Gespräch
Nur das Beste des Schweizer Theaters
Julie Paucker über das Schweizer Theatertreffen im Gespräch
von Julie Paucker und Max Glauner
Erschienen in: Theater der Zeit: Florentina Holzinger in Venedig – Schwerpunkt Teamintendanzen (05/2026)
Assoziationen: Schweiz Dossier: Festivals

Das in der Schweiz bewegliche Festival findet vom 27. Mai bis 30. Mai im französischsprachigen Kanton Waadt in Lausanne am Genfer See und im nördlich davon gelegenen Yverdon-les-Bains im dortigen Théâtre Benno Besson statt.
Max Glauner: Als Neu-Schweizer hat mich anfangs irritiert, dass Schweizer:innen mit fast jedem, gleichgültig in welchem Kontext, gleich per „Du“ sind. Wir kannten uns vor dem Gespräch nicht. Bleiben wir beim Du aus unseren E-Mails?
Julie Paucker: Ja, gerne. Das signalisiert einen Vertrauensvorschuss – beim Theater unerlässlich. In den skandinavischen Ländern pflegt man das ebenso. Oder denke an das Englische. Da redet man auch den König mit „Du“ an.
MG: Stichwort Theatertreffen, Deutschland, Schweiz. Kannst du die wichtigsten Unterschiede nennen?
JP: Das ist einfach. Die Schweiz zählt ungefähr acht Millionen Einwohner:innen. Deutschland zehnmal so viel (lacht). Dafür haben wir vier Landessprachen, Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Entsprechend intensiv und divers sind auch die Kulturen im performativen Bereich, das versuchen wir, mit den stärksten Inszenierungen eines Jahrgangs so gut als möglich abzubilden. Z. B. orientiert sich das Tessin auch an Italien – Mailand liegt nicht weit entfernt, oder die Romandie an Frankreich. Das Schweizer Theatertreffen dient also auch dazu, sich besser kennenzulernen und einen nationalen Austausch voranzubringen, weil man sich über die Sprachgrenzen hinweg und kulturell durchaus noch besser kennenlernen kann.
MG: Das klingt ein wenig nach „Geistiger Landesverteidigung“, eine offizielle Doktrin, nach der die Schweiz, im vergangenen Jahrhundert umzingelt von faschistischen Staaten neben Militär, Wirtschaft und Rechtsordnung die Kultur als nationalen Kit erkannte. Hat es damit zu tun?
JP: Historisch gesehen hat das eine Rolle gespielt. Heute ist die Frage eher, welche Konsequenzen man daraus zieht, dass die Schweiz ein mehrsprachiges Land ist. Die Bemühung, die es auch für uns Schweizer:innen bedeutet, uns gegenseitig zu verstehen, ist ein super Training, mit dem Rest der Welt offen umzugehen. Aber es ist kein Selbstläufer – Übersetzungen und die Auseinandersetzung mit anderen Sprachkulturen kosten Geld und Zeit. Das muss gefördert werden. Entsprechend freue ich mich, dass in der letzten Abstimmung die Initiative, unsere Rundfunkgebühren zu halbieren, von der Bevölkerung klar abgelehnt wurde. Ein Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit. Theater kann hier auch eine wesentliche Rolle spielen.
MG: Setzen wir den Vergleich fort. Bedingt durch die Größe und Diversität der Schweiz gibt es auch unterschiedliche Theaterkulturen, die sich im Festival widerspiegeln. Fangen wir bei der Auswahl an. Was ist deine Rolle?
JP: Ich bin die Leiterin des Festivals. Du hast im Vorgespräch meine Rolle als die einer Kuratorin eigentlich gut getroffen. Wir haben keine Jury im eigentlichen Sinn wie das Berliner Theatertreffen, sondern ich reise durch die Schweiz und erstelle eine Shortlist, in diesem Jahr 17 Aufführungen, aus denen wiederum sechs Ende Mai nach Yverdon-les-Bains und Lausanne eingeladen werden. Dafür bin ich im Gespräch mit vielen Menschen aus der Szene, damit ich mitbekomme, wo etwas interessant sein könnte. Ich lasse mich bei meinen Entscheidungen beraten und mache sie transparent. Neu treffe ich mich regelmäßig mit meiner Programmgruppe, das sind drei Künstler:innen aus dem Tessin, der Romandie und der Deutschschweiz. Wir diskutieren über Stücke und teilen unsere Eindrücke. Dieser Austausch ist bereichernd, weil verschiedene Perspektiven, auch jüngere, so in die Überlegungen einfließen, was auch einen Impact auf die Auswahl hat. Für das Festival geht es dann nicht einfach um eine Best-of-Show, sondern darum, einen Parcours zusammenzustellen, der der Diversität der Schweizer Theaterszene, formal, ästhetisch, aber eben auch vom sprachlichen Ursprungsort her, Rechnung trägt.
