Von Ameisen und Grillen
von Bernd Stegemann
Erschienen in: Das Gespenst des Populismus – Ein Essay zur politischen Dramaturgie (01/2017)
Die Ausgangssituation für eine solche Gefühlslage erinnert nicht zufällig an die Fabel von der fleißigen Ameise und der lustigen Grille: Die Ameise arbeitet den ganzen Sommer, damit sie im Winter Vorräte hat. Die Grille musiziert im Sommer und im Winter steht sie frierend vor der Wohnung der Ameise und bittet um Unterschlupf und Nahrung. Diese Fabel kennt zwei Enden.
In der ersten, konservativen Fassung sagt die fleißige Ameise: Du hast den ganzen Sommer gesungen, dann tanze nun im Winter, und lässt damit die Grille erfrieren. In der neueren, linksliberalen Fassung wird die Grille ebenfalls von der Ameise weggeschickt, doch findet sie bei der gastfreundlichen Familie der Mäuse ein neues Heim, in dem sie den Winter über weitermusiziert, während die Ameise alleine in ihren Vorräten sitzt. Ihr Ärger ist vorprogrammiert, wenn die Zahl der Grillen zunimmt, die bei Mäusen Unterschlupf finden.
In den zwei Varianten der Fabel ist die psychologische Unterscheidung zwischen der Doktrin des strafenden Vaters und der helfenden Mutter gut wiedergegeben.16 Wer unter den Regeln des strafenden Vaters lebt, der wünscht, dass alle sich an dieselben Regeln halten und derjenige, der sich nicht daran hält, auch die Konsequenzen dafür tragen muss. Die helfende Mutter hingegen fördert das Vertrauen,...