Essay
TdZ+Kompositionsprinzip Collage
Die Künstlerin Gisèle Vienne inszeniert Gefühlsstudien – eine Werkschau
von Theresa Schütz
Erschienen in: Theater der Zeit: Ensemblekultur heute – Gisèle Vienne Unheimliche Collagen (10/2024)
Assoziationen: Dossier: Kunstinsert Sophiensaele

Im ersten Ausstellungsraum im Berliner Haus am Waldsee sitzt eine weiblich gelesene Gestalt mit langen grau-weißen Haaren, den Rücken zum Eingangsbereich gekehrt. Sie trägt einen Oversized Hoodie in türkis-gelbem Batiklook, wirkt versunken. Erst wenn man sich ihr von der Seite nähert, sieht man, dass es sich um eine lebensgroße Puppe handelt. Ihre Augen sind aufgrund des dicht gepinselten Mascaras und des gesenkten Blickes kaum zu erkennen. In der Hand hält sie einen handschriftlich verfassten Brief. An ihrer linken Wade schimmert ein roter Fleck durch die Strumpfhose. Ihre Versunkenheit öffnet Vorstellungsräume. Sei es, weil der Brief, der sich als Liebesbrief entpuppt, zur weiteren narrativen Spurensuche anregt. Sei es, weil ihre Mimik und Körperhaltung eine Ruhe ausstrahlen, die auch den eigenen Körper zur Ruhe und damit ankommen lässt.
Auch die nächsten Räume sind von mehreren lebensgroßen Puppen bewohnt. Zu sehen ist dasjenige Jugendzimmer, das bereits Teil der Szenografie von Viennes Inszenierung „Der Teich“ (2020) war. Ob gemeinsam auf dem Bett liegend oder beieinandersitzend – hier deuten die nach innen gekehrten Blicke der Gestalten ein Bedrückt- oder auch Entrückt-Sein an, das von der sphärisch anmutenden, elektronischen Musik (Caterina Barbieri: „Swirls of You“) verstärkt wird. Es folgt eine gewaltige Rauminstallation mit 13 Glasvitrinen, die...

















