Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Je suis Charlie (02/2015)

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In diesen Tagen ein Editorial für diese Zeitschrift zu schreiben ist schwer. Die Bilder haben sich eingebrannt. Unwiderruflich. Einschusslöcher in einer Redaktion. Zwei Tote auf der Straße. Vier weitere in einem Supermarkt. Redaktion, Straße, Supermarkt – Orte, die für Öffentlichkeit stehen. Für das Recht, öffentlich seine Meinung zu äußern. Für das Recht, diese öffentlich zu diskutieren. Für das Recht, sich frei zu bewegen. Ungeachtet von Geschlecht, Herkunft, Religion.

18 Menschen sind tot. Weil sie Öffentlichkeit erzeugten, oder mehr noch: herausforderten, oft schmerzlich, damit sie, indem sie über sich nachdenkt, wächst. Weil sie sich an öffentlichen Orten aufhielten. Weil sie öffentliche Orte bewachten. Die Pariser Attentate auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt sind Angriffe „auf die kulturellen Fundamente von Gesellschaft“, schreibt Johannes Odenthal. Nicht einer bestimmten Gesellschaft, sondern auf die Fundamente einer Gesellschaft generell. Auf die Ideale eines Zusammenlebens: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Grundsätze, die längst nicht verwirklicht sind, auf die sich aber jeder jederzeit berufen kann. Daher wird es jetzt das Wichtigste sein weiterzumachen. Auf diesem Zusammenleben zu beharren, dafür einzutreten, in den Zeitungen, auf der Straße, im Theater, im Dialog, im Diskurs, im Streit, trotz Verletzungen, Wut und Ärger – aber nie mit Gewalt. Dafür setzen sich die Künstler, die in diesem Heft zu Wort kommen, ein: der französische Theatermacher Philippe Quesne, die libanesische Schriftstellerin Etel Adnan, der französische Dramaturg Maurice Taszman sowie Johannes Odenthal in seinem Text über den libanesischen Künstler Rabih Mroué. Seid verantwortungsvoll, fordert Etel Adnan. Schaut auf die Vorstädte. Und man müsste fortsetzen: Auf Palästina. Auf Syrien. Auf den Irak. Auf Afghanistan. Auf die USA. Auf Europa. Auf die Drohnenkriege. Auf die Folterskandale. Auf den NSU … Die Liste ist lang. Doch Wegschauen zur „Wahrung des Scheins moralischer Vollkommenheit“, wie Josef Bierbichler in seiner Kolumne schreibt, ist keine Lösung.

Es ist schwer, in diesen Tagen ein Editorial für diese Zeitschrift zu schreiben. Weil jemand, mit dem wir gern unsere Sorgen und Ängste, unseren Schrecken über den Terror in Paris geteilt hätten, fehlt: Martin Linzer. Schweren Herzens, voll Trauer, aber auch – wie er es gewollt hätte – mit einem Glas Rotwein in der Hand, verabschieden wir uns in diesem Heft mit einem großen Schwerpunkt von unserem langjährigen, ja jahrzehntelangen „Mister Theater der Zeit“.

Wie viele andere Theater muss nun auch die Berliner Volksbühne ohne ihren schärfsten, aber auch liebevollsten Kritiker auskommen. Der graue Tanker am Rosa-Luxemburg-Platz ist vor kurzem 100 Jahre alt geworden. Gunnar Decker war bei den Feierlichkeiten ohne Feier dabei: „Castorf“, schreibt er, „scheint nicht begabt, auf gutbürgerliche Weise konservativ zu werden, wie wir alle im Alter. Er spielt lieber lustvoll mit dem Feuer.“ Doch wie das vererben? Das sei die eigentliche Frage nach hundert Jahren.

Glück mit der Volksbühne hatte der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak nicht. 2005 zeigte er dort im Rahmen von spielzeit’europa seine Shakespeare-Adaption „Romeo und Julia. Das Fragment“ – und fiel beim Publikum gnadenlos durch. Zehn Jahre später sieht das nun anders aus. Thomas Irmer berichtet von Zholdaks Comeback in Oberhausen – und der Leerstelle, die er in seinem Heimatland hinterlässt. Denn dort ist der einst Geschasste nicht mehr allzu häufig zu sehen. Die Tagebücher des Maidan von Natalia Voroschbit, unser Stückabdruck im Februar, erzählen von diesem Land, von einer Utopie, die mit den Massenprotesten auf dem Maidan begann, und der Zerrissenheit der dortigen Akteure.

Gratulieren wollen wir in diesem Monat Etel Adnan. Die Schriftstellerin und Malerin wird am 24. Februar 90 Jahre alt. „Was ich mir zu Etel Adnans 90. Geburtstag wünsche?“, fragt Klaudia Ruschkowski. „Dass die Leute ihre Zurückhaltung gegenüber Poesie über Bord werfen, dass sie Etels Gedichte lesen und sich von ihrer Neugier, ihrem Scharfsinn, ihrer Lebenslust anstecken lassen.“ Auch wir wünschen von Herzen alles Gute. //

Die Redaktion

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