Theater der Zeit

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Gespräch

Prolog

Gespräch mit einer Schauspielerin aus Hamburg

von Kevin Rittberger und Teresa Kovacs

Erschienen in: Der Messingkauf im Curazän – Eine Ästhetik der Verschränkung (02/2026)

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Die Inszenierung von Tschechows Kirschgarten wurde von der Presse zum Teil gefeiert. Es war mal etwas anderes. Hatte sich nun die Forderung des großen französischen Philosophen Bruno Latour eingelöst, diejenigen, die immer im Hintergrund waren, die höchstens eine Kulisse bildeten, nun endlich in den Vordergrund zu rücken und umgekehrt die anthropozentrische Grundsetzung des Theaters aufzulösen und die Menschen in den Hintergrund zu stellen?

Die Grundidee, den Kirschgarten aus der Perspektive der Bäume zu erzählen, fand ich sensationell. Aber in der Realisierung hakte es. Wir hatten zunächst einige Monate vor Probenbeginn einen Zoom und wurden gefragt, ob wir damit einverstanden sind, in den Hintergrund zu treten; um das andere nach vorne treten zu lassen. Was ich richtig schade fand, war, dass der Hintergrund am Ende gar nicht nach vorne treten konnte.

Das erste Problem war für mich: Der Kirschgarten ist ja gar kein wilder Garten. Sondern ein Nutzgarten, eine Plantage, vom Menschen malträtierte Natur, gepfropfte Obstbäume in Reih und Glied. Im Kirschgarten können die Menschen schwer ablassen von ihrem Besitz.

Das zweite Problem war das Video: Wir arbeiteten mit einem ganz tollen Filmemacher, der den Auftrag hatte, ein Jahr lang einen Kirschgarten zu begleiten, durch alle Jahreszeiten. Und dann sollte die Abholzung gezeigt werden. Allerdings hat er dann doch viel Material aus der Konserve genommen. Es war ein Sammelsurium. Auch aus Bildern, die aus der Werbung stammen könnten. Emotionalität im simplen Sinne. Wie in einem Spot von der Deutschen Bank oder Vattenfall, so wie da Natur gezeigt wird. Die Bilder haben mich abgestoßen. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, dass das Videomaterial doch nicht nur aus einem Kirschgarten stammte. Es war jedenfalls dadurch nicht mehr speziell.

Auf der Bühne gab es dann also einen großen Screen im Vordergrund und ein kleines Kammerorchester mit vier Musiker:innen in einem Glaskasten auf der rechten Seite. Und wir waren auch in einem solchen Glaskasten auf der linken Seite. Wir Menschen waren hinter Glas und haben den exakten Text von Tschechow gesprochen. Man hat uns aber nicht verstanden, es wurden Effekte auf die Stimmen gelegt, die Stimmen waren verwaschen. Es sollte so klingen, wie wenn Bäume menschliche Stimmen hören könnten. Ich weiß nicht, ob das Publikum das so wahrgenommen hat. Und nur in der Nähe der Bäume, unter dem Screen, konnten einige Sätze akustisch verstanden werden. Da gab es eine Green Box.

Dann gab es diesen großen Moment: Wir standen mit Kettensägen im Green Screen und wurden in die Bilder vom Kirschgarten reingesetzt, die die Abholzung des Kirschgartens zeigten. Und uns, wie wir ihn abholzten. Der Film wurde nun angehalten und rückwärts abgespielt und wir gingen auf der Bühne nun auch rückwärts. Alles lief rückwärts bis zum Anfang. So sollten die Leute verstehen, dass man auch anders handeln kann.

Wir haben dann rückwärts gesprochen. Auch rückwärts geblättert. Eine irrsinnige Fleißarbeit. Rückwärts sprechen, das haben wir dann mit einer App phonetisch gelernt. Das war so virtuos und artifiziell, wie wir das als Ensemble gemacht haben, man sollte ja das Gefüge sehen. Keinerlei Individualität. Eher eine Arbeitsgruppe. Alle in grauer Arbeitskleidung.

Alle Versuche, die Dinge anders zu machen, fand ich ja erst mal gut. Das war auch interessant, das zu machen. Aber es ist mir kein Licht dabei aufgegangen.

Die Geiger:innen und Cellist:innen haben die Komposition dann auch rückwärts gespielt. Da hat für mich etwas sehr gut funktioniert, weil die Instrumente ja auch aus Holz sind, das Holz der Geigen und Celli, und die Bögen aus Pferdehaaren.

Ich habe keine Ahnung, wie Natur auf die Bühne gebracht werden könnte. Ich denke, über Video alleine lässt es sich nicht erzählen. Vielleicht wären wir der Sache nähergekommen, wenn wir andere Bilder des Kirschgartens gehabt hätten. Aber vielleicht ist auch das Stück nicht das richtige gewesen.

Mir fällt ein lustiger Moment in den Proben ein: Wir waren in den Glaskästen. Es gab eine Geräuschemacherin, die kam vom Film. Wir hatten so Lederhandschuhe an und sollten damit Vögel nachahmen. Und ich stand am Mikro und dann sagt die Regie: Ich soll nicht so sehnsüchtig aus der Kiste kucken, sondern einfach meine Arbeit machen. Einfach Geräusche machen! Als gäbe es kein Publikum. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man uns gar nicht gesehen hätte. Ich sollte nicht so sichtbar sein, mit meinem Gefühl. Selbst mit meinem grauen Anzug und den Lederhandschuhen. Damit konnte ich nämlich den Flügelschlag von Vögeln machen. Wir haben das Video synchronisiert. Den Fuchs, eine kletternde Ameise. Mir fällt ein, es gab noch eine Wiese. Und ich erinnere mich, dass diese lebendige Bühnenfläche bei den Proben viel Schwierigkeit bereitet hat. Die Wiese starb immer ab, weil sie im Theater nicht die Lebensbedingungen hatte, um zu überleben. Der Rasen wurde erst gelb und dann braun und war dann keine Wiese mehr. Nach einigen Versuchen gab es dann Rasen aus Kunststoff.

Abschließend muss ich sagen, so interessant es war: Eine andere Erfahrung mit der Natur habe ich nicht gemacht. Die Regie brachte einen riesigen Apparat mit. Ich denke, es ist auch ihr Vergnügen, ihre eigene Welt aufzubauen. Das war alles sehr technisch und clean. Überall Kabel und Kameras, eigentlich Anti-Natur. Da ist nichts Zufälliges, alles ist sehr kontrolliert. Du kannst an keiner Stelle anders handeln. Es gibt keine neue Begegnung. Ich habe eher eine Erfahrung mit der Regie gemacht als mit der Natur. Aber dennoch ist mir der Versuch wichtig, anders Theater zu machen, den Hintergrund nach vorne zu holen. Die Wahrnehmung anderer Lebewesen als Teil des Theaters. Das ist bei uns ansonsten ja ganz hinten.

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Assoziationen

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