Magazin
NOW! – and then
Die erste Biografie Judith Malinas, der Gründerin des legendären Living Theatre
von Thomas Irmer
Erschienen in: Theater der Zeit: Florentina Holzinger in Venedig – Schwerpunkt Teamintendanzen (05/2026)
Assoziationen: Buchrezensionen Judith Malina Anna Opel

Pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Judith Malina erscheint diese von der Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Anna Opel geschriebene Biografie. Genau besehen, ist es sogar die erste Biografie in Buchform überhaupt. Was ein bisschen verwundert, wenn man den theatergeschichtlichen Rang des Living Theatre betrachtet, das Malina gemeinsam mit Julian Beck 1947 in New York gründete und bis kurz vor ihrem Tod 2015 leitete. Das Living, wie es viele kurz nannten, hatte einen enormen Einfluss auf die Theaterentwicklungen in den USA und Europa. Es bildete in über die Jahrzehnte wechselnden Mitgliederbesetzungen mit seinen Inszenierungen und ihren Kontroversen einen Feuerball an Vorbildwirkung und Anregungen für das Freie, experimentelle und politische Theater – bis heute.
Das Interesse für ein anderes als das am Broadway übliche Theater war für die Tochter eines Kieler Rabbis, der mit der Familie 1929 in die USA emigrierte, von der Teilnahme an Erwin Piscators New Yorker „Dramatic Workshop“ und den Erlebnissen in Valeska Gerts Künstlerkneipe Beggars Bar geprägt. 2012 veröffentlichte Malina ihr „Piscator Notebook“, deren deutsche Ausgabe Anna Opel im Verlag Theater der Zeit herausgab, quasi als Vorbereitung für diese Biografie.
Opel beschreibt vor allem das künstlerische Arbeitsleben Malinas, die einzelnen, oft schwierig zu bewirtschaftenden Theaterorte des Living und die Entstehung seiner wichtigen Produktionen sowie ihrer Gastspiele und Tourneen. Die private Malina, die ein zum großen Teil veröffentlichtes umfangreiches Tagebuchwerk hinterließ, wird als Mutter, Ehefrau und Partnerin dabei nicht ausgelassen, aber der Fokus liegt auf der Theaterarbeit, die Malina sogar ins Gefängnis brachte und das Living mit den heute in Staaten Osteuropas berüchtigten Tricks der Steuerfahndung aus politischen Gründen in Zeiten des Vietnam-Kriegs von New York ins europäische Exil zwang.
Eine zweite Ebene des Buches ist die erzählte Recherche Opels, in welchen Archiven sie forschte und wen sie als Gesprächspartner:innen wo traf. Das bringt belegte Zeitzeugenschaft ins Buch, etwa mit Garrick Beck, dem Sohn von Malina und Julian Beck, sowie einigen Mitgliedern der Truppe, und im Fall der verstreuten Living-Archive auch einen Einblick in die Sammlungen der Fondazione Morra in Neapel.
Diese Ebene, die nicht immer den Erzählfluss der Biografie befördert, mündet am Ende jedoch in ein eindrucksvolles Finale. Die Theaterprofessorin Cindy Rosenthal erklärt der Biografin, dass „für eine Anarchistin das Seniorenheim ein schlechter Ort“ sei. Dort habe Malina, ganz noch im alten Feuer, die anderen Alten animieren wollen, von ihrem Leben zu erzählen, um ein neues, letztes Stück daraus zu machen. „The Triumph of Time“ sollte es heißen, doch die Mitbewohner:innen verweigerten sich letztendlich. Es war, mit allem Auf und Ab, in seinem Jahrhundertbogen trotzdem ein triumphales Theaterleben, von dem Anna Opels Buch sehr lebendig erzählt. T
Anna Opel: NOW! Judith Malina und das Living Theatre. AvivA Verlag, Berlin 2026, 296 S., € 24. (Hier bestellen)
Veranstaltung zum 100. Geburtstag von Judith Malina am 4. Juni 2026 in der Berliner Volksbühne




















