Oliver Bukowski, es scheint nach über 25 Jahren immer noch der Epochenbruch von 1989/90 zu sein, aus dem Ihr Schreiben erwächst. Stimmt dieser Eindruck?
Zum Teil. Die Hartz-Gesetze 2003 oder die Zulassung der Hedgefonds 2004 schlugen sich sicherlich deutlicher in Selbstbild, Wertgefühl und Zukunftsbehauptungen gegenwärtiger Generationen nieder. Sogar generationsübergreifend, ganz gleich, ob Ost oder West. Aber immerhin zerriss das Jahr 1989 den Ostlern die Biografien. Ein Leben davor, eins danach. Ein halbes Leben unter einer politischen Diktatur, dann eins unter neoliberal wirtschaftlicher. Nach den paar Monaten euphorischer Vereinigungsverblödung war dann bald alles klar, und man reagierte. Beispielsweise mit dem größten Geburtenstreik der deutschen Nachkriegsgeschichte. Geht es drastischer? Gibt es etwas, was auf Großgeschichte so intim und privat antwortet? Andererseits war da immer meine Hoffnung, dass aus dem Erleben von zwei Systemen eine neue, doppelt erfahrene soziale Kompetenz erwachsen könnte. Zum Teil ist das sicherlich auch so, aber dann sehe ich nach Dresden und kann es kaum glauben. Es ist, als wenn an ’89 gar nichts verstanden und verarbeitet wurde. Man blieb sich sogar bis ins Wort gleich: Wir sind das Volk. Nur klang das damals nach Hoffnung und Aufbruch, vielleicht sogar Utopie, heute trommelt dieser Slogan für die genau...