Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Cordelia Wege – Schöpferisches Risiko (02/2020)
Meghalayum, liebe Leserinnen und Leser! Was wie eine indische Begrüßungsformel klingt, ist tatsächlich das geologische Zeitalter, in dem wir seit 4250 Jahren leben, eine Unterkategorie des Holozäns. Wurde vor zwei Jahren so festgelegt. Benannt nach einem Tropfstein im indischen Bundesstaat Meghalaya (also doch!). Woher kommt dann aber die Behauptung, wir lebten im Anthropozän? Dem Inbegriff eines Zeitalters, in dem der Mensch zu einer Naturgewalt mit so massivem geophysikalischem Einfluss geworden ist, dass er sich für immer in die Erde einschreibt? Weil die Auswirkungen in unserer Ökosphäre immer offensichtlicher werden: der Raubbau an Naturressourcen, die Veränderungen unseres Klimas, die Ausrottung von Spezies etc. Alles in planetarischem Ausmaß. Seit der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen den Begriff Anthropozän im Jahr 2000 in die Welt gesetzt hat, ist er vor allem zu einer negativen Metapher geworden, Ausdruck für die Zerstörung der Umwelt und die Bedrohung des Lebens auf der Erde. Weltweit setzen sich Wissenschaftler für die begriffliche Anerkennung des neuen Zeitalters ein.
Das Theater im Anthropozän heißt unser Themenschwerpunkt – und entlehnt seinen Titel einem von der Naturwissenschaftlerin Antje Boetius und dem Dramaturgen Frank Raddatz neu gegründeten Theater, das unter der Schirmherrschaft der Humboldt-Universität zu Berlin ab dem Frühjahr 2020 mit Kulturlaboren, Inszenierungen, in transdisziplinären Initiativen und Diskursen zu einer global vernetzten Plattform entwickelt werden soll. In einem Gespräch mit Dorte Lena Eilers erklärt uns Antje Boetius den Impuls für diesen konzeptionellen Kurzschluss von Kunst und Wissenschaft: „Da ist die Erkenntnis, dass wir alle in einem planetaren Theater feststecken, in dem wir Menschen Akteure sind wie auch Zuschauer eines dramatischen Schauspiels von der menschlichen Hybris – des Anthropozäns.“ Frank Raddatz hat für dieses Projekt kein Manifest, aber 13 Thesen verfasst, die wir hier abdrucken.
Auch wenn Ralph Hammerthaler in seiner Kolumne feststellt, dass der Diskurs-Pogo ums Klima in den Theatern schon heftig getanzt wird: in den letzten Jahren haben sich die Theater nur vereinzelt der Thematik angenommen. Die Potsdamer Dramaturgin Natalie Driemeyer hat den Klimawandel seit 2011 zu ihrem Thema gemacht und fordert, dass er nicht nur auf den Bühnen, sondern auch in Bezug auf die Arbeitsweisen und Strukturen der Theater verhandelt werden muss.
Zwei andere viel diskutierte Strukturfragen an Theatern hat die Stadt Zürich schon mal sehr gekonnt für sich gelöst: die Beschränkung der Machtfülle stark hierarchischer Intendanzen und Geschlechtergerechtigkeit. Indem sie mit Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg ein Intendanz-Duo am Schauspielhaus Zürich sowie am Theater Neumarkt mit Julia Reichert, Hayat Erdoğan und Tine Milz ein weibliches Leitungstrio berief. Christoph Leibold und Dominique Spirgi stellen die ersten Produktionen dieser Neustarts vor.
Auch für Kostümbildnerinnen und Kostümbildner resultiert die mangelnde Anerkennung ihrer Kunst innerhalb der Theater(produktionen) letztendlich aus den Arbeitsstrukturen, die sie benachteiligen. Wie, das beschreibt die Kostümbildnerin Katharina Kromminga, die den Stellenwert ihres Berufsstands wissenschaftlich untersucht hat. Zudem beklagt sie nicht nur einen Gender Pay Gap, sondern auch die mangelnde Wahrnehmung durch die Fachöffentlichkeit. Also durch uns Theaterkritikerinnen und -kritiker. In dieser TdZ-Ausgabe wird das nicht so sein: In unserem Künstlerinsert stellen wir mit Adriana Braga Peretzki eine der herausragendsten Kostümbildnerinnen im deutschen Theater vor, deren Entwürfe auf glamouröse und poetische Weise das Leben und den Tod feiern. Ihre Kostüme prägen unverwechselbar die Inszenierungen Frank Castorfs und Sebastian Hartmanns. In dem von ihr ausgestatteten „Lear“ Hartmanns am Deutschen Theater in Berlin konnte man unter anderem Cordelia Wege in einem wahnwitzigen, vierzigminütigen Monolog erleben, der einen Kritikerkollegen zu der Behauptung hinriss, dass dieser Theatergeschichte schreiben werde. Gunnar Decker stellt sie hier in einem Porträt vor, als eine Schauspielerin, die sich gegen das Funktionieren wehrt und im Spiel eher das Risiko nah am Scheitern sucht.
Ein Wagnis stellt zweifelsohne auch die Gründung eines palästinensischen Nationaltheaters in einer so symbolisch umkämpften Stadt wie Jerusalem dar. François Abu Salem ging dieses vor 35 Jahren im Ostteil der Stadt ein. Und sein Theater steht und spielt noch heute, das El Hakawati. Unsere Autorin Renate Klett besuchte ein Festival zu Ehren des mittlerweile verstorbenen Gründers.
Und auch hier galt es Ende 2019 Abschied von einem großen Theatermann zu nehmen: von Harry Kupfer, einem der wichtigsten und prägendsten Opernregisseure Deutschlands. Der ehemalige Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin Jürgen Flimm schaut zurück auf Begegnungen und Inszenierungen. //
Die Redaktion
















