Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Es ist ein Kreuz – Ein Schwerpunkt zur Bundestagswahl mit Luna Ali, Annekatrin Klepsch und Aladin El-Mafaalani (09/2021)

„Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte.“ Dieser Satz stammt von der SPD-Abgeordneten Käte Strobel, geäußert zu einer Zeit, in der man Frauen im Deutschen Bundestag noch suchen musste. 16 Jahre Merkel-Regierung waren so gesehen ein echter Erfolg. Die Politikmüdigkeit jedoch konnte auch ihre Kanzlerschaft nicht beheben. Etwa ein Viertel aller Wahlberechtigten, so Schätzungen, werden am 26. September nicht zur Wahlurne gehen. Ja, es ist ein Kreuz mit den blumigen Versprechen der Politik. Aber ist diese nicht auch viel zu ernst, als dass man sie sich selbst überlassen sollte?

Als Zeitschrift für Theater und Politik finden wir natürlich: Ja. Sie ist viel zu wichtig, als dass man sich klammheimlich davonstehlen dürfte. Für unseren Schwerpunkt zu den Wahlen zum 20. Deutschen Bundestag haben wir daher Stimmen versammelt, die den politischen Schlagabtausch nicht scheuen. So stellt die in Syrien geborene Autorin Luna Ali mit Hannah Arendt im Gepäck gleich mal ein paar Grundsätze unserer repräsentativen Demokratie zur Debatte. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es in unserem Grundgesetz. Was aber, wenn ein nicht geringer Prozentsatz dieses „Volkes“ gar nicht an die Wahlurnen darf? Was ist mit all jenen, die zwar seit Jahren in Deutschland leben, arbeiten und Steuern zahlen, aufgrund ihres Passes im Deutschen Bundestag aber nicht repräsentiert sind? „Wenn die Legitimität einer Demokratie auf dem Wahlrecht beruht“, schreibt Luna Ali, „dann scheint der Ausschluss von circa zwölf Prozent der Bevölkerung ein klares Demokratie­defizit zu sein.“

Eklatante Defizite benennt auch Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch im ­Gespräch mit Christine Wahl. Keine der Spitzenparteien verfüge über ein wirklich umfassendes ­Rezept, mit dem die Zukunftsherausforderungen, sei es Klimaschutz oder die soziale Frage, zu ­bewältigen seien, so Klepsch. Hinzu komme eine „derartige Atomisierung von Meinungen“ in der Gesellschaft, dass es nahezu unmöglich geworden sei, zu einem Thema eine größere Gruppe hinter sich zu versammeln. Und wer soll dies alles am Ende kitten? Natürlich: Bildung und Kultur. Eher absurd, findet der Soziologe Aladin El-Mafaalani, mit dem Dorte Lena Eilers über sein Buch „Mythos Bildung“ und die produktive Entzauberung symbolpolitischer Sonntagsreden sprach.

Alle Staatsgewalt geht vom Staate aus. Diese Perversion von Herrschaft erleben derzeit die Menschen in Belarus. Nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen im August 2020, den landesweiten Protesten und der brutalen Niederschlagung durch Diktator Lukaschenko befinden sich viele Belarussinnen und Belarussen im Exil. So auch Andrej Kurejtschik, dessen Stück „Die Beleidigten. Belarus(sland)“ wir in diesem Heft drucken. Im Gespräch mit Patrick Wildermann berichtet der ­Autor und Dramatiker von den großen Hoffnungen, die er vor den fingierten Wahlen hegte – und dem großen Entsetzen danach. „Auf der Straße haben sich bürgerkriegsartige Szenen abgespielt, ich hätte nie gedacht, dass so etwas im Europa des 21. Jahrhunderts möglich ist.“

Die großen Verwerfungen im Osten hatte in all den Jahren seiner Volksbühnenintendanz auch Frank Castorf regelmäßig im Auge. Dennoch musste er scheinbar zunächst in die entgegengesetzte Richtung reisen, um unserem Kolumnisten Ralph Hammerthaler in Rom ein Geheimnis zu erzählen – nur so viel sei hier verraten: Um Frauen geht es dabei nicht. Lieber Frank Castorf, wir gratulieren ganz herzlich zum 70. Geburtstag!

Einen Meistertitel in Sachen Verschwiegenheit scheint indes auch die Truppe um René Pollesch anstreben zu wollen. Während allerorten die Theater mit ihren Plänen für die kommende Spielzeit auf­warten, wartet man auf Neuigkeiten, den Intendanzneustart der Saison betreffend, vergeblich. Die Volksbühne schweigt – während es hinter den Mauern offenbar brodelt. Einst groß angekündigt, werden die Gesamtkunstwerker Vegard Vinge und Ida Müller nun doch nicht zum Team gehören. Was ist passiert? Tom Mustroph hat recherchiert.

Man muss am Ende nicht Corona bemühen, um von den Künstlerinnen und Künstlern zu erzählen, die sich in ihren Arbeiten auf wundersame und wunderbare Weise mit dem menschlichen Körper befassen. Im Kunstinsert porträtiert Sascha Westphal die bildende Künstlerin Mariechen Danz, die sich in ihren Installationen und Performances mit dem Werden und Vergehen des Menschen auseinandersetzt. Heinz-Norbert Jocks erinnert in einem 2011 geführten Interview an den im Juli verstorbenen Meister des Verschwindens Christian Boltanski, während Johannes Odenthal des bereits im Mai verschiedenen Tänzers und Choreografen Raimund Hoghe gedenkt. „Nicht nur Wörter schreiben einen Text“, hatte Hoghe einst erklärt. „Auch Körper erzählen eine Geschichte … Wie Pier Paolo Pasolini sagte: ,Den Körper in den Kampf werfen.‘“ //

Die Redaktion

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