Thema
TdZ+Wahnsinnsarien und singende Dämonen
Warum der Horror schon immer zum Musiktheater gehört
von Stefan Keim
Assoziationen: Theatergeschichte Musiktheater Dossier: Horror, das Unheimliche auf der Bühne
Erschienen am 17.5.2026

Die Hexen sind Putzfrauen. Sie müssen viel Blut weg schrubben, denn ihr Arbeitgeber ist Macbeth, der sich in Giuseppe Verdis Shakespeare-Oper auf den Thron massenmordet. In der Inszenierung von Robert Carsen, die über Jahrzehnte an verschiedenen Opernhäusern gespielt wurde, ist die Oper pures Horror-Musiktheater mit psychologisch feinsinnigen, aber auch schockierenden Effekten. Wenn Macbeth, der mit seiner ordensübersäten Uniform an osteuropäische Diktatoren und ganz konkret an Ceausescu erinnert, zum Bankett lädt, entgleitet ihm die Kontrolle. Zum dramatischen Aktfinale erhebt sich nicht nur das Gespenst Banquos. Der gesamte Chor hat plötzlich Einschusslöcher in der Stirn und wankt zombieartig auf das Publikum zu. Zum letzten Akkord saust der Vorhang herab. Und ich saß im Publikum wie in einem guten Horrorfilm, starr, atemlos, ich musste erst wieder in die normale Welt zurückfinden.
Die Oper und der Horror gehören zusammen, schon immer. Der Urmythos des Musiktheaters erzählt von Orfeo und seinem Abstieg in die Unterwelt, um die geliebte Euridice der Welt des Todes zu entreißen. Orfeo ist ein Sänger, ausschließlich durch die betörende Kraft seiner Stimme kann er die finsteren Gestalten erweichen. Also gab es eine logische Begründung, warum gesungen werden musste. Der Kampf der Schönheit gegen die Dunkelheit gehörte schon bei Claudio Monteverdi in...
Erschienen am 17.5.2026



















