Theater der Zeit

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Ich hatte Glück mit Gotscheff und Pollesch

Katrin Brack im Gespräch mit Frank M. Raddatz

Ein neues Buch der Bühnenbildnerin Katrin Brack stellt die Arbeiten der letzten Jahre vor, zu denen neben der Langzeitarbeitspartnerschaft mit Luk Perceval auch die Zusammenarbeit mit René Pollesch gehört.

von Katrin Brack und Frank M. Raddatz

Assoziationen: Akteur:innen Kostüm und Bühne

Szenen aus „Hekabe“ von Euripides, Regie Angeliki Papoulia und Christos Passalis, Schauspielhaus Zürich   Foto Thomas Aurin
Szenen aus „Hekabe“ von Euripides, Regie Angeliki Papoulia und Christos Passalis, Schauspielhaus ZürichFoto: Thomas Aurin

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Frank M. Raddatz: Wie kommt es überhaupt zu Findungen?

Katrin BRACK: Ich folge meinem Instinkt. Mir war beispielsweise wichtig, dass die Rakete, die ich für „Geht es dir gut?“ (Volksbühne Berlin) gebaut habe, sich an Elon Musks SpaceX orientiert. Pollesch hatte nichts von einer Rakete gesagt, fand es aber gut, dass etwas auftauchte, das ihn auf neue Ideen brachte. Die SpaceX-Rakete steht heute nicht mehr für Utopie, sondern für deren Kapitalisierung. Aber im Grunde war mit der Raumfahrt auch immer das Utopische verbunden. Der Traum von fremden Planeten und unbekannten Entdeckungen im All. 

Ich wurde bald darauf nach Hongkong eingeladen, um dort mit Studierenden einer Bühnenbildklasse einen Workshop zu machen. Ich habe vorgeschlagen, Raketen zu bauen. Danach hörte ich erst einmal nichts mehr von der chinesischen Seite. Erst als ich erklärte, dass es mir nicht um Krieg oder dergleichen geht, sondern um eine Utopie, welche die gesamte Menschheit angeht und mich dabei auf den sozialistischen Revolutionär Louis-­Auguste Blanqui (1805–81) und dessen Satz bezog: „Vergessen wir nicht, dass wir alles, was wir hier auf Erden hätten gewesen sein können, irgendwo anders sind.“ Sofort war das Eis gebrochen. Ich bekam grünes Licht und begann mit den Studierenden den Raketenbau. Sie trugen dabei alle schwarze Kurzhaarperücken, weiße Apothekerkittel und kurze Hosen, weil es so heiß war. Dieser Einheitslook sorgte für viel Gelächter. Sie haben sich darin pudelwohl gefühlt, sind nach draußen gegangen, haben Fußball gespielt und sich königlich amüsiert. 

Aber diese Idee war schon viel älter. In den nuller Jahren machte DER ­SPIEGEL eine Umfrage: Was ist Heimat? Und da habe ich denen eine aus einer Klopapierrolle gebaute Rakete mit dem Spruch von Blanqui als Antwort geschickt.

FMR: Die Utopie als Heimat. In „Geht es dir gut?“ bekommt die Rakete zusätzlichen Charme, weil sie mit einer Walnuss kombiniert wird. Ihre Antwort auf Lautréamonts Kombi von Nähmaschine und Regenschirm?

KB: In „Geht es dir gut?“ war Fabian Hinrichs neben René Pollesch auch Regisseur. Fabian schrieb mir einen Brief, dass er alles wunderbar fände mit der Rakete, aber er brauche als Schauspieler unbedingt eine Höhle. Ich habe nur gedacht: „Hilfe, eine Höhle. Was mache ich jetzt?“ Da habe ich ihm die Hälfte einer Walnussschale vorgeschlagen, die so groß ist, dass er sich hineinlegen kann. Er hat das sofort verstanden.

Bei „Kampf des N* und der Hunde“1 (Volksbühne Berlin) fragte mich Mitko: „Wo ist die Maschine, die das Rieseln des Konfettis in Gang setzt?“ Ich habe geantwortet: „Es gibt keine Maschine!“ Und er: „Ja, aber wer macht das denn?“ Meine Antwort war: „Das macht der liebe Gott!“ Und das war es. Danach haben wir nie wieder ein Wort darüber gesprochen. Andere hätten gesagt: „Der liebe Gott! Was für ein Quatsch!“ Das war großartig, dass er bei Dingen, wo sich andere aufgeregt hätten, sofort die Idee begriff. Kein anderer Regisseur hätte das einfach akzeptiert und eine Riesendiskussion wäre losgebrochen. Allerdings musste ich auch bereit sein zu lernen. Manchmal fand ich einen Vorschlag schlecht, der dann aber umgesetzt ganz toll war. Man muss die Dinge erst angucken. Nur dann kann man urteilen, ob etwas doof ist oder großartig.

Dass Regisseure so offen sind, ist wirklich die Ausnahme. Das liebte ich an Mitko. Er hat sich immer mit einer unglaublichen Neugier und ganz spielerisch auf meine Bühnenbilder eingelassen. Ich hatte schon sehr großes Glück, dass ich mit Leuten wie Dimiter Gotscheff und René Pollesch arbeiten durfte.

FMR: Anfang 2025 haben Sie den Raum für „Warten auf Godot“ mit Luk Perceval am Berliner Ensemble gemacht. Auf der Bühne lag ein Haufen desolater Scheinwerfer. Becketts Endspiel wurde auf einem Friedhof der Bühnenbeleuchtung situiert, also in einer Theaterendzeit.

KB: Es handelt sich um ein noch nicht aufgebautes oder vielleicht schon längst abgebautes Theater. Ein Dazwischen in jeder Hinsicht. Die Idee, ein zu Grabe getragenes Theater auf die Bühne zu bringen, schien mir richtig für Becketts Stücke. Die Frage ist doch, was ist aus der Utopie, auch der Utopie des Theaters geworden?

 

Katrin Brack. Bühne Stage
Frank M. Raddatz (Hg.)

Paperback mit 304 Seiten
ISBN 978-3-95749-628-7, € 32
Verlag Theater der Zeit

 

1 Der Originaltitel wurde modifiziert

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