MG: Trügt mein Eindruck, dass in 2026 ein starkes Übergewicht der Freien Szene besteht? Aus dem Pfauen des Zürcher Schauspielhaus, das sich unter der neuen Tandemintendanz mit dem Start schwertut, habt ihr die raunende „Hekabe“ nach Euripides von dem griechischen Regieduo Angeliki Papoulia und Christos Passalis eingeladen. Wirkt das nicht wie ein Feigenblatt?
JP: Überhaupt nicht. „Hekabe“ ist eine starke und bemerkenswerte Inszenierung, die mich sehr beeindruckt hat. Sowieso halte ich nichts davon, neu antretende Intendanzen runterzuschreiben. Für mich ist wichtig, dass das Stadttheater am Festival vertreten ist, weil es eine wesentliche Realität der deutschsprachigen Schweiz darstellt. Auf der Shortlist sind auch die Bühnen Bern mit „Eichmann – wo die Nacht beginnt“ in der Regie von Roger Vontobel vertreten. Damit kommen zwei Inszenierungen aus dem Stadttheater. Das ändert und sortiert sich jedes Jahr neu.
MG: Das Berliner Theatertreffen wird von den Berliner Festspielen und damit großteils vom Bund finanziert. Wie sieht das in der Schweiz aus?
JP: Gute Frage. Im Grunde müssen wir von Jahr zu Jahr das Geld auftreiben. Organisation und Ausrichtung, also auch meine Position, werden vom Verein Schweizer Theatertreffen getragen und verantwortet. Neben Stiftungen und einem wichtigen Beitrag vom BAK, dem Bundesamt für Kultur, sowie einer Unterstützung von Pro Helvetia für Übersetzungen und Ähnliches, sind es die austragenden Kantone und Städte, die den Löwenanteil leisten. Leider haben wir keine solide Grundfinanzierung, obwohl wir ein nationales und anerkanntes Ereignis sind. Das klappt immerhin seit 13 Jahren, aber ich fände es schon angebracht, dem Schweizer Theatertreffen eine größere nationale Förderung zu geben.
MG: Ihr bekommt den satten Schweizer Föderalismus zu spüren.
JP: Ja.
MG: Auch die Hochschulen werden durch die Bank von den Kantonen finanziert – so die europaweit erste bürgerliche Universitätsgründung 1833, die Uni Zürich. Nur die zwei Eidgenössischen Technischen Hochschulen werden vom Bund finanziert. Das Klein-Klein hat Vor- und Nachteile.
JP: Ja, auch das ist eine Schweizer Eigenart. Die Frage ist, wer für uns zuständig ist, da wir an unterschiedlichen Orten stattfinden, sprich jährlich wechselnd in einem Kanton, in einer Stadt, aber eine nationale Ausrichtung haben.
MG: Die Schweiz verfügt über eine sehr starke Performance- und Tanzszene und wir sehen fließende Übergänge bei den Macher:innen und Institutionen. Polemische Abschlussfrage: Ist es für dich überhaupt noch zeitgemäß, ein eigenes Theaterfestival zu veranstalten?
JP: Auf jeden Fall. Du hast recht, dass sich die Szenen nicht nur an den Rändern zunehmend auflösen, es wäre jedoch falsch, deswegen ihr jeweiliges Core-Business aufzugeben. Im Theater spielt Sprache nach wie vor eine wesentliche Rolle, ich halte nichts davon, das per se abzulehnen. Wie gesagt: Ich bin ein Fan der Mehrsprachigkeit, diese äußert sich in einer Inszenierung ohne Worte ja weniger deutlich. Trotzdem fällt so etwas für mich auch unter den Begriff Theater, und es hat Platz im Festival, genauso wie die Performance oder die Installationen. Dieses Jahr zeigen wir z. B. „Ceramic Circus“ von Julian Vogel, einem aufsteigenden Star des Nouveau Cirque in der Schweiz, der mit viel Akrobatik und ohne Worte auskommt. T



















