Studios hat vor wenigen Monaten eines der modernsten Theater Moskaus eröffnet. Ein Haus, wie Dorte Lena Eilers schreibt, das mit seinen komplett sanierten Räumen und der „multifunktional, multiperspektivisch und daher multinie- mehr-wie-bisher bespielbaren Blackbox-Bühne“ mehr Laboratorium sein will als Repräsentationsort. Ein offener Raum, der mitten in der politischen Eiszeit auch mit Regiestars aus Europa kollaboriert.

Verabschieden müssen wir uns in dieser Ausgabe von Fred Düren, dem großen Schauspieler und Friedenskämpfer, der im März im Alter von 86 Jahren verstarb. Friedrich Dieckmann erinnert an ihn. Und an einen seiner prägenden Sätze: „Ich glaube an Gemeinschaften, die ohne Ideologie das Richtige tun.“ //

Die Redaktion

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