Theater der Zeit

was macht das theater?

Die Regisseurin Marie Brassard … über das Weitermachen

von Marie Brassard

Erschienen in: Theater der Zeit Spezial: Kanada (09/2021)

Assoziationen: Akteure Nordamerika

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Sofort fällt mir auf diese Frage der Ausdruck l’état des choses ein, den man mit „Der Stand der Dinge“ übersetzen könnte. Im Französischen kann das Wort „état“ mehrere Bedeutungen haben. Im politischen Sinne von „Staat“ kann es ein Reich, eine Nation oder eine Gruppe bezeichnen, doch auch den physischen oder emotionalen „Zustand“, in dem man sich befindet.

„Der Stand der Dinge“ ist auch der Titel eines Films von Wim Wenders (1982), in dem ein Filmteam gezwungen ist, seine Dreharbeiten in Portugal zu unterbrechen, da ihm das Material ausgegangen ist. Nach der Ankündigung der Unterbrechung schenkt der Regisseur einer der Schauspielerinnen ein Buch und erklärt: „Leider werden Sie jetzt alle nötige Zeit zum Lesen haben.“ Sie liest laut einen Abschnitt aus Alan Le Mays Western-Roman „Der schwarze Falke“ (1956) vor: „Diese Leute hatten eine Art von Mut, die vielleicht die größte Gabe des Menschen ist: den Mut, einfach weitermachen und weiter­machen, indem sie die jeweils nächste Sache tun, weit über jede vernünftige Ausdauer hinaus, sich dabei nur selten als Märtyrer betrachtend und sich niemals für tapfer haltend.“ Die Künstler:innen sind daraufhin in diesem alten Hotel am Meer vollkommen sich selbst überlassen, so allein, dass man darüber den Film im Film vergisst. Während dieser untätigen Wartezeit sind sie gezwungen, ihr Leben anders zu füllen, und es ist spannend, ihnen dabei zuzusehen.

Die Kunst des Theaters hört nicht auf zu existieren, und es geht ihr weder gut noch schlecht. Sie fluktuiert und nimmt vielfach unterschiedliche Formen an, je nach dem Willen der Künstler:innen, die sich entscheiden, sie zu benutzen. In „Der Stand der Dinge“ erklärt der Regisseur, kurz bevor er nach Los Angeles fliegt, um dort nach dem verschwundenen Produzenten zu suchen: „Das wird uns die Zeit geben, über den Film nachzudenken und ihn vielleicht zu verbessern.“ Wenn wir die Worte „L’état du théâtre“ („Der Zustand des Theaters“) vertauschen, kommt dabei le théâtre d’état, heraus, was etwas anderes, nämlich „das Theater des Staates“ bedeutet. Dabei denke ich an die Institutionen und die Politik, die das Theater regieren und die wie eine Brücke zwischen Künstler:innen und Publikum fungieren. Es sind eher diese Strukturen, die mir in schlechtem Zustand zu sein scheinen und über die wir nachdenken sollten. Uns Künstler:innen könnte es besser gehen. Aber wir sind lebendig, und wir wollen überleben. //

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