Auftritt
Staatstheater Hannover: Seelenverwandt Suchende
„Unter Wasser“ von Andréanne Joubert und Jean-François Guilbault – Regie Alisa Guberman, Bühne Merle Grund, Kostüme Rahel Künzi, Musik Andrej Agranovski, Paul Calderone, Video Mehdi Amirahmadi, Dramaturgie Taale Frese
von Jens Fischer
Assoziationen: Niedersachsen Theaterkritiken Alisa Guberman Schauspiel Hannover

Die Flegeljahre der heißen, heftigen Gefühle zwischen Kindsein und Erwachsenwerden bilden unter dem „Coming of Age“-Label für das Kino und die Literatur eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration, für Jugendtheaterspielpläne sind diese Geschichten geradezu elementar. Bei der ständigen Suche nach neuen Stücken zu Aspekten der Pubertät ist das Schauspiel Hannover in Kanada bei den Autor:innen Andréanne Joubert und Jean-François Guilbault fündig geworden. Obwohl ihr Drama „Noyades“ (deutscher Titel: „Unter Wasser“) schon vor über zehn Jahren uraufgeführt wurde, versetzt es mitten hinein in aktuelle Debatten um die Einsamkeit der Generation Instagram, die ausdauernd auf ihre mobilen Vereinzelungsgeräte starrt und Halt sucht im Kennen möglichst vieler Schlagzeilen, Posts und Reels. Endloser Informationsfluss, endlos vernetzt. Verloren in dieser vermeintlichen Wirklichkeitsnähe zweifeln Heranwachsende am Wert des eigenen Ichs, das gerade erst konfiguriert wird. Dazu der ganze Stress mit der Schule und die verwirrenden Veränderungen des eigenen Körpers! Eine explosive Gemengelage, der sich Alisa Guberman mit ihrem Regiedebüt widmet. 1998 in Šiauliai (Litauen) geboren, hat sie Theater-/Film- und Medienwissenschaften in Wien studiert, am Theater in der Josefstadt hospitiert, auch mal die Seiten gewechselt und als Journalistin über Theater geschrieben, seit der Spielzeit 2022/23 ist sie Regieassistentin am Schauspiel Hannover.
Ausgangs-, Mittel- und Antriebspunkt der Handlung ist der 16-jährige Louis (Alban Mondschein), ein verträumter Schüler aus wohlhabendem Hause mit der klaren Sehnsucht, Superheld sein zu wollen, um einfach mal bemerkt zu werden. Denn seine Eltern sind ständig unterwegs, Freund:innen eher rar. Die 14-jährige Sedna (Nellie Fischer-Benson) ist als verträumte Schülerin in namenlosen Wünschen gefangen, wie es mit ihr weitergehen könnte. Gerade verstarb die Mutter, der Vatter hockt nur noch apathisch auf dem Sofa. Auch ihr fehlen Aufmerksamkeit und Anerkennung jenseits von Metriken wie Followern, Klicks und Likes. Louis und Sedna sind unsichere, seelenverwandt Suchende. Weswegen Guberman die beiden auf der Bühne ganz nah aneinanderrückt mit ihren Ich-Erzählungen der sich analog kaum überschneidenden Alltagserfahrungen. Sie agieren geradezu spiegelbildlich isoliert – bis es zu einer handfesten Berührung kommt. Sedna versucht ihrer ertrunkenen Mutter nahezukommen, indem sie in der Badewanne oder öffentlichen Bädern so lange wie möglich untertaucht. Passend dazu besteht das Bühnenbild aus Versatzstücken eines Schwimmbeckens. Louis jobbt dort als Bademeister und „rettet“ Sedna, so dass ihr Rekordversuch im Luftanhalten scheitert. Missverständnis. Beide sind sauer aufeinander, haben kein Interesse aneinander.
Ganz anders im Internet. Sedna träumt von Sex mit einem Wolf, kurz darauf entdeckt sie die anonyme Online-Präsenz eines gewissen „Narzissus“, der als Profilbild einen Wolfsmann gewählt hat. Dahinter verbirgt sich Louis, der durch einen Zufall ins Intranet der Schule gelangte und nun auf Wunsch die Noten der Schüler:innen mit eine paar Klicks verbessern oder Lösungen für Klausuren vorab liefern kann. So hat er fix Superheldenstatus und wird Liebesprojektionsobjekt für Mädchen wie Sedna. Beide werfen nun Chat-Nachrichten wie Bälle hin und her. Für feministische Regungen sehen Stück und Regie aber keine Chance. Die Mädchen erniedrigen und sexualisieren sich, um im Arm der „Narzissus“-Coolness zum Accessoire zu werden und sehen in diesem männlichen Wesen einen Erlöser. Es sind die ersten Kitzel der Erotik des Ruhms und der Macht. Selbst Louis’ kleine Schwester verliebt sich in den Wolfsmann. Bald werden reale Konsequenzen der digitalen Kommunikation konkret, sie gerät in ihrer Dynamik außer Kontrolle. Ein Nacktbild wird als Eigenwerbung verschickt, geht viral, Scham, Cypermobbing, Vergewaltigung und Selbstmord sind aufblitzende Themen. Harter Stoff. Aber leicht serviert. Mit Humor, lässig juvenilem Sprechduktus, toller Spielenergie und hohem Tempo, gepusht von der Bühnenmusik.
Die Schauspieler:innen agieren so leidenschaftlich genau als Teenies, dass sie für das angepeilte Publikum ab 14 Jahren bestens als Identifikationsfiguren funktionieren. Gerade auch weil die Perspektivwechsel gelingen, eben noch wie ein Kind etwas als magisch wahrzunehmen, schon tun sich andere Wirklichkeiten mit ganz neuen emotionalen Erfahrungen auf. Nebenbei skizziert das Spielduo auch immer mal wieder kurz Lehrer, Eltern oder Freund:innen mit einer gehörigen Portion Ironie. Die es auch nutzt, um mit ihrem zweiten Ich, dem digitalen Avatar, zu sprechen. Wobei Louis in seiner „Narzissus“-Maskerade mit Roboterbewegungen/-stimme aufgeht und Sedna sich immer nixenhafter gibt, ist ihr Name doch ein mythologischer Verweis auf die Meeresgöttin der Inuit. Alisa Guberman weiß zudem mit Licht, Schatten und dezenten Videoprojektionen optische Effekte zu erzielen und so die erzählten Träume, Fantasien, Erinnerungen atmosphärisch zu stärken. Sie liefert eine stringent stückdienliche Inszenierung und zeigt, wie Einfühlsamkeit im Theater zu erlernen ist. Gelungene Regietalentprobe.
Erschienen am 20.3.2